Das Leiden der Lehrer

Mit praxisfernen Neuerungen wird der Unterricht erschwert. Nun formiert sich Widerstand – auch gegen den Lehrerverband, der sich nicht für seine Mitglieder einsetze.

Wie viele Fremdsprachen? Sechste Klasse der Primarschule in Genf. Foto: Keystone

Wie viele Fremdsprachen? Sechste Klasse der Primarschule in Genf. Foto: Keystone

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Die Lehrer in Basel-Stadt proben den Aufstand. Am letzten Mittwoch verabschiedete die Kantonale Schulkonferenz, das Mitspracheorgan aller Lehrkräfte, eine Resolution gegen die externen Leistungschecks an den Schulen. Das sind standar­disierte Prüfungen, die seit einigen Jahren für alle Schüler in den Kantonen Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Aargau und Solothurn ob­li­ga­torisch sind. 1818 von 2210 Basler Lehrern stimmten für die Abschaffung.

Die Leistungschecks seien aufwendig, teuer, förderdiagnostisch unbrauchbar und führten zum «Unterrichten auf den Test hin», heisst es in der Resolution. Der schriftliche Protest wurde beim Erziehungsdepartement eingereicht.

In Bern war es eine Woche zuvor soweit. In einem offenen Brief an den kantonalen Bildungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) fordern Lehrkräfte in Ostermundigen mehr Stellenprozente für die Kindergarten- und Unterstufenklassen – ohne Team-Teaching sei die Integration der vielen verhaltensauffälligen Kinder nicht zu schaffen. Die Kids störten den Schulbetrieb, hätten Wutanfälle und würden einfach davonrennen, wenn ihnen etwas nicht passt. Laut Integrationsartikel im Volksschulgesetz müssen auch diese Kinder in den normalen Klassen unterrichtet werden. So haben es Bildungsreformer auch in anderen Kantonen durchgesetzt. Es brodelt an der Basis. In mehreren Kantonen kocht der Ärger hoch über ständige Reformen, die an den Schreibtischen von praxisfernen Theoretikern entworfen wurden. Ein Teil des Unmuts richtet sich gegen die Verbände, von denen sich die Praktiker kaum noch vertreten fühlen. Dieses Unbehagen schlägt sich auch in den Mitgliederzahlen nieder.

Angst vor einer Retourkutsche der Verbandsoberen

Mit rund 50'000 Mitgliedern ist der Dachverband der Schweizer Lehrer (LCH) die grösste Organisation. Unter Präsident Beat Zemp hat sich die Gewerkschaft als wichtige Instanz in der Schweizer Bildungslandschaft etabliert. Wann immer ein Statement zu schulischen Belangen gefragt ist: Zemp ist omnipräsent. Doch der Verband kämpft, von der Öffentlichkeit unbemerkt, mit sinkenden Mitgliederzahlen. Vor allem aktive Vollzeitlehrer und Pädagogen, die ein grosses Pensum unterrichten, kehren dem Verband den Rücken. Bei diesen Lehrern sei die Zahl der Mitglieder «gesunken», sagt LCH-Zentralsekretärin Franziska Peterhans. Nach stetig abnehmendem Mitgliederbestand sei 2017 nun erstmals wieder ein ­Anstieg zu verzeichnen – vor allem dank Beitritten von pensionierten Lehrern.

Kritiker des LCH gibt es mittlerweile einige. Ihren Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen, aus Angst vor einer Retourkutsche der Verbandsoberen. Der Vorwurf, den sie erheben, ist happig: Der LCH trete zunehmend als Wasserträger der Bildungsverwaltungen und der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) auf. Statt die Anliegen der Basis zu vertreten, betreibe die Lehrer-Gewerkschaft Behördenpolitik und sei zum «verlängerten Arm der EDK» mutiert.

