Anleitung zum Hygge-Sein

Die Dänen haben es raus. Sie wissen, wie man glücklich wird. Tatsächlich?

Kaschmirsocken anziehen, Füsse hochlagern, Kaminfeuer anzünden: Das gehört für Dänen zum Glück. Foto: Getty Images

Kaschmirsocken anziehen, Füsse hochlagern, Kaminfeuer anzünden: Das gehört für Dänen zum Glück. Foto: Getty Images

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Es riecht nach selbst gebackenem Kuchen. Kerzen brennen. Ein Feuer knistert. Die Füsse stecken in Wollsocken, die Schultern wärmt eine Kuscheldecke, Freunde sind da. Es ist warm und gemütlich und friedlich. Auf Dänisch heisst das hygge. Und: Macht glücklich. Zumindest landen die Dänen regelmässig auf Platz 1 der glücklichsten Menschen der Welt.

Deshalb wollen jetzt alle ein wenig dänisch sein oder zumindest lernen, wie man sein Leben hyggelig macht: Im Londoner Morley College wird im Rahmen des Dänisch-Sprachkurses die Kunst des Hygge gelehrt, und allein in diesem Jahr sind 13 Bücher zum Thema erschienen, alle auf Englisch, eines bislang auf Deutsch: «Hygge – Ein Lebensgefühl, das glücklich macht». Der Autor heisst sinnigerweise Meik Wiking und ist CEO des Instituts für Glücksforschung in Kopenhagen. Ja, so was haben die Dänen: ein Institut für Glücksforschung. Sie scheinen sich wirklich darauf zu verstehen.

Das kleine Dänemark als grosses Vorbild

Hygge ist deshalb keine Erfindung des dänischen Tourismusverbands und auch keine Hipster-Idee, die dank perfekt inszenierter Instagram-Fotos von dampfenden Kaffeetassen, kaschmirbesockten Füssen und strahlenden Menschen vor einem hübsch lodernden Cheminée gross wurde – Hygge ist Teil der dänischen Lebenskultur, der Begriff gehört zum Alltag und wird häufig verwendet. Es gibt ihn seit dem 18. Jahrhundert; das Wort ist entfernt verwandt mit dem eng­lischen hug, also umarmen. Das passt.

Dass Hygge nun als Anleitung zum Glücklichsein seinen Siegeszug um die Welt antritt, dass nun alle gen Dänemark schauen, ist kein Zufall. Nicht nur, weil die Suche nach einem Rezept für immerwährende Zufriedenheit ein Dauerbrenner ist, sondern weil die hoch oben im Norden es in vielerlei Hinsicht besser machen. Amerika hat nicht erst seit vergangenem Mittwoch als Vorbild ausgedient, auch London und Paris und Berlin wirken etwas angejahrt – wer wissen will, wie man heute modern und gleichzeitig gut lebt, schaut nach Kopenhagen.

Denn die Dänen haben das tatsächlich einfach irgendwie drauf. Das Land ist so klein wie die Schweiz, niemand sonst spricht seine Sprache, und dennoch werden seine Fernsehserien international hoch gelobt und eingekauft, während wir nicht einmal einen anständigen «Tatort» hinbekommen, ganz zu schweigen davon, dass man sich im Ausland je für eine SRF-Produktion interessierte («Der Bestatter» ist die Ausnahme, der die Regel bestätigt).

Däninnen sind die neuen Stilikonen

Dasselbe gilt für die Bereiche Wohnen und Mode. Scandi-Chic wurde zum feststehenden Begriff und beschreibt einen unverkennbar reduzierten, aber gleichzeitig warmen Stil (auch er ist, selbstverständlich: hyggelig). Die Skandinavierinnen und allen voran die Däninnen haben das Kunststück geschafft, die Französinnen als stilistische Ikonen abzulösen; sie trugen schon weisse Turnschuhe, als das noch niemand sonst tat. Chic war das, frisch, aber gleichzeitig bequem (und letztlich ebenfalls: hyggelig).

Am eindrücklichsten aber ist der Leistungsausweis der Dänen in gesellschaftlicher Hinsicht.

Daneben nehmen sich fast alle Länder ausserhalb des Nordens als nachgerade zurückgeblieben aus, die Schweiz insbesondere. Bei den Dänen redet man nicht von Gleichberechtigung, sondern lebt sie; die Paare teilen sich Kinder und Beruf hälftig, das Konzept der Hausfrau ist nahezu inexistent. Vielmehr sind Vollzeit arbeitende Mütter die Regel, während bei uns 75 Prozent aller Mütter höchstens einem kleinen Teilzeitpensum nachgehen. Aber in Dänemark ist die Betreuungssituation auch erstklassig: Gearbeitet wird bis 16 Uhr, späteste Abholzeit in der Kinderkrippe ist 16.30 Uhr. Und ab dann widmet man sich dem Hygge-Dasein.

