315'000 verspätete SBB-Kunden an einem Tag

Im letzten Monat waren auf den Hauptachsen bis zu 40 Prozent der Züge unpünktlich.

Oft ist Geduld gefragt: Wartende Fahrgäste vor einem einfahrenden Intercity. Foto: Keystone

Oft ist Geduld gefragt: Wartende Fahrgäste vor einem einfahrenden Intercity. Foto: Keystone

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Nichts ging mehr. Eine verbogene Schiene in der Nähe des Bahnhofs Bern Wankdorf und eine Stellwerkstörung in Hindelbank BE lösten auf der Strecke zwischen Zürich und Bern ein Chaos aus. Züge mussten nach Biel umge­leitet werden, mehrmals fiel die Klimaanlage aus. Auch in weiteren Bahnhöfen stand der Schienenverkehr am vorletzten Donnerstagabend praktisch still.

Die vergangenen Tage haben zahlreiche Bahnkunden frustriert. Neben Wartezeiten, kaputten Klimaanlagen und fehlender Information liessen die Züge in einigen Fällen sogar Haltestellen aus, um Verspätungen aufzuholen. Ob das mit der Betriebspflicht vereinbar ist, wird das Bundesamt für Verkehr untersuchen.

Jetzt zeigt eine Auswertung auf einer privaten Plattform, wie oft die SBB-Züge in den letzten Tagen gerade auf den Hauptachsen zu spät kamen. An jenem Donnerstag vor zwei Wochen waren gemäss der Website Puenktlichkeit.ch knapp 63 Prozent der Züge von Zürich nach Bern mit einer Verspätung von über 3 Minuten unterwegs. Im gesamten letzten Monat waren auf derselben Strecke 28 Prozent der Züge unpünktlich. Noch schlechter sind die Werte für die Fahrt von Basel nach Zürich: Im letzten Monat waren über 40 Prozent der Züge verspätet.

«Solche Tage sind auch für die SBB inakzeptabel»

Puenktlichkeit.ch beruht auf Zahlen, die die SBB zur Verfügung stellen. Die Bundesbahnen selber berechnen Verspätungen anders. In die Zahlen fliessen nur ausgewählte, wichtige Bahnhöfe ein. Bei ­Puenktlichkeit.ch werden alle Fahrten gleich behandelt. Die SBB berechnen den Anteil der Kunden, die pünktlich ankommen, Puenktlichkeit.ch den Anteil der Züge.

«Die Kundenpünktlichkeit ist 2019 auf hohem Niveau stabil. In den letzten Tagen waren aber leider mehrere 100'000 Kundinnen und Kunden von diversen Störungen betroffen», sagt SBB-Sprecher Raffael Hirt. Dies habe einen negativen Einfluss auf die Kundenpünktlichkeit gehabt. Am vorletzten Donnerstag waren auf dem gesamten Streckennetz 25 Prozent der Züge unpünktlich.

Täglich reisen geschätzte 1,26 Millionen Menschen mit den SBB. Bei 25 Prozent unpünktlichen Kunden sind demnach über 300'000 Passagiere von Verspätungen betroffen. Hirt spricht von «absoluten Einzelfällen». Solche Tage seien auch für die SBB inakzeptabel, und die Mitarbeiter würden ihr Menschenmögliches geben, um dies zu verhindern.

Präsidentin der Verkehrskommission sieht Handlungsbedarf

Hirt spricht von einer «Aneinanderreihung von einzelnen Störungen aus verschiedenen Gründen». In vielen Fällen habe die Hitze eine Rolle gespielt – nicht nur wegen Gleisverwerfungen, sondern zum Beispiel auch bei der Stellwerkstörung in Hindelbank von vorletzten Donnerstag. Wegen der hohen Temperaturen seien dort die Sicherungen ausgefallen, sagt Hirt. «Systemische Ursachen respektive Muster» seien aber keine erkennbar.

Edith Graf-Litscher, Nationalrätin und Präsidentin der Verkehrskommission, sieht allerdings Handlungsbedarf: «Es scheint klar, dass die Verspätungen nicht ausschliesslich auf die Hitze zurückzuführen sind. Es fehlt an qualifiziertem Personal und an Rollmaterial», sagt sie. Sie wird das Thema politisch aufgreifen. «Die Verspätungen werden in der Verkehrskommission traktandiert.» Auch die SBB selber werden aktiv. Am 14. August wollen die Bundesbahnen über die Ergebnisse einer eingesetzten «Expertengruppe Pünktlichkeit» informieren.

«Wir haben geprüft, ob im Personenverkehr auf diesen Rundgang verzichtet werden kann.»SBB-Sprecher Raffael Hirt

Kritik für die SBB gibts auch von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Lokführerverband VSLF moniert, dass die SBB erwägten, die technischen Kontrollen abzuschaffen. Bei diesen überprüfen die Lokführer, dass die Betriebssicherheit der Züge gewährleistet ist.

Beim VSLF vermutet man, dass die SBB auf Kosten der Sicherheit sparen wollten. «Wir haben geprüft, ob im Personenverkehr auf diesen Rundgang verzichtet werden kann», bestätigt Hirt. Man überprüfe regelmässig die Tätigkeiten bezüglich Effektivität und Effizienz und sei zum Schluss gekommen, den Rundgang beizubehalten.

Planungs-Software bei SBB Cargo sorgt für Probleme

Auch bei der IT bestehen Probleme. Bereits in der Kritik stand die Software Sopre, mit der die Dienste von Lokomotivführern und Zugpersonal im Personenverkehr abgerechnet werden. Jetzt zeigt sich, dass die bei SBB Cargo eingesetzte Software Caros ebenfalls nicht wunschgemäss funktioniert. «Caros rechnet geleistete Arbeit regelmässig falsch ab, und die Fehler müssen im System manuell korrigiert werden», sagt Urs Kieliger vom Lokpersonalverband LPV.

«Das alte Planungssystem lief über anderthalb Jahrzehnte; verständlicherweise müssen sich die Mitarbeitenden nun erst ans neue System gewöhnen», sagt Hirt. Die Erstellung der Jahresendabrechnung habe 2018 deshalb länger gedauert als geplant. «Jedes IT-System habe bei der Einführung Kinderkrankheiten, so auch Caros.» Auch jetzt laufe technisch noch nicht alles so, wie es sollte. «Unsere Fachleute arbeiten mit Hochdruck daran, dies zu verbessern».



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Erstellt: 07.07.2019, 08:13 Uhr

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