Aus Mehmet wird Tobias

Bei Swiss Life angestellte Migranten werden angehalten, sich als Schweizer auszugeben – die Rassismuskommission ist entsetzt.

Illustration: Til Mette

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Im Zürcher Binz-Quartier, am Fusse des Uetlibergs, hat der Versicherungskonzern Swiss Life seine Dienstleistungszentrale: 1100 Personen verwalten hier Kundendossiers und pflegen den Kontakt zu ihren 1,3 Millionen Kunden. Der klotzige Bürokomplex grenzt an gepflegte Mehrfamilienhaus-Zeilen. Deren Bewohner haben in ihre Türschilder Lü­thi, Schindler und Klemm graviert.

Im Personalrestaurant von Swiss Life, dem «Binz 49», herrscht hingegen ein internationales Ambiente. Der dunkelhäutige Mohamed schöpft den Vegiteller. Der Kantinenangestellte Khaled arbeitet unter Hochdruck die Warteschlange ab und tippt unablässig Menüs in die Registrierkasse. An den Tischen wird auch Englisch und Französisch gesprochen.

Der Toleranz verpfichtet

Der offene Umgang mit dem Fremden ist dem Konzern wichtig. «Wir sind der Toleranz und ­Chancengleichheit verpflichtet», schreibt die Geschäftsleitung in ihrem «Code of Conduct». Niemand soll in dieser Firma diskriminiert werden wegen seiner Rasse, seiner Religion, seiner ethnischen Herkunft.

Diese Offenheit, welche die Konzernspitze von den Mitarbeitenden im internen Umgang erwartet, lebt sie gegen aussen nur bedingt. Das zeigt eine teils verdeckt geführte Recherche.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des «Contact Centers» beginnen ihre Schicht um 15:45 Uhr. In zwei Teams arbeiten sie in einem Grossraumbüro im ersten Stock des Swiss-Life-Komplexes. Ihr Job ist es, mit bestehenden und potenziellen Kunden Termine für Beratungsgespräche zu fixieren. 19 Frauen und Männer arbeiten bis kurz vor acht Uhr abends Telefonlisten ab.

«Möglichkeit von Aliasnamen besteht»

Auch das Team des Call-Centers ist ethnisch durchmischt: Nicht alle Angestellten heissen hier Haber­stich und Vonlanthen. Einige der Mitarbeitenden kommen etwa aus dem Balkan. Ihre Namen: Halitic, Jokanovic oder Vukovic *.

«Wie lösen Sie die Problematik mit meinem Namen?», will der verdeckt arbeitende Journalist vom Personalverantwortlichen wissen. Er gibt sich als serbischstämmiger Wirtschaftsstudent Ivan Ratic aus und versichert, trotz des unschweizerischen Namens akzentfrei Dialekt zu sprechen.

Es bestehe die Möglichkeit von Alias-Namen, antwortet der Swiss-Life-Recruiting-Manager per Mail. «Kann ich somit mit Ihrem Dossier rechnen?» Der Personalmanager bestätigt, was der SonntagsZeitung aus mehreren Quellen geschildert bekommen hat: Mitarbeitende des Swiss-Life-Contact-Centers mit ausländisch klingenden Namen wird ­nahegelegt, sich bei Kunden mit einem schweizerisch anmutenden Falschnamen zu melden. Auch wenn jemand akzentfrei Dialekt spricht, hier seine Kindheit verbracht und die Schulen besucht hat. Unerheblich ist, ob ein Mitarbeiter den Schweizer Pass hat. Einziges Kriterium ist die Klangfarbe des Namens.

Kommunikation vereinfachen

So nennen sich auch ausländischen Call-Center-Mitarbeiter wie die Bewohner der durchschnittlichen Reihensiedlung nebenan: ­Tobias Wenger oder Selina Kunz. Diese Praxis räumte Swiss Life diese Woche auf Nachfrage ein. Aliasnamen würden verwendet, um die Kommunikation zu vereinfachen, sagt der Lebensversicherungs-Konzern. Bei komplizierten Vor- und Nachnamen bestehe die Gefahr, dass die Kunden die Namen nicht verstünden. «Das hat mit Diskriminierung nichts zu tun», heisst in der Stellungnahme. Von den 19 Angestellten des Call-Centers arbeiten gegenwärtig neun mit eingeschweizerten Aliasnamen.

