15 Jahre lang wie Dreck behandelt

Er demütigte sie, beschimpfte sie und spielte mit ihr. Frau B. harrte aus – für die Kinder.

Nach aussen war ihr Mann charmant, zu Hause verbreitete er Angst und Schrecken: Frau B. Foto: Sophie Stieger Photography

Nach aussen war ihr Mann charmant, zu Hause verbreitete er Angst und Schrecken: Frau B. Foto: Sophie Stieger Photography

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«Sorry», sagte ihr Mann, wenn er sie angerempelt hatte und sie gestürzt war, «du bist halt zu dick, an dir kommt man ja nicht vorbei.» Wenn er sie in den Rücken gestossen hatte und sie hinfiel: «Du bist so dumm, du kannst nicht einmal geradeaus gehen.» Wenn sie am Herd stand und er ihr die Türe des Küchenschränkleins an den Kopf knallte: «Musst du immer im Weg stehen, Totsch.»

Frau B.* ist 60 Jahre alt, gross und schlank, graue Kurzhaarfrisur; sie trägt ein schmales schwarzes Wollkleid, violette Strümpfe, flache Schnürschuhe. Eine besonnene, aber versehrte Frau. 35 Jahre lang verheiratet, zwei Söhne, 21 und 25, immer berufstätig als Sozialarbeiterin, auch in leitenden Funktionen; es gab Phasen, da war sie es, die die Familie finanziell über Wasser hielt. Ihrem Mann, von dem sie nur als «zukünftiger Ex-Mann» spricht, gelang es lange nicht, beruflich Fuss zu fassen.

Er schlug sie nie direkt. Er rammte sie und versetzte ihr Stösse, ganz beiläufig, wie nebenbei. Nie während eines Streits. Sondern später, aus dem Nichts heraus, sehr gezielt, und immer dann, wenn sie nicht damit rechnete. Und nie so, dass sie hätte sagen können: Er hat mich verprügelt. Denn das tat er ja nicht. Die blauen Flecken sah unter den Kleidern niemand.

Bis an diesem Abend vor zwei Jahren. Da war er lautlos von hinten an sie herangeschlichen und hatte ihr einen Bildband auf den Kopf geschlagen. Als sie sich umdrehte, war sein Gesicht verzerrt, sie fiel rücklings hin. Zitternd und um Fassung ringend, sagte sie: «Das nächste Mal rufe ich die Polizei.» Er grinste. «Dann sage ich, dass du mich seit Jahren schlägst.»

Kurz nach der Hochzeit hatte er eine Affäre

Es war kurz vor Mitternacht, sie kauerte am Boden und verstand in diesem Moment, dass es vorbei war. Dass all ihre Bemühungen, die Ehe aufrechtzuerhalten, gescheitert waren. Dass sie nichts ausrichten konnte gegen seine Wut, dass es nichts nützte, wenn sie lieb war, wenn sie alles vermied, was ihn reizen könnte.

Sie hatte Angst, dass er ihr etwas antun könnte; die Angst fühlte sich an wie eine Ahnung. Sie schlief nicht in dieser Nacht. Am nächsten Morgen kontaktierte sie die Polizei und eine Anwältin.

Er wurde aus der Wohnung gewiesen und durfte sich ihr vorübergehend nicht mehr nähern; es wurde ein Rayonverbot verhängt, kurz darauf ein zweites.

Nach dessen Ablauf zog er wieder ein; die Monate, die folgten, waren unerträglich. Dann endlich musste er sich eine eigene Wohnung suchen. Im Januar steht der Scheidungstermin an.

Die erste Affäre hatte er kurz nach der Hochzeit, das junge Paar trennte sich. Niemand erfuhr etwas davon, nicht einmal ihre Eltern. Ein ganzes Jahr lang hielt sie die Fassade aufrecht, weil sie es nicht ertragen hätte, die Wahrheit sagen zu müssen. Er war ihre grosse Liebe, und sie wollte Kinder, eine Familie, sie wollte sich kümmern und da sein für andere. Am liebsten wäre sie nach der Ausbildung nach Afrika gegangen, um zu helfen.

Sie wollte ihren Söhnen keine Scheidung zumuten

Sie fanden sich wieder. Bekamen zwei Söhne. Frau B. arbeitete nach dem Mutterschaftsurlaub jeweils in einem 70-Prozent-Pensum weiter, daneben putzte und kochte sie, kümmerte sich um die Kinder, finanzierte die Ferien. Es war selbstverständlich für sie, «ich bin sehr fürsorglich».

Trotzdem war da diese leise Stimme, die ihr sagte, dass etwas nicht stimme, vor allem seit der Geburt des zweiten Sohnes. «Ich wollte nicht hinhören», sagt Frau B., «weil ich ahnte, dass die Stimme recht hat. Aber ich wollte mir meinen Traum von der intakten Familie nicht kaputt machen lassen. Und so hörte ich einfach weg.»

