Abschied von «Doctor God»

Der Schweizer Arzt Beat «Beatocello» Richner ist schwer erkrankt. Sein Spital in Phnom Penh hat Angst vor der Zukunft.

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Von der schlimmen Nachricht habe sie im Fernsehen gehört, sagt Cheng Han Kimheng. Doktor Beat Richner sei krank, sagt die 38-jährige Mutter, mehrmals hätten die TV-Sender darüber berichtet. «Ich empfinde grosse Dankbarkeit für ihn», sagt sie. Jetzt umso mehr – da ihre Tochter wenige Stunden nach der Nachricht plötzlich selbst in einem Krankenhaus von Richner Hilfe bekomme.

Die Mutter harrt am Bett ihrer verunglückten Tochter aus und tätschelt deren Hand, über den beiden rotiert ein Ventilator und vertreibt die Hitze. Nach einem Fahrradunfall war die 8-jährige Davy bewusstlos und musste sich übergeben. Also schnappte sich die Frau ihr Kind und fuhr drei Stunden über die staubigen Pisten zum Spital Kantha Bopha IV in Phnom Penh.

Leitung der Spitäler abgegeben

Die kleine Dany darf am nächsten Tag wieder nach Hause. Richner dagegen kann wohl nicht mehr in seine jahrzehntelange Wahlheimat Kambodscha zurückkehren. Der 70-jährige Kinderarzt habe wegen einer schweren Erkrankung die Leitung seiner Krankenhäuser abgegeben, teilte seine Kantha-Bopha-Stiftung mit. Viele Menschen in Kambodscha hatten sich davor gefürchtet: Die fünf Kinderkrankenhäuser, die Richner in Phnom Penh und Siem Reap aufgebaut hat, müssen ohne Chefarzt, Benefiz-Künstler («Beatocello») und Manager Richner auskommen.

Bis zu 90 Prozent aller Kinder Kambodschas werden in seinen Krankenhäusern behandelt, vergangenes Jahr waren es rund 180'000. «Doctor God» nennen ihn die Menschen ehrfürchtig dafür, dass er in dem korrupten Kambodscha eine kostenlose Gesundheitsversorgung für Kinder aus dem Nichts aufgebaut hat. Das Geld dafür sammelte er mit seinen Cello-Konzerten teilweise selbst.

Angestellte und Ärzte mussten weinen

Peter Studer, 70 Jahre alt, muss nun überlegen, wie er ohne dieses Geld auskommt: Der Kinderarzt im Ruhestand und Vizepräsident der Kantha-Bopha-Stiftung sitzt in der Cafeteria des Spitals und ist sichtlich erschöpft. In diesen Tagen hetzt er unter tropischen Temperaturen von einem Termin zum anderen. Er hat sich mit Ministern und dem Vizepremier getroffen, um über die Zukunft der Klinik zu beraten. Und er muss besorgte Mitarbeiter in den Spitälern beruhigen. «Ich versichere den Leuten, dass wir vorbereitet sind», sagt er.

Die Nachricht von der Erkrankung Richners hatte die ­Belegschaft tief erschüttert. Das merkte Studer auch, als er die Hiobsbotschaft überbrachte. «Chefärzte, gestandene Männer, mussten sich wegdrehen und haben angefangen zu weinen», sagt er. «Der Übersetzer war so berührt, dass er Mühe hatte weiterzuarbeiten.» Mittlerweile ist der erste Schock überwunden. «Wir sind natürlich noch besorgt», sagt der Arzt Rada Lye. «Aber wir haben die Stärke und das Können, ohne ihn weiterzumachen. Er hat uns vieles gelehrt.»

Es ist vor allem das Geld, das Sorgen bereitet. Mit 70 könne er nicht mehr Cello spielend Geld für die gesundheitliche Versorgung der Kinder des Landes sammeln, schrieb Richner einmal Kambodschas Regierung. Genauso sollte es schliesslich eintreffen – die dunkle Vorahnung wurde wahr.