Diese Praxis pflegt der Versicherungskonzern laut eigenen Angaben seit 21 Jahren. Mitarbeitenden wird bei der Einführung in den Job eröffnet, dass sie sich ein Pseudonym zulegen können. «Die Chancen auf einen erfolgreichen Abschluss des Gesprächs steigen», wird ihnen gesagt. Die Beschäftigten dieser Abteilung werden im Stundenlohn bezahlt, der laut Stellenbeschrieb eine «attraktive Erfolgskomponente» enthält.

Unterschiedliche Mailadressen

Ihre Angestellten würden «ausschliesslich freiwillig» entscheiden, ob sie mit einem falschen Schweizer Namen arbeiten. Jederzeit könnten sie wieder ihren bürgerlichen Namen benutzen, sagt der Konzern. Das Einverständnis zum temporären Doppelleben geben die Agenten des Contact Centers schriftlich. Ist alles besiegelt, werden sie mit zwei unterschiedlichen Mailadressen ausgestattet und verkehren mit Kunden auch schriftlich unter falschem Namen.

Auch andere grosse Telefon-Beratungszentren würde ausländische Mitarbeiter mit Schweizer Namen losschicken, behauptet Swiss Life: «Die Verwendung von Aliasnamen in Callcenter ist seit Jahren eine gängige Praxis.» Dieser Aussage widersprechen mehrere Betreiber von Call-Centern. «Eine solches Vorgehen ist nicht tolerierbar», sagt Dieter Fischer, Präsident des Branchenverbands Callnet.

In ihrem Ehrenkodex schreibt die Vereinigung ein Wahrheits­gebot vor. «Dass sich Firmenvertreter telefonisch mit falschem ­Namen melden, widerspricht unseren Vorstellungen von einem vertrauensvollen, transparenten Kundenkontakt», sagt er. Scharf kritisiert Martine Brunschwig Graf, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR), die Praxis des Versicherungskonzerns. Das Vorgehen sei «problematisch» und «bedauerlich». Das Bild werde verstärkt, dass ein ausländisch klingender Name ein Nachteil sei «und nicht so wirklich zur Schweiz gehört». Allerdings könne ein Ivan Ratic genauso schweizerisch sein, wie ein Herr Müller, sagt die Genfer FDP-Politkerin. Swiss Life nutze zu Marketingzwecken das in der Bevölkerung bestehende Vorurteil, wonach ausländisch klingende Namen als potenziell unseriös und weniger angenehm wahrgenommen würden.

«Für die betroffenen Mitarbeiter verletzend»

Auch für die betroffenen Mitarbeitenden sei das Vorgehen schwierig: «Es kann durchaus verletzend wirken», gibt Brunschwig Graf zu bedenken. War der Namenswechsel für Sie eine Demütigung? Die Frage quittiert ein ehemaliger Swiss-Life-Mitarbeiter mit einem Räuspern. Immerhin habe er beim angesehenen Konzern eine Anstellung bekommen, sagt er. Für ihn sei das ein Sprungbrett gewesen. «Zuvor gabs nur Absagen. Ein ausländischer Name ist ein ausländischer Name. Das schreckt viele ab.»

«In der Schweizer Arbeitswelt ist ein ausländischer Name ein klarer Nachteil», bestätigt die Neuenburger Soziologin Rosita Fibbi. Nicht nur Angestellte in Call-Centern, Aussendienstmitarbeiter oder Autoverkäufer haben es mit einem fremd klingenden Namen schwerer. Schon bei der Bewerbung haben sie geringere Jobchancen als Schweizer, auch wenn sie dieselbe Schulbank gedrückt haben.

Bei einem Test stellte Fibbi 2003 fest, dass 59 Prozent der junge Kosovaren in der Deutschschweiz benachteiligt werden. Ein ähnlich angelegter Test bestätigte die Resultate später nochmals: Eine Forschergrupppe verschickte 300 inhaltlich gleiche Initiativbewerbungen von zwei fiktiven KV-Absolventen an Firmen in der Deutschschweiz. Die Absender hiessen Mark Muggli und ­Dukan Jovanovic. Neunmal kam Muggli eine Bewerbungsrunde weiter, nur zweimal Jovanovic.

Firmen und Konzerne stünden hier in der Verantwortung, meint Migrationsforscherin Fibbi: «Sie sind gut positioniert, um einen Veränderungsprozess in der Gesellschaft zu fördern.» Auf diese Aufgabe verzichtet Swiss Life: Nach Gesprächen in der Konzernleitung hat sie beschlossen, im hauseigenen Callcenter auch in Zukunft Falschnamen zu verwenden.

* Namen geändert

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.06.2017, 23:03 Uhr

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