Die Luxusresidenzen des Bundes im Ausland

Allein für das Generalkonsulat in San Francisco zahlt die Schweiz 90'000 Franken Miete pro Monat.

Den Silicon-Valley-Chic lässt sich die Schweiz einiges kosten. Fotos: Bret Janak

Den Silicon-Valley-Chic lässt sich die Schweiz einiges kosten. Fotos: Bret Janak

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Am Erkindik Boulevard in Bischkek, der Hauptstadt Kirgistans, ist der Asphalt löchrig. Hinter einem Betonbau steht ein rostiger Bauwagen. Freudlose Wohnsilos reihen sich im Quartier aneinander. Hier, in einem Hotelkomplex mit Fitnesscenter, ist die Schweiz eingemietet. Der Spassfaktor ist klein, die Kosten sind dafür niedrig: 542 Franken Miete bezahlt der Bund monatlich für die Räume, in denen 30 diplomatische Angestellte der Schweiz arbeiten.

Das Schnäppchen von Bischkek ist eine Ausnahme. In der Regel sind die Örtlichkeiten, in denen Schweizer Diplomaten wirken, ansehnlicher. Aber auch teurer: Letztes Jahr hat die Schweiz für angemietete Botschaftsgebäude, Konsulate und Residenzen 14,3 Millionen Franken ausgegeben. Satte 1,2 Millionen Franken bezahlt das Aussendepartement pro Monat für Mietrechnungen.

Mitten im trendigen Hafenquartier gelegen: Das Schweizer Generalkonsulat in San Francisco.

Am teuersten ist das Generalkonsulat in San Francisco. Hier kosten die Büros der Schweizer Abgesandten monatlich 89'538 Franken. In der kalifornischen Metropole hat sich der Bund ins «Pier 17» eingemietet. In der ehemaligen Schiffsumladehalle wurde einst Papier für amerikanische Zeitungsverlage gestapelt. Heute ist der Bau Teil einer lebendigen Grossstadt-Zone: Trendige Seafood-Lokale mit Sicht auf die Bay Bridge, Büros von angesagten Start-ups, Designern, Ingenieuren und Kreativdenkern. Silicon Valley scheint hier in greifbarer Nähe.

Schweizer Architekten haben in der 1911 erbauten Halle für 9,3 Millionen Franken moderne Arbeitsplätze für Diplomaten, Wissenschafts- und Tourismus­gesandte geschaffen, mit grosszügigen, frei stehenden Büroräumen und kommunikativen Co-Working-Spaces. «Hier hat die Schweiz die Gelegenheit, sich so zu zeigen, wie sie es sich gerne wünscht: modern, innovativ, überraschend», schwärmte der damalige Generalkonsul Hans-Ulrich Tanner 2015 im Eröffnungsvideo.

Wenn möglich, werden die Liegenschaften gekauft

San Francisco ist keine Ausnahme. Das zeigt eine Aufstellung, welche die SonntagsZeitung gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz von der Bundesverwaltung verlangt hat. Ähnlich teuer sind die für Schweizer Diplomaten angemieteten Räume des Generalkonsulats in Hongkong (51'000 Franken pro Monat). Hier logieren die Auslandvertreter einen Steinwurf entfernt vom zentralen Hong Kong Convention and Exhibition Center. An diesem Ort werden jährlich gegen 50 Handelsmessen veranstaltet. Auch in Seoul (49'500 Franken) und Shanghai (44'053 Franken) bezahlt der Bund satte Mieten.

Innenansicht des Generalkonsulats in San Francisco. Video: Bundesamt für Bauten und Logistik via Youtube

Wirft der Bund für überzahlte Mieträume Geld aus dem Fenster? Das Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL) – es ist für die Bundesliegenschaften verantwortlich – verneint. Vor jeder Anmiete würden eine lokale Marktanalyse und eine Wirtschaftlichkeitsprüfung gemacht. Wann immer möglich, kaufe die Eidgenossenschaft benötigte Liegenschaften. Im Portefeuille sind denn auch einige Perlen: Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erwarb der Bund in Berlin einen klassizistischen Palast. Er steht heute in unmittelbarer Nähe des Bundeskanzleramts. Bis 1940 wurden Diplomatensitze in weiteren wichtigen Hauptstädten gekauft: in Washington, Paris, Rom. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Gebäude in Havanna, Frankfurt, Kairo, Lissabon, New York und Wellington dazu.

