Als das Schweizer Eishockey die Sowjets hinter sich liess

Eine verschobene Abstimmung wegen eines Finanzskandals im Verband und die Sehnsucht nach mehr Zuschauern: Wie das Playoff in der Schweiz laufen lernte

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Wenn es darum geht, in neu ­eingeführten olympischen Disziplinen Medaillen zu gewinnen, ist die Schweiz führend. Stellt sich allerdings die ­Frage, ob innerhalb einer Sportart neue Wege eingeschlagen werden sollen, schaut die Schweiz zuerst einmal zu. Und ­diskutiert. Pro und Kontra werden abgewogen. Jeder will nur das Beste – für sich. Auch im Eishockey. Der Weg zum Playoff war lang. Und erst seit gestern, 32 Jahre nach der Premiere, wird nach einem Remis nach 60 Minuten so ­lange gespielt, bis ein Tor fällt.

1984, als die Schweiz noch in der Playoff-Findungszeit war, ermittelten die umliegenden Ligen schon lange ihre Meister im nordamerikanischen System. Schweden, wohin die NLA besonders gerne schielte, und Finnland ­hatten die Modus-Änderung bereits 1975 ­eingeführt.

In der Nationalliga hätte der ­Entscheid am 10. November 1984 an einer ausserordentlichen Versammlung in Bern fallen sollen. Hätte. Denn es stand Dringenderes an: «Wir mussten den Verband sanieren», erinnert sich der damalige Arosa-Präsident Peter Bossert. Eine Kommission «Avenir» fand und nannte die Schuldigen. Sie hatten die Federation in ein dunkles ­Finanzloch geführt. Da blieb das Playoff zweitrangig.

Erst am 19. Januar 1985, wieder in Bern, stimmten die Vereine ab. «Lasse Lilja war zwar nicht mehr Trainer in Arosa, aber er hat mich bearbeitet, endlich auf das Playoff zu setzen», sagt Bossert, der damals am meisten Gewicht im nationalen Eishockey hatte.

Die Liga suchte nach etwas, das auch am Schluss noch spannend war. «Denn selbst wenn wir die Punkte halbierten, stand der Meister meistens sehr früh fest», blickt Bossert zurück. Lugano und Arosa sprachen sich im Vorfeld klar für die Änderung aus. Langnau und ­Fribourg sahen die Zukunft eher ­weiter in einer Finalrunde. Es ging indessen nicht nur um den Modus, sondern auch darum, wie die Erhöhung von acht auf zehn Teams zu handhaben sei.

Dass die Spielzeit 1983/84 mit 4395 Besuchern den schlechtesten Durchschnitt seit zehn Jahren produziert ­hatte, gab Raum für neue Ideen. Deshalb ging es – nach jahrelangem Hin und Her – sehr schnell. In einer zweistündigen ­Sitzung wurde die bahnbrechende ­Erneuerung beschlossen: Playoff ab der Saison 1985/86, mit Halbfinals (best of 3). Einzig Langnau und Ambri stimmten dagegen. In Europa war nur die Sowjetunion noch nicht in der Playoff-Ära angekommen.

4 Spiele für den ersten Titel in der Playoff-Ära

Am 28. September erfolgte der Start in die erste Saison, an deren Ende ein Playoff über den Meister entschied. «Ein Einschnitt in unseren Meisterschaftsbetrieb von bisher noch nie gekannter Tragweite», kommentierte der Zürcher «Tages-Anzeiger». «Meister wird nicht, wer nach 36 Spielen in der Tabelle zuoberst steht, sondern wer sich in drei Wochen zwischen Mitte Februar und Anfang März am frischesten und stärksten erweist. Statt in 36 Partien wird die Meisterschaft in maximal 6 Partien entschieden.» Zweifel am Erfolg des neuen Systems waren durchaus vorhanden. «Das alles war fremd für uns», erinnert sich Felix Hollenstein, der 1985/86 seine erste Saison in Kloten spielte.

Die Fachzeitung «Sport» blickte auf 18 Tage voraus, «die unser Eishockey erschüttern». Der Schock sei programmiert «bei möglicherweise 6 Spielen in 18 Tagen ohne Freiraum zum Abbauen der Aggressionen oder Auftanken der Kräfte». Es kam nicht zum Mammutprogramm. Lugano benötigte vier Spiele zum ersten Titel, Kloten zwang an einem Dienstag Davos wenigstens in eine «Halbfinal-Belle».

Es blieb Erholungszeit bis am ­Samstag, der Donnerstag war noch kein Thema als Spieltag. Hollenstein erinnert sich daran, dass sich Kloten schon zwei Tage früher zur Angewöhnung in «Feindesland» begab. Scuol diente als Basis. «Dann gingen wir in Davos 1:0 in Führung.» Das wars dann aber auch, der HCD gewann 8:1.

Qualifikationssieger Lugano mit John Slettvoll an der Bande spielte eine eindrückliche Playoff-Premiere. Er schlug den überraschenden Aufsteiger Sierre im Halbfinal 7:2 und 7:3, in der Finalserie bezwang er Titelverteidiger Davos 5:0 und 7:5. Beim Heimsieg über die Bündner fielen die fünf Treffer ­innert weniger als sieben Minuten. Kent Johansson wies den Weg. Und der ­ältere Bruder von Mikael Johansson, der von 1993 bis 1996 Kloten zu vier Titeln in Folge führte, entschied Spiel 2 im ­Alleingang für Lugano. Die Tessiner gingen in Davos mit einem 2:4-Rückstand ins letzte Drittel, Johansson schoss nach 49 Minuten das 3:4, danach das 4:4 (52.) und das 6:5 (60.).

Das sportliche Spektakel war nicht gerade überwältigend. Die Zuversicht, dass das Playoff zum Geschäft wird, wich der Erkenntnis, dass mit zwei ­weiteren Heimspielen (im Falle von ­Lugano) nicht das grosse Geld zu ­machen ist. Roman Wäger, noch heute der beste Playoff-Torschütze, forderte irgendwann, bevor Kloten den ­ersten von vier Titeln in Folge holte: «Schafft endlich dieses Playoff ab!»

14 Millionen Franken für 10 Mannschaften

Der Zustand der Liga vor der Playoff-Premiere-Saison: Das Budget betrug rund 14 Millionen Franken – für alle zehn Mannschaften. Wer heutzutage als NL-Club mit 14 Millionen Franken haushaltet, gehört zu den kleineren Teams. 32 sogenannte «Berufsspieler» waren in den zehn Teams angestellt, vor allem Ausländer (zwei an der Zahl waren erlaubt). Wenn es auf dem Eis resultatmässig eng wurde, spielten noch zwei (von drei) Linien.

Die Bedeutung des Playoff stieg von Jahr zu Jahr. Egal, wie der Modus war. «Wir Spieler störten uns nicht daran, dass ein Penaltyschiessen über Sieg oder Niederlage entschied», sagt Hollenstein. «So waren die Reglemente.» Aber er meint auch: Die Original-Variante aus Nordamerika ist die beste. «Als Spieler oder als Trainer kannst du eine Niederlage eher akzeptieren, wenn sie durch ein Tor aus dem Spiel heraus ­besiegelt wird.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.03.2018, 23:43 Uhr

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