Masern-Ausbreitung in Kauf genommen

Trotz Krankheitsfällen setzte eine Klasse der Steiner-Schule Biel ihre Florenz-Reise fort – und nahmen eine Verschleppung in Kauf.

Nur ein kleiner Piks? In den Steiner-Schulen sind die Impfraten meist tief.

Nur ein kleiner Piks? In den Steiner-Schulen sind die Impfraten meist tief. Bild: Action Press

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Auf die Florenz-Reise hatten sich die Bieler Steiner-Schüler sicher gefreut: Die toskanische Stadt zieht jedes Jahr Millionen von Touristen an, sie gilt als Wiege der Renaissance.

Doch kaum waren die zwölf Steiner-Schüler der 10. Klasse in Italien angekommen, kamen schlechte Nachrichten aus der Heimat: An ihrer Schule in Biel gab es mehrere Masernfälle. Der Ausbruch war so gravierend, dass das Berner Kantonsarztamt alle nicht geimpften Schüler für drei Wochen von der Schule ausschloss.

«Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit ist dieser Schritt notwendig», teilte die Behörde am 13. März mit. Auf Geheiss des Kantons musste die Steiner-Schule auch alle öffentlichen Veranstaltungen bis zu den Frühlingsferien absagen: also kein Klavierkonzert, keine Theateraufführung, keine Quartalsfeier.

Als das Kantonsarztamt den Ausschluss an der Steiner-Schule verfügte, war die Florenz-Reise noch im Gang. Und tatsächlich reisten in der Gruppe drei Schüler mit, die nicht gegen Masern geimpft sind. Sie hätten sich also vor der Abreise in Biel mit dem Masernvirus infizieren und die Krankheit nach Italien verschleppen können.

Doch das Kantonsarztamt verzichtete darauf, die Reise abbrechen zu lassen oder die italienischen Gesundheitsbehörden zu informieren. Kantonsärztin Linda Nartey sagt, man sei über den Ausflug «erst nach Abreise der Schulklasse informiert worden». Da sich aber herausgestellt habe, dass keiner der verreisten Schüler vorher an der Schule in Biel «in Kontakt mit einem Masernfall» gewesen sei und daher auch «nicht als Kontaktperson» gegolten habe, «sind die italienischen Behörden nicht informiert worden». Mit anderen Worten: Wäre die Reisegruppe in Biel geblieben, statt nach Italien zu reisen, hätten die drei ungeimpften Schüler nicht mehr zur Schule gehen dürfen.

Die Masern-Sperrfrist des Bundes war zu kurz

Tatsächlich ist es gemäss Praxis des Bundesamts für Gesundheit (BAG) so, dass die Schweiz ausländische Behörden bei Reisen von Landsleuten nur informiert, wenn bei diesen Masern ausbrechen. Eine Meldung könnte im Bieler Fall indes noch erfolgen: Die Steiner-Schüler sind zwar wieder zurück in der Schweiz, doch in der Regel sind Masern vier Tage vor dem typischen Hautausschlag ansteckend. Wenn bis Dienstag einer der Schüler noch krank wird, muss das BAG eine Meldung nach Italien machen.

Der Bieler Fall zeigt, wie schnell sich die Masern verbreiten, sie gehören zu den ansteckendsten Viren. An der Steiner-Schule hatte es bereits im Februar einen Ausbruch gegeben. Die Kantonsärztin verfügte schon damals einen dreiwöchigen Schulausschluss für alle ungeimpften Kinder und Lehrer. Aber exakt einen Tag nach Ablauf der Frist erkrankte ein weiterer Steiner-Schüler. Als Folge mussten die Behörden das Prozedere von vorne beginnen.

Obwohl die Schulsperre in Biel zu kurz war, um die Masern zu eliminieren, will das BAG an seinen Empfehlungen festhalten. «Die Dreiwochenregel hat sich bewährt», sagt Mark Witschi, Leiter Sektion Impfempfehlungen und Bekämpfungsmassnahmen. Es sei auch nicht geplant, «spezielle Regeln für Steiner-Schulen» einzuführen.

Dass es an Steiner-Schulen oft zu Masernausbrüchen kommt, ist kein Zufall. An diesen Schulen, die sich der anthroposophischen Lehre von der «Ganzheit von Seele, Geist und Körper» verschrieben haben, sind die Impfraten meist tief. Immerhin entschieden sich einige Eltern nach dem ersten Ausbruch in Biel, ihre Kinder doch noch zu impfen. Damit schützen sie künftig Säuglinge unter sechs Monaten, schwangere Frauen und Patienten mit einer Immunschwäche.

Doch die Impfskepsis ist nach wie vor gross. Bis heute verzichtet die Steiner-Schule auf eine Aufforderung zum Impfen. Immerhin empfiehlt sie den Eltern jetzt in einem aktuellen Communiqué, «sich mit einem Arzt über Impfungen zu beraten».

Erstellt: 17.03.2019, 09:50 Uhr

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