Kriterien betreffend Lage und Erreichbarkeit schränken das Kaufangebot laut dem BBL aber stark ein. Dazu kämen Anforderungen an die Verlässlichkeit der Vertragspartner, die Erdbebensicherheit oder die Statik.

Wer mitspielen will, soll «Gäste nicht in Baracken verköstigen»

Deshalb werden nicht nur für Botschaften und Konsulate, sondern auch für die 45 angemieteten Residenzen des diplomatischen Kaders teils happige Mietrechnungen beglichen. In der Regel wohnt ein Botschafter oder Konsul in der Residenz und bewirtet hier auch Gäste. Im Schnitt beträgt die Monatsmiete einer Residenz 7605 Franken. Viel höher ist die Miete für den Sitz des Schweizer Generalkonsuls in Hongkong: Dieser kostet monatlich 27 167 Franken. Auch die Residenzen in Moskau (Monatsmiete 22'500 Franken), Luanda (20'000) und Lagos (17'383) sind überdurchschnittlich teuer.

Central Plaza in Hongkong (Mitte). Hier liegt die Vertretung der Schweiz.

«Es würde nicht verstanden, wenn die Schweiz, eine der wichtigsten Volkswirtschaften der Welt, ihre Gäste in Holzbaracken verköstigen würde», sagt Jacques Pitteloud, Direktor für Ressourcen im Aussendepartement. Wolle die Schweiz in der Welt ernst genommen werden, müsse sie mit entsprechenden Empfängen aufwarten können.

Botschaft kostet so viel wie 22 Dreizimmerwohnungen

Für die hohen Mietkosten macht das EDA die Gegebenheiten vor Ort verantwortlich. Tatsächlich gehören Hongkong oder Moskau zu den teuren Pflastern. Luanda, die Hauptstadt Angolas, gilt für ausländische Fachkräfte als höchstpreisige Stadt der Welt.

Ein Vergleich mit einer Untersuchung der UBS, in der Mietpreise weltweit verglichen werden, bringt indessen Erstaunliches ans Licht: In Moskau liessen sich mit dem von der Schweiz ausgegebenen Mietzins umgerechnet 9 Dreizimmerwohnungen anmieten. In Hongkong reichte das Geld für die Miete von 7 und in Seoul von 6 Dreizimmer­wohnungen. Besonders krass ist das Missverhältnis in Bukarest, der Metropole Rumäniens. Hier könnten mit den 11'250 Franken, die das Aussendepartement für seine Botschaftsresidenz ausgibt, 22 Dreizimmerwohnungen zu einem durchschnittlichen Marktpreis von 503 Franken bezogen werden. Für dieses Missverhältnis macht das EDA die lokalen Mietmärkte verantwortlich. Einzelne Städte seien in oberen Segmenten extrem teuer.

Die Botschaft in Bischkek ist ein richtiges Schnäppchen.

Das Prestigebewusstsein der Diplomaten bringt der Verwaltung immer wieder Kritik ein. 2009 bemängelte die Finanzkontrolle, dass beim Kauf einer Villa in St. Petersburg gegen Regeln verstossen wurde. Die repräsentativen Räume waren viel zu gross und im Unterhalt zu teuer. In Peking, rüffelten die Kontrolleure, würden für Millionen renovierte Räume kaum genutzt. «Die meisten Einladungen fanden auswärts statt», heisst es im Untersuchungsbericht.

Und letztes Jahr stellten Inspektoren des Aussendepartements fest, dass Österreich für seine Botschaft in Kuwait nur halb so viel bezahlt wie die Schweiz.

Erstellt: 20.01.2019, 08:56 Uhr

«Silberbesteck haben wir abgeschafft»

Repräsentation sei ein zentraler Teil der Diplomatie, sagt der Spitzenbeamte Jacques Pitteloud.

Sie werden Mitte Jahr Botschafter in Washington. Freuen Sie sich auf Ihr neues Zuhause?
Natürlich freue ich mich darauf, aber vor allem freue ich mich auf meine Arbeit. Es ist ein Privileg, in einer so spannenden Phase an einem wichtigen Schauplatz der Weltpolitik eine Rolle spielen zu dürfen. Die Residenz, in der ich mit meiner Familie wohnen werde, ist allerdings nur zum kleinsten Teil privat. Sie ist vor allem ein Arbeitsinstrument.

