Wenn die Hände reden

Gesten sind ein wichtiger Teil der Kommunikation. Sie können aber auch zu saftigen Missverständnissen führen. Eine Zeichenkunde.

Die Sprache der Hände. Video: Tamedia/A. Ackermann, V. Ebner

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Vermutlich fehlten Jean-Claude Juncker beim Treffen der Eurogruppe einfach die Worte. Im Jahr 2012 legte er seine Finger um die Kehle des spanischen Wirtschaftsministers. Der hatte soeben eine Neuverschuldung seines Landes verkündet, schon wieder! Juncker hätte die desaströse Entwicklung lautstark kritisieren können. Stattdessen wählte der Vorsitzende der Eurogruppe eine Geste. Er tat so, als wolle er de Guindos würgen.

Die Geste blieb im Gedächtnis, viel mehr, als Worte es vermocht hätten, nicht nur als Symbol für die Kindereien im Politikbetrieb. Die Geste belegte auch die Macht von Handbewegungen, die weit mehr sind als ein Wedeln mit den Fingern, mehr als Lückenfüller in Momenten, in denen die passende Vokabel fehlt. «Sprache ist von Natur aus immer mehrschichtig», schreibt Asli Özyürek vom Max-Planck-Institut (MPI) für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen. Gesten begleiten schätzungsweise 90 Prozent aller gesprochenen Äusserungen.

Südländer gestikulieren nicht häufiger

David McNeill, einer der Altmeister der Gestenforschung, bezeichnet sie sogar als «Fenster zum Geist». Sie unterstützen das Denken und die Sprache. Gesten zeigen, worauf es einem Sprecher wirklich ankommt, sie betonen, erläutern, schwächen ab oder stellen das Gesagte infrage. Sie machen eine Botschaft besser verständlich.

Besonders deutlich wird das, wenn sich Menschen mit präzisen Worten schwertun, etwa beim Beschreiben von Schmerzen. Nehmen sie die Hände zu Hilfe, kann ihr Gegenüber besser nachvollziehen, was den Sprecher peinigt, hat ein Team von der University of Manchester festgestellt.

«Gesten dienen als kultureller Wissensspeicher.»Ellen Fricke, Linguistin

Verglichen mit Gesten wirkt die Lautsprache oft unbeholfen. Wollen zwei Freunde zum Beispiel einen Tisch kaufen, brauchte es viele Wörter, um das Möbel zu beschreiben. Aber eine einzige Handbewegung reicht, um über Grösse und Form Auskunft zu geben. Manchmal wird eine Geste auch einstudiert, um ja nichts über den Gemütszustand zu verraten, wie bei der berühmten Handhaltung von ­Angela Merkel, die wohl vor allem vermeiden soll, dass sie beim Sprechen herumfuchtelt.

Anders als die Grammatik der Lautsprache gilt die der Gesten zum Teil als kulturübergreifend, haben Forscher des Nijmegener MPI für Psycholinguistik gezeigt. Sie verglichen gestische Äusserungen auf Englisch und Türkisch. Im Englischen dominiert die Satzstellung Subjekt, Verb, Objekt, im Türkischen Subjekt, Objekt, Verb. Für ihre Gesten wählten die Probanden beider Sprachen jedoch die gleiche Satzstellung: Subjekt, Objekt, Verb. Studien zu anderen Sprachen brachten das gleiche Ergebnis.

Auch beim Verstehen von Handbewegungen zeigt sich, wie eng gesprochene und gestikulierte Sprache zusammenhängen: Das Gehirn des Empfängers verarbeitet beides auf die gleiche Weise. Entscheidend daran beteiligt sind in jedem Fall Teile des Temporallappens, eines wichtigen Areals der Sprachverarbeitung. Doch die Gesten haben nicht in jeder Kultur die gleiche Bedeutung.

Manchmal passen ausserdem Gesten überhaupt nicht mehr in den Alltag, sie werden von technischen Entwicklungen überholt. Ein Beispiel ist das Telefonieren. Niemand imitiert heute mehr eine Wählscheibe mit dem Finger. «Gesten dienen als kultureller Wissensspeicher», sagt die Chemnitzer Linguistin Ellen Fricke.

Und was ist dran am Klischee, dass Südländer mehr gestikulieren als Menschen im Norden? Dieses «mehr» in der Körpersprache von Südeuropäern konnte die Berliner Linguistin Cornelia Müller in ihrer Studie nicht bestätigen. Spanische Probanden gestikulieren raumgreifender. Bei den deutschen Testpersonen dagegen waren die Bewegungen oft lediglich im Handgelenk verankert und daher weniger auffällig. Ähnlich verhält es sich mit der gesprochenen Sprache, sie klingt im Süden lauter und ausdrucksstärker.

Gesten von Affen ähneln jenem von Menschen

Weil gestikulierte und gesprochene Sprache so viele Gemeinsamkeiten haben, fragt man sich, ob sie sich zusammen entwickelt haben. Oder ist die eine aus der anderen hervorgegangen? Eine abschliessende Antwort gibt es noch nicht. Manche Wissenschaftler schliessen sich dem US-Anthropologen Michael Tomasello vom Leipziger Max-Planck-Institut an. Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation sieht er in Zeigegesten. Aus dieser Nahform der Kommunikation habe sich die Lautsprache entwickelt.

Gesten- und Lautsprache konkurrieren während der kind­lichen Entwicklung miteinander.

Beobachtungen an Kleinkindern untermauern diese These. Das Gestikulieren hilft ihnen, sprechen zu lernen. Im Alter von neun bis zwölf Monaten vollführen Kinder die ersten Zeigegesten. Diese Fingerzeige sind wohl vor allem eine Krücke, um die eigene Gedankenwelt zu sortieren. Für seine ersten Zeigegesten verwendet ein Kind noch die gesamte Hand. Erst später lernt es, nur mit dem Zeigefinger zu deuten. Und kann ein Kind bereits ein paar Wörter sagen, baut es in seine «Sätze» Handbewegungen ein, die den noch fehlenden Wortschatz ersetzen sollen.

Gegen Ende des zweiten Lebensjahres jedoch, wenn der Wortschatz vieler Kinder stark wächst, verzichten sie zunehmend auf die Hilfsgesten. Vielleicht weil sie ihre kognitiven Ressourcen aufs Sprechen konzentrieren, lautet eine Erklärung. Gesten- und Lautsprache konkurrieren während der kind­lichen Entwicklung miteinander. Nach Ansicht mancher Forscher könnte das ein Hinweis darauf sein, dass sich beide Kommunikationswege in der Evolution gleichzeitig entwickelt haben, anders als es Michael Tomasello einschätzt.

Auch Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans und Gorillas verwenden Gesten, vor allem, wenn sich die Tiere in übersichtlichem Gelände unter vertrauten Artgenossen oder Menschen befinden. Im Zoo etwa deuten sie auf Trauben, um den Wärter zu einer Futterspende zu bewegen; im Freiland zeigen sie auf jene Stelle an ihrem Rücken, an der sie von einem Artgenossen gekrault werden möchten. Ob solche Gesten weitgehend angeboren sind oder Menschenaffen sie erlernen müssen, auch darüber wird heftig diskutiert.

Auffällig ist in jedem Fall, wie manche Affengesten jenen der Menschen ähneln. Das gilt zum Beispiel, wenn eine Mutter aufbrechen will und ihrem Nachwuchs einen Arm entgegenstreckt. Diese Geste verstehen alle, egal, ob es sich um ein Kind oder einen jungen Bonobo handelt. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 26.08.2017, 23:37 Uhr

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