Bekenntnisse eines Prokrastinators

Er arbeitet sich wie wild an allen möglichen Projekten ab – nur nicht an denen, die gerade anstehen.

Auf die lange Bank schieben: Foto: PD

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Eines der Fremdwörter, die immer wieder mal auftauchen in meinem Leben, lautet «Prokrastination». Damit gemeint ist eine Disziplin, die wohl nur in Nordkorea unbekannt sein dürfte: das elegante Aufschieben unangenehmer Aufgaben. Elegant deshalb, weil der geübte Prokrastinator nicht einfach nichts tut. Er ist kein Faulpelz, sondern ein antizyklischer Workaholic. Anders ausgedrückt: Er arbeitet sich wie wild an allen möglichen Projekten ab, nur nicht an denen, die gerade anstehen.

Anfang zwanzig, als alle meine ­Soziologen-Freunde auf die Statistik-Zwischenprüfung lernten, schrieb ich Gedichte und Literaturkritiken. Nicht weil ich Lyriker oder Essayist werden wollte, sondern um nicht Statistik zu lernen. Aus dem gleichen Grund begann ich kurz darauf, Theaterstücke zu schreiben: um mich vor meiner Arbeit als Dichter zu drücken. Das Stückeschreiben prokrastinierte ich, indem ich Regisseur wurde. Und jetzt, da ich diese Kolumne schreibe, sollte ich eigentlich die Untertitel meines neusten Films korrigieren. In den Neunzigerjahren angetreten, um Soziologe zu werden, bin ich durch die Zufälle der Prokrastination Dichter, Kritiker, Regisseur und Kolumnenschreiber ­geworden.

«Das Stückeschreiben prokrastinierte ich, indem ich Regisseur wurde.»

Aber solche Verschiebungs-Zusammenhänge ergeben sich nicht nur im Lauf der Jahre, sondern sie sind tägliche Praxis. Während ich für das ungeübte Auge konzentriert von Aufgabe zu Aufgabe hetze, prokrastiniere ich in Wahrheit pausenlos. Nehmen wir den gestrigen Tag: Auf der Flucht vor einem Essay plante ich ein Casting, das ich wiederum aufschob, um einige Anrufe zu tätigen. Als nur noch unangenehme Telefonate übrig blieben, erinnerte ich mich plötzlich an ein Lehrbuch zur Tragödien-Theorie, das ich seit längerem lesen muss. Und ich setzte mich tatsächlich hin und las es.

Denn keine Aufgabe ist so unangenehm, dass sie nicht, am Ende einer Prokrastinations-Kette auftauchend, plötzlich in verführerischem Licht erscheint – weil sie nun selbst prokrastinierend wirkt. Aber auch das Gegenteil ist der Fall. Gestern sass ich mit einem Philosophen in einem China-Restaurant in Berlin, der Welthauptstadt der Prokrastination. Der Philosoph schlug mir einen Gesprächsband vor, als «mögliche Themen» nannte er eine Reihe mir nur vage bekannter Fremdwörter. Das Konzept bestehe darin, dass wir uns Facebook-Nachrichten hin- und herschicken würden. «Und dann?», fragte ich. «Dann gar nichts», erklärte der Philosoph, «dann wird das gedruckt.»

«Ist das Verfassen von pseudointellektuellen Facebook-Posts nicht das Elysium eines jeden Prokrastinators?»

Ich gestehe: Einen Moment lang wurde ich schwach. Ist das Verfassen von pseudointellektuellen Facebook-Posts nicht das Elysium eines jeden Prokrastinators? Doch schliesslich winkte ich ab. Denn keine Sache, nicht einmal Besserwisserei auf ­Facebook, ist totale Nichtarbeit! Und was auch immer als Arbeit deklariert wird – es ist dem wahren Prokrasti­nator nur noch eines: Anlass zur Flucht in die Prokrastination.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.03.2017, 22:47 Uhr

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