Sie können das Haus gar nicht geniessen.
Es gehört zu den Aufgaben eines Botschafters, in seiner Residenz Empfänge zu organisieren, um Vertreter aus der Schweiz mit wichtigen Repräsentanten des Gastlandes zusammenzubringen. Die Residenz ist hier eine wichtige Arbeitshilfe. In Washington können wir Einladungen für bis zu 100 Personen veranstalten. Das ist aber kein Luxus. Das ist Teil unserer Arbeit.

Diplomatie ist doch auch Knochenarbeit. Diese lässt sich in gesichtslosen Büroräumen und in Aussenquartieren leisten.
Wir haben sogar Diplomaten im Botschafterrang, die in Jeans und Lederjacke auf dem Motorrad in der Savanne unterwegs sind, um die Vermittlung mit Rebellen zu ermöglichen. In unseren Gebäuden gibt es auch einige Büros ohne Fenster. Aber unser Bundesrat kann einen ausländischen Minister nicht in einem fensterlosen Zimmer treffen. Deshalb braucht es auch die ­repräsentativen Räume in den Botschaften und Residenzen.

Jacques Pitteloud, 56, ist Direktor für Ressourcen im Aussendepartement. Ende Sommer wird er sein Amt als Schweizer Botschafter in Washington antreten.

Mit Mietzinsen von monatlich über einer Million Franken liefern Sie Kritikern der Schweizer Diplomatie eine Steilvorlage.
Wir bemühen uns immer um kostengünstige Lösungen. Aber Kosten sind unausweichlich, und die Diskussion darüber gibt es schon lange. Im 19. Jahrhundert sprach sich das Schweizer Stimmvolk gegen mehr Geld für Diplomaten aus. Aber wir haben auch den Verfassungsauftrag, die Interessen der Schweiz im Ausland zu vertreten. Auf dem diplomatischen Parkett gibt es Gepflogenheiten. Es würde nicht verstanden, wenn die Schweiz, eine der wichtigsten Volkswirtschaften der Welt, ihre Gäste in Holzbaracken verköstigen würde. Je nach Land wäre es unmöglich, hochrangige Gesprächspartner in einem Aussenquartier etwa zu Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zu treffen. Vielfach ist es so: Will man mitreden und ernst genommen werden, muss man die diplomatischen Regeln berücksichtigen. Das kann heissen: Krawatte anziehen, im Auto vorfahren und mit einem entsprechenden Empfang aufwarten.

Kritiker behaupten, das Prestigestreben von Diplomaten verteure Liegenschaften
Da sind sie bei mir an der falschen Adresse. Es war mein Job in den letzten Jahren, gerade hier Schranken zu setzen. Wir schauen genau hin, wenn es um Liegenschaften geht. Letztes Jahr zum Beispiel sind wir eingeschritten, als ein Diplomat uns ein reines Prestigeobjekt beliebt machen wollte. In vielen Botschaften haben wir das teure Silberbesteck abgeschafft. Die privaten Räume werden heute nicht mehr auf Kosten des Bundes möbliert. Luxus wurde auf das reduziert, was für die Arbeit notwendig ist.

Wo gibt es heute noch silberne Kaffeelöffel?
In Paris beispielsweise. Weil dies dort bei Anlässen üblich ist und auch erwartet wird. Wir müssen uns den lokalen Gepflogenheiten anpassen.

Mit der Miete für die Residenz in Bukarest könnten in der Stadt 22 mittelpreisige 3-Zimmer-Wohnungen gemietet werden. Wieso ist die Residenz dort so unverhältnismässig teuer?
Es existieren tatsächlich Mietmärkte, in denen die oberen Segmente im Vergleich extrem hochpreisig sind. In Bukarest sind die guten Quartiere sehr teuer. Es gibt klare Vorgaben für unsere Gebäude. Lage und Erreichbarkeit sind wichtig. Immer spielen auch Sicherheitsaspekte eine Rolle. Wir können unsere Diplomaten nicht irgendwo unterbringen und sie unnötigen Risiken aussetzen.

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