Man trinkt heisse Schokolade, spielt Gesellschaftsspiele, backt gemeinsam Brot oder Kuchen und isst überhaupt Dinge, die schmecken und gut sind fürs Gemüt – Kalorien zählen oder Clean Eating sind gar nicht hyggelig. Die Dänen essen doppelt so viel Zucker wie der Durchschnittseuropäer, sind aber trotzdem nicht dick. Es scheint also vor allem sehr unangestrengt zu sein, dieses Hygge, man soll sich einfach wohlfühlen. Und kosten tut es auch nicht viel. Beste Voraussetzungen also, Hygge zu importieren? Nicht ganz.

Ganz billig ist das dänische Hygge-Leben nicht

Zum einen gründet Hygge schlicht auf meteorologischen Tatsachen: Wenn es, wie in Dänemark, von Oktober bis April eisig kalt und dunkel ist, bleibt einem nicht viel anderes übrig, als es sich daheim gemütlich zu machen. Idealer­weise sieht es dort dann auch ein wenig schön aus. Zum anderen scheint nicht ganz alles Gold, was da hyggelig glänzt. Denn die Dänen rangieren zwar zuoberst auf der Liste der glücklichsten Menschen der Welt, nur ist auch ihr Konsum von Antidepressiva der zweithöchste Europas (Platz 1 belegt Island). Knisternde Feuer und Gemütlichkeit reichen offenbar doch nicht, um das ­Gemüt auf Dauer heiter zu stimmen.

Und da gibt es auch noch ein paar andere Dinge, die im Hygge-Rausch untergehen. Der Engländer Michael Booth, verheiratet mit einer Dänin, lebte zehn Jahre lang in der Heimat seiner Frau und zerpflückt in seinem Buch «The Almost Nearly Perfect People – The Truth About the Nordic Miracle» genüsslich die Mythen des angeblich perfekten Nordens. Die Dänen, schreibt er und zitiert OECD-Zahlen, arbeiteten so wenig wie kaum ein anderes Volk in Europa. Natürlich bleibt da viel Zeit, um kuschelig zusammen zu sitzen und gemeinsam Brot zu backen. Ganz billig scheint das Hygge-Leben allerdings trotz des Selberbackens nicht zu sein, denn die Pro-Kopf-Veschuldung der Dänen ist so hoch wie in kaum einem anderen europäischen Land, konkret viermal höher als bei den ­Italienern.

Abweichende Meinungen sind gar nicht hygge

Hinzu kommt, dass hygge zwar Geselligkeit bedeutet, letztlich aber hinter geschlossenen Türen stattfindet und damit ausschliessend ist. Glücksforscher Wiking bestätigt das: «Die Dänen sind nicht gut darin, neue Leute in ihren Freundschaftskreis aufzunehmen. Daran ist zum Teil genau Hygge schuld, denn es wäre weniger hyggelig, wenn Fremde dabei wären.»

Das hängt damit zusammen, dass ein zentrales Hygge-Element die Harmonie ist. Die Amerikanerin Helen Russell beschreibt in ihrem Buch «The Year of Living Danish», wie sie nach nur einem Jahr in der dänischen Provinz Hygge verfallen ist. Aber ihre Negativ-Definition liest sich so: «Hygge ist die Abwesenheit von allem Störenden oder emotional Aufwühlendem.» Sprich: Die Welt mit all ihren Schreckensmeldungen soll bitte draussen bleiben.

Meinungsverschiedenheiten werden im Keim erstickt

Der Anthropologe Jeppe Trolle Linnet, der das Phänomen wissenschaftlich untersuchte, hielt seinerseits fest: «Wenn Dänen ein geselliges Zusammenkommen hyggelig nennen, bedeutet das, dass keiner der Anwesenden eine abweichende Meinung zur Politik, Kindererziehung oder der wirtschaftlichen Entwicklung äussert. Konflikte gelten als nicht hyggelig. Meinungsverschiedenheiten werden bereits im Keim erstickt.»

Hygge ist also auch das Synonym für eine Art Gesinnungsblase, ähnlich wie auf Facebook, wo man sich mit Gleichgesinnten unterhält, liest, was Gleichgesinnte lesen, und Gleichgesinnten dazu gratuliert, dass sie Gleichgesinntes gepostet haben. Da wird nicht debattiert oder, bewahre!, gestritten, da werden keine Weltbilder auf den Kopf gestellt. Man bleibt unter seinesgleichen und ist sich einig. Die Welt wird sehr klein und das Verständnis für Andersdenkende nicht grösser, wenn keine Auseinandersetzung stattfindet.

Hygge klingt gut. Ein bisschen kitschig und langweilig zwar, aber letztlich liebenswürdig und harmlos. Und spätestens seit der Wahl von Donald Trump ist das Bedürfnis nach Hygge verständlich: Tür zu, Kerzen an, Welt adieu, die Realität ist zu hässlich, wir machen es uns drinnen schön. Bloss: Findet das Leben nicht vor allem draussen statt? (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.11.2016, 23:49 Uhr

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