Denn ihr Mann hatte zwei Seiten. War nach aussen charmant, kultiviert, alle mochten ihn. Daheim war er ein Tyrann. Beschimpfte sie. Liess sie im Stich. War nicht zur verabredeten Zeit vor Ort, um die Kinder abzuholen; immer wieder musste sie von der Arbeit aus notfallmässig ihre Mutter organisieren. Er reagierte eifersüchtig auf die Kinder und hatte erneut Affären, woran er ihr die Schuld gab – wenn sie sich so sehr mit den Söhnen beschäftige, bliebe ihm ja nichts anderes übrig. Sie litt.

Er nannte sie beschränkt, fett und hässlich

Dann begann er, mit ihr zu spielen. Meldete sich zum Abendessen ab, nur um dann unerwartet aufzutauchen und ihr vorzuwerfen, nicht für ihn gekocht zu haben. Sie, die wie überall im Leben sehr organisiert war, bat ihn, doch künftig vorher anzurufen, dann passiere das nicht. Er tat es nie, sondern machte ihr immer wieder denselben Vorwurf. Die Kinder fragten irgendwann: «Mami, weshalb willst du nicht für Papi kochen?»

Die wenigen engen Freundinnen, die davon wussten, rieten ihr, sich zu trennen. Sie schaffte es nicht. Er hatte immer wieder gedroht, ihr dann die Buben wegzunehmen. Sie ausgelacht, dass ihr sowieso niemand glauben würde. Und dann kam sie ja auch gar nicht auf die Idee, dass das, was ihr widerfuhr, Gewalt war. Sie schüttelt den Kopf: «Wenn nicht durch die Anzeige bei der Polizei automatisch eine Opferberatungsstelle mit mir Kontakt aufgenommen hätte, wäre mir nicht klar geworden, was los ist. Ich dachte wirklich, dass eine Frau schon im Notfall landen muss, bis man von häuslicher Gewalt spricht.»

Und so bemühte sie sich immer weiter. Wollte alles richtig machen. Ertrug, dass er sie beschränkt nannte, fett, hässlich – vielleicht lag es ja doch an ihr, machte sie es nicht gut genug. Sie schlug eine Paartherapie vor, die er mitten während einer gemeinsamen Sitzung für beendet erklärte und verliess.

Frau B. gab nicht auf. Sie wollte ihren Kindern keine Scheidung zumuten, das war keine Option. «Dieser Idee», sagt sie heute, «habe ich alles untergeordnet. Ich dachte, ich könnte meinen Buben nur Stabilität vermitteln, wenn wir eine Familie bleiben. Wie konnte ich mich nur so irren, was habe ich ihnen angetan damit.» Sie weint.

Dauernd in Alarmbereitschaft

Obschon ihr Mann längst einen gut bezahlten Job gefunden hatte, wurde er immer gereizter. Die Übergriffe häuften sich, wurden heftiger. Sie hatte das Gefühl, auf einem Pulverfass zu sitzen, irgendwann, war sie sicher, würde etwas Schlimmes passieren. Sie hielt den Atem an, wenn sie abends seinen Schlüssel im Schloss hörte, betete, dass er nicht grob werden würde.

Wie angespannt sie in seiner Anwesenheit war, wie es ihr zur Gewohnheit geworden war, dauernd in Alarmbereitschaft zu sein, merkte sie erst, als er ausgezogen war. Es schockierte sie. «Ich hatte immer Jobs mit viel Verantwortung, man attestierte mir gar, besonders gut mit Konflikten umgehen zu können. Nur daheim war das alles weg. Das hatte er aus mir gemacht: mir den ganzen Selbstwert genommen.» Sie will sich ihre frühere Leichtigkeit und ihren Mut zurückholen. Zunächst aber fürchtet sie sich vor dem Scheidungstermin. Dass ihr zukünftiger Ex-Mann wieder lügt, alles zu seinen Gunsten dreht. Und dass am Ende wieder irgendeiner sagt, sie sei schuld daran. So wie es bereits bei einem ersten Gerichtstermin der Fall gewesen war.

Für die Gewalteinwirkung sei sein Mandant zwar gebüsst worden, sagte damals der Anwalt ihres Mannes. Aber die Verletzungen seien nicht gravierend gewesen, und sie, Frau B., habe ihn ja auch ständig provoziert. Frau B. sah ihre Anwältin an. Sah dann nach vorne, wo die Richterin sass, flankiert von zwei Juristinnen. Die Frauen schwiegen. Zuckten nicht mit der Wimper. Frau B. wollte schreien.

Sie knetet ihr Taschentuch, wenn sie jetzt, ein Jahr später, davon erzählt. «Es wühlt mich immer noch auf», sagt sie und wischt sich die Augen. Weil genau dieser Satz, dieser grässliche Satz, ihre grösste Angst gewesen ist: dass man den Spiess umdrehen und ihr die Schuld geben würde. So, wie das ihr Mann gemacht hatte, 15 Jahre lang.