Spenden dürfen nicht einbrechen

Fünf Millionen Franken seien jährlich allein durch die Konzerte Richners in die Kassen des Kranken­hauses geflossen, sagt Studer. Immerhin hat Kambodscha im Jahr 2015 seine Förderung auf jährlich sechs Millionen Schweizer ­Franken verdoppelt, zudem erhält das Krankenhaus seit kurzem Geld aus den Eintritten der Tempelanlage Angkor Wat. Die Schweizer Regierung steuert noch bis mindestens 2018 10 Prozent des Budgets bei. «Wir haben genug Cash für die kommenden 15 Monate», sagt Studer. «Wir müssen dennoch darauf hoffen, dass die Spenden jetzt nicht einbrechen.» Für Kambodschaner fester Teil des Gesundheitssystems

Nur noch ein Ausländer ist nach Richners Ausscheiden unter den 2500 Mitarbeitern der Krankenhäuser: Der französische Biologe Denis Laurent arbeitet bereits seit 23 Jahren für Richners Kliniken, künftig wird er vor Ort die Verantwortung tragen. «Ich nehme es an wie ein Erbe», sagt Laurent. «Beat war wie ein Vater für mich.» Auf einer kleinen Tour zeigt Laurent, was Richner alles aufgebaut hat – und wie es auch ohne ihn weiterläuft. Er beginnt am Eingang: Die Schlange der Frauen mit Kindern auf dem Arm reicht bis auf die Strasse. Etwa 1500 Patienten kommen in das Spital. «Jeder wird gleich behandelt, egal, wie arm er ist oder wo er herkommt», sagt er. Nur eine Frau wird vorgelassen, ein Notfall – sie stürmt mit einem Kind im Arm in eines der Behandlungszimmer.

Die Einrichtung beschränkt sich auf das Nötigste: Aus Mangel an Betten und Platz müssen manche Patienten auf dem Fussboden schlafen, rund 50 Kinder sind mit ihren Eltern in einem Saal untergebracht. Auch die Anzahl technischer Geräte ist begrenzt: Beatmungsmaschinen sind für die schweren Fälle reserviert. Zum Beispiel für den an Tetanus erkrankten Jungen, der apathisch an die Decke starrt. Ein Mädchen, das gerade erst eingeliefert wurde, wird dagegen von seiner Mutter beatmet: Regelmässig drückt sie den Ballon zusammen, damit Luft in die Lungen ihrer Tochter strömt.

Kambodscha soll mehr zur Finanzierung beitragen

Rahel Boesch von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) ist ebenfalls vor Ort. Sie sagt: «Mittelfristig ist das Ziel, dass Kambodscha noch mehr zur Finanzierung beiträgt.» Dafür würden sich die Deza und die Stiftung im Dialog mit der kambodschanischen Regierung einsetzen. Dass die Schweiz ihren Anteil weiter erhöht, sei derzeit nicht vorgesehen. Richners Nachfolger Studer ist zuversichtlich, dass Kambodscha tatsächlich stärker einspringt. «Die ersten Reaktionen sind gut», sagt er. «Wir sind ‹too big to fail›.»

Für viele Kambodschaner sind die Kliniken längst fester Bestandteil des Gesundheitssystems. Trotz der Popularität Richners wissen manche gar nicht mehr, dass sie von einem Schweizer aufgebaut wurden. Non Vany Lang, 50, wartet mit ihrer Enkelin vor dem Krankenhaus. Das Kind auf ihrem Schoss ist sieben Monate alt, es leidet an Tuberkulose. Von einem Doktor Richner habe sie nie gehört, sagt die Grossmutter. «Aber wenn er diese Klinik gebaut hat, hat er diesem Mädchen das Leben gerettet», sagt sie. «Ich wünsche ihm von Herzen gute Besserung.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.04.2017, 23:01 Uhr

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