5G erschwert die Arbeit von Geheimdienst und Polizei

Mit dem neuen Mobilfunkstandard funktioniert die staatliche Überwachung nicht mehr wie gewohnt.

Mehr Mobilfunk: Eine neue Handyantenne kommt aufs Dach. Foto: Urs Jaudas

Mehr Mobilfunk: Eine neue Handyantenne kommt aufs Dach. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der neue Mobilfunkstandard 5G ist bis zu 100-mal schneller, er wird aber auch die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden erschweren. Im Fokus steht die sogenannte International Mobile Subscriber Identity (IMSI), eine Identitätsnummer, die auf dem Handy oder der SIM-Karte gespeichert ist. Mit dem neuen 5G-Standard wird sie verschlüsselt; diese Sicherheitsmassnahme haben Telecomfirmen bei der Arbeitsgruppe 3GPP durchgesetzt, die weltweit die Sicherheitsstandards definiert.

Sogenannte IMSI-Catcher könnten bei 5G damit nicht mehr eingesetzt werden. Das sind unauffällige Koffer, die eine Handyantenne simulieren und sich so zwischen Mobiltelefone und Antennen einklinken können. Das Handy loggt sich beim IMSI-Catcher ein, dieser kann sämtlichen Datenverkehr abgreifen und auch Telefongespräche abhören. In der EU gibt es deshalb konkrete Pläne, die Sicherheit der 5G-Netzwerke zu schwächen. Der EU-Anti-Terror-Koordinator Gilles de Kerchove hat in einem internen Schreiben, das der TV-Sender ORF publik machte, die Mitgliedsstaaten aufgefordert, eine Verschlüsselung von 5G zu verhindern, um die Überwachung durch IMSI-Catcher doch noch zu ermöglichen.

Probleme bei der Fernmeldeüberwachung möglich

Auch die Schweizer Strafverfolger reagieren. Gemäss der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten (KKPKS) laufen zurzeit Abklärungen, inwiefern der Einsatz eines IMSI-Catchers durch den neuen Mobilfunkstandard tatsächlich behindert wird. Bei der Bundespolizei Fedpol heisst es: «Technische Weiterentwicklungen der Telekommunikation sind nicht neu. Die Strafverfolgungsbehörden müssen ihre Ermittlungsinstrumente dementsprechend auch weiterentwickeln.» Bei der Kantonspolizei Zürich seien Anpassungen geplant, sagt ein Sprecher. Welche Anpassungen vorgenommen werden, bleibt unerwähnt.

Beim Dienst Überwachung Post- und Fernmeldeverkehr (ÜPF) weist man darauf hin, dass das 5G-Netz in der Schweiz in zwei Etappen ausgerollt werde. Mit der ersten Etappe werde das sogenannte Non-Standalone 5G etabliert, mit dem der bisherige Standard 4G weiterhin als Kernsystem verwendet wird. Ab 2020 wird das Standalone 5G aufgebaut. «Ab Einführung von Standalone 5G könnte es effektiv zu Problemen bei der Fernmeldeüberwachung und dem Einsatz von besonderen technischen Geräten wie IMSI-Catchern kommen, wenn keine geeigneten Alternativen gefunden werden», sagt Sprecher Nils Güggi.

IMSI-Catcher: Wichtig für Spionage und Rettung

Im vergangenen Jahr wurden 84 Einsätze mit IMSI-Catchern durchgeführt. «Dabei handelt es sich lediglich um die Zahl der abgeschlossenen Verfahren», sagt Martin Steiger, Rechtsanwalt und Sprecher der Digitalen Gesellschaft, die sich gegen Massenüberwachung starkmacht. Noch laufende Verfahren, bei denen IMSI-Catcher im Einsatz waren, wurden also nicht mitgezählt. Zudem würden für die Statistik nur jene Einsätze berücksichtigt, die von den Polizeibehörden gemeldet wurden. Beim Fedpol weist man darauf hin, dass IMSI-Catcher auch zwei- bis dreimal pro Monat bei Not­suchen, etwa bei Menschen, die von Lawinen verschüttet werden, zum Einsatz kommen.

Die Telecomfirmen äussern sich unterschiedlich zur Frage, ob mit IMSI-Catchern auf ihre Netze zugegriffen werden kann. Salt konnte Fragen bis Redaktionsschluss nicht beantworten. «Sunrise stellt heute und künftig technisch sicher, dass die gesetzlich vorgeschriebenen Überwachungsformen auch über 5G möglich sind», sagt ein Sprecher. Weitere Angaben könne man aus Sicherheitsgründen nicht machen.

«Eine End-zu-End-Verschlüsselung wird es nie geben.»Martin Steiger, Rechtsanwalt und Sprecher der Digitalen Gesellschaft

«IMSI-Catcher haben beispielsweise die Möglichkeit, die Verbindungen zwischen dem Handy und der nächsten Antenne zu blockieren, sodass ein Mobiltelefon sich erst gar nicht mit dem 5G-Netz verbinden kann», sagt Martin Steiger. Die Swisscom widerspricht: IMSI-Catcher würden bereits seit der dritten Generation Mobilfunktechnologie bei der Swisscom nicht mehr funktionieren. «Zudem ist es unwahrscheinlich, dass jemand mit einem IMSI-Catcher über unser GSM-Netz (2G) Gespräche abhören kann, wir haben hier zusätzliche Sicherheitsschwellen eingebaut», sagt eine Sprecherin.

«Eine End-zu-End-Verschlüsselung wird es nie geben», sagt hingegen Steiger von der Digitalen Gesellschaft. «Jeder Telekommunikationsanbieter ist heute zudem verpflichtet, in seinen Netzen eine Schnittstelle offen zu halten, die von Sicherheitsbehörden für die Überwachung genutzt werden kann.» Diese Schnittstelle kann allerdings von Hackern attackiert werden. Auch nach der Einführung von 5G.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 26.05.2019, 16:36 Uhr

Artikel zum Thema

Auf der Suche nach 5G

Die ersten Handymasten sind mit der neuen Technologie auf Sendung. Doch ganz so einfach ist das alles nicht, wie unser Test-Spaziergang zeigt. Mehr...

Fakten gegen die 5G-Panik

Der Widerstand gegen den neuen Mobilfunkstandard wächst. Die Angst davor ist aber unbegründet, wie zahlreiche Studien belegen. Mehr...

Angst vor 5G – jetzt spricht der Swisscom-Chef

Urs Schaeppi warnt bei Verzögerungen, die «Schweiz würde abgehängt». Und er fordert: «Die Politik muss nun Farbe bekennen.» Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Geldblog So riskant ist die Osram-Übernahme für AMS
Sweet Home Willkommen im Weihnachtswunderland

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...