* Name der Redaktion bekannt



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Erstellt: 02.12.2019, 19:41 Uhr

«Betroffene sagen, auf die Dauer sei psychische Gewalt schlimmer»

In der Schweiz werden jährlich rund 18500 Straftaten aus dem Bereich der häuslichen Gewalt erfasst. Zu über drei Vierteln sind die Opfer weiblich und die Täter männlich: Jede zweite Woche wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner ge- tötet, jede Woche erfolgt ein Tötungsversuch. Für weniger Schlagzeilen sorgt die psychische Gewalt. Brigitte Dähler, 62, Gesprächstherapeutin und Sozialpädagogin mit eigener Praxis, arbeitet bei der Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft (BIF), in Zürich, und erklärt, wie sich diese Form auf die Betroffenen auswirkt.

Ist Frau B. ein typischer Fall?
Viele unserer Klientinnen erleben ähnliches. Sie werden über Jahre gedemütigt, in Verdrehung der Tatsachen wird ihnen die Schuld an allem zugewiesen. Frau B. war zudem das Opfer von Tätlichkeiten. Psychische Gewalt klingt im Vergleich zu körperlicher Gewalt oft gar nicht so schlimm, wirkt in ihrer Gesamtheit aber verheerend.

Inwiefern?
Weil es etwas mit den Frauen macht, wenn der Partner einem über Jahre beschimpft und als psychisch krank betitelt, wenn einem die eigene Wahrnehmung abgesprochen wird. Diese Opfer-Täter-Umkehr ist typisch. Die Frauen denken lange, mit ihnen stimme was nicht. Oder dass ihnen sowieso niemand glauben würde. Das ist mit ein Grund dafür, weshalb es oft so lange dauert, bis sie sich professionelle Hilfe suchen oder an die Polizei wenden.

Sozialpädagogin Brigitte Dähler. Foto: Sophie Stieger Photography

Ein blaues Auge wäre für die Glaubwürdigkeit sozusagen hilfreicher?
Ja, viele Frauen, die ausschliesslich psychische Gewalt erfahren, die etwa eingesperrt oder erniedrigt werden, sagen: Würde er mich doch schlagen, dann sähe man immerhin etwas. Die meisten Frauen, die beide Formen von Gewalt erleben, sagen: Über die Zeit gesehen ist die psychische Gewalt schlimmer.

Wie äussert sie sich hauptsächlich?
In der Ausübung von Kontrolle. Über Handy, Computer, Kameras in der Wohnung oder der Vorschrift, nur über Facetime zu telefonieren, damit der Mann immer sieht, wo sich die Frau aufhält. In Drohungen, intime Fotos zu veröffentlichen. Oder darin, jede Minute des Tages rapportieren zu müssen. Schon kleinste Verspätungen können zu stundenlangem Streit führen.

Je gleichgestellter die Geschlechter sind, desto weniger sollte es doch Gewalt gegen Frauen geben.
Gleichberechtigung ist ein Schutzfaktor, weil das Machtgefälle kleiner wird. Aber Männer, die Partnerschaftsgewalt ausüben, wollen keine Beziehungen auf Augenhöhe führen. Sie ziehen es vor, ihre Partnerinnen abzuwerten und zu dominieren. In vielen Köpfen geistern immer noch die alten Machthierarchien rum. Vermutlich hilft es dann, die Frauen klein zu machen, um sich selbst als machtvoll zu erleben. Ich staune immer wieder, wie viele Männer sich berechtigt fühlen, ihre Partnerinnen zu misshandeln.

Es werden aber nicht nur Frauen Opfer von häuslicher Gewalt.
Richtig. Frauen sind nicht per se die besseren Menschen, und betroffene Männer sollen genauso selbstverständlich Hilfe erhalten. Aber man muss die Relationen sehen: Frauen sind viel häufiger und von härterer Gewalt betroffen. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern lässt sich im Hinblick auf den Extremfall so zusammenfassen: Frauen töten, um sich von ihrem Partner zu befreien, Männer, um ihre Partnerin am Gehen zu hindern.

Oft geht die Frau aber eben nicht. Weshalb fällt das so schwer?
Die Scham ist immens. Es ist nicht einfach, sich vom Bild desjenigen Menschen, den man einmal geliebt und begehrt hat, zu verabschieden. Und sich einzugestehen, dass man Opfer von häuslicher Gewalt ist.

Wie behält man bei Ihrer Arbeit den Glauben ans Gute?
Es gibt Momente, in denen mich das unfassbare Ausmass der Gewalt erschüttert. Aber wenn sich eine Frau nach einem Gespräch verabschiedet und ich merke, sie geht stärker nach Hause, als sie gekommen ist, berührt mich das sehr.

Kostenlose Hilfe: www.opferhilfe-schweiz.ch

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