Mitgliederbefragungen, so die Kritik, gebe es kaum noch. Vernehmlassungsantworten würden hinter verschlossenen Türen in einer kleinen Expertengruppe erarbeitet. Die Stellungnahmen des LCH würden an der Basis zunehmend als «abgehoben» und «realitätsfern» empfunden. Der LCH nicke zudem jede Reform ab. Dabei formuliere er jeweils eine Reihe von Forderungen, sogenannte Gelingensbedingungen, die in der Regel nicht finanzierbar und damit illusorisch seien. Die Forderungen fielen unter den Tisch, wenn die Umsetzung in den Kantonen anstehe. Mit den Folgen der unausgegorenen Rezepte müssten sich dann die Praktiker in den Schulzimmern herumschlagen. Zum Beispiel beim Fremdsprachenunterricht.

Der LCH unterstützt das umstrittene EDK-Sprachenkonzept, das den Unterricht von zwei Fremdsprachen in der Primarschule vorsieht. Daran knüpfte er eine lange Liste von Gelingensbedingungen, etwa Team-Teaching und kleinere Klassen sowie ein ausfinanziertes Evaluationskonzept durch eine wissenschaftlich qualifizierte Agentur, der Publikationsfreiheit zugestanden wird. Pro mittelgrosse Schuleinheit sollte zudem mindestens ein qualifizierter «Master Teacher» freigestellt werden, der die Sprachlehrer unterstützt.

Von dieser Linie habe sich der LCH «sang- und klanglos» verabschiedet, sagt Hans-Peter Amstutz, ehemaliger Oberstufenlehrer und Bildungsrat im Kanton Zürich. «Die meisten Lehrer hofften, dass mit der wirkungsvollen Unterstützung des LCH bessere Rahmen­bedingungen erzielt werden könnten. Doch in den meisten Kantonen hat sich nichts bewegt.»

Inzwischen haben einige kantonale Lehrerverbände zur Selbsthilfe gegriffen und Initiativen gestartet, um den Unterricht in der Primarschule auf eine Fremdsprache zu beschränken. Im Kanton Zürich wird darüber am 21. Mai abgestimmt.

Der Begriff «Lehrer» wurde aus dem Namen gestrichen

Zu den Dauerbrennern in den Lehrerzimmern gehören die Auflösung der Kleinklassen und die Integration von verhaltensauffälligen und lernbehinderten Schülern in die normalen Klassen. Auch hier hat der LCH eine Liste von Forderungen aufgestellt. Das Pensum der Klassenlehrer sollte auf 24 Stunden reduziert werden, damit mehr Zeit für die Betreuung der schwierigen Schüler bleibt. Im Kanton Zürich sind es aber immer noch 28 Stunden, ähnlich sieht es in anderen Kantonen aus. «Es war von Anfang an klar, dass diese Forderung völlig utopisch ist», sagt Amstutz. «Im Kanton Zürich hätte nur schon die Reduktion um eine Stunde Kosten von 30 Millionen Franken pro Jahr generiert.» Eine zweite Forderung des LCH lautet, dass es auf vier bis fünf Klassen eine Heilpädagogin geben müsse. Im Kanton Zürich seien es doppelt so viele Klassen pro Heilpädagogin, sagt Amstutz. In anderen Kantonen sehe es nicht besser aus. Der LCH wehrt sich gegen den Vorwurf, die Lehrer an der Basis nicht mehr angemessen zu vertreten. «Uns ist keine Erhebung bekannt, wonach Mitglieder nicht mehr zufrieden sind», sagt Zentralsekretärin Franziska Peterhans. «Im Gegenteil, wir erhalten immer wieder Briefe, Mails und direkte Rückmeldungen als Dank für un­seren Einsatz zugunsten der Lehrerschaft und einer guten Schule.»

Derweil versuchen die LCH-Sektionen in den Kantonen, die Mitgliederzahlen wieder anzukurbeln. Die kantonalen Lehrerverbände wollen sich gegenüber anderen Berufsgruppen im schulischen Umfeld öffnen. Neu sollen auch Schulsozialarbeiter, Sozialpädagogen oder Schulpsychologen Mitglied werden können. Der Lehrerverband im Kanton Bern hat sich bereits semantisch neu ausgerichtet. Das Wort «Lehrer» wurde aus dem Namen gestrichen – der Verband heisst neu «Bildung Bern». (SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.03.2017, 22:45 Uhr

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