Die Mär vom bösen Kapitalismus

Die Globalisierung wird für Jobverluste und wachsende Ungleichheit verantwortlich gemacht. Doch ­weltweit klaffen Arm und Reich nicht auseinander.

Containerhafen in Hongkong: Die Menschen fühlen sich von der Globalisierung abgehängt. Foto: Getty Images

Containerhafen in Hongkong: Die Menschen fühlen sich von der Globalisierung abgehängt. Foto: Getty Images

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Am Donnerstag liess US-Präsident Donald Trump die Idee einer Importsteuer auf mexikanische Produkte verbreiten. Das Handelsdefizit der USA mit Mexiko beträgt gegen 60 Milliarden Dollar. Eine 20-Prozent-Steuer könnte also über 10 Milliarden Dollar einbringen – genug, um den Bau der Mauer gegen die mexikanische Einwanderung zu finanzieren.

Mit seinen ersten Amtshandlungen hat Trump die transpazifische Partnerschaft gekillt, das von seinem Vorgänger Barack Obama lancierte Handelsabkommen mit elf Ländern beidseits des Pazifiks. Das geplante transatlantische Abkommen TTIP mit Europa will er nicht weiterverfolgen – jenes mit Mexiko und Kanada neu verhandeln.

Einkommensverteilung gemäss Gini* Grafik vergrössern

Während Trump den Kapitalismus neu erfindet, setzt sich die globale Wirtschaftselite ab. Am Weltwirtschaftsgipfel in Davos übten sich die Teilnehmer in Kapitalismus- und Globalisierungskritik. In einem offiziellen Papier prangert das WEF «die Korruption des Kapitalismus» und die wachsende Ungerechtigkeit an. Die Menschen fühlten sich immer stärker von der Globalisierung abgehängt, was die Demokratie unterminiere.

Die Globalisierungsverlierer würden überall den Aufstieg des Populismus befeuern. Die Organisatoren forderten die Wirtschaftsführer auf, sich dazu zu verpflichten, ihre geschäftlichen Interessen an gesellschaftlichen Zielen auszurichten; soziale Wohlfahrt und Nachhaltigkeit sollen das Gewinnstreben eindämmen und so das Vertrauen in die Marktwirtschaft wiederherstellen.

Doch die Behauptung, die Ungleichheit nehme wegen der Globalisierung zu, lässt sich nicht aufrechterhalten. Im Gegenteil: Die Öffnung der Märkte und mehr wirtschaftliche Freiheit haben die weltweite Ungleichheit stark vermindert und in den Entwicklungsländern enorme Fortschritte ermöglicht. Armut und Kindersterblichkeit gingen stark zurück, die Lebenserwartung und Bildung nahmen deutlich zu.

Sinkende Einkommen in den USA Grafik vergrössern

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs das Welthandelsvolumen rasant, mit rund 6 Prozent pro Jahr bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2008 deutlich schneller als das Bruttosozialprodukt. Nach einhelliger Überzeugung der Ökonomen brachte die internationale Arbeitsteilung und der Austausch von Waren und Dienstleistungen enorme Wohlfahrtsgewinne wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Umverteilung reduzierte die Ungleichheit stark

Aber populär war der Handel nie. Verlierer der Öffnung – Bauern, Gewerkschafter, einzelne Branchen – konnten sich immer leichter organisieren als die Gewinner, die Konsumenten. Ende der 90er-Jahre wurden die linken Kapitalismus- zu Globalisierungskritikern und demonstrierten weltweit gegen Freihandel und multinationale Konzerne. Sie machten die Globalisierung verantwortlich für die Entindustrialisierung, für den Verlust von Millionen von Jobs, für stagnierende Löhne und für die Zunahme der Ungleichheit.

Die Linken haben die liberale Welthandelsordnung sturmreif geschossen. Trump und die Populisten schleifen sie. Ihre einfache Erklärung vermag allerdings nicht zu überzeugen. Die Ungleichheit hat in einigen Ländern zu-, in ebenso vielen jedoch abgenommen. Insgesamt blieb sie in den Mitgliedsstaaten der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, seit 2007 unverändert.

Der Welthandel stagniert Grafik vergrössern

Auch in Lateinamerika und Afrika geht die Ungleichheit seit den 90er-Jahren deutlich zurück. In den USA und in China hingegen nahm sie stark zu. Nicht wegen des Freihandels, sondern wegen der schwachen Umverteilungsinstrumente: Im Gegensatz zu den USA haben Steuern und Umverteilung in der EU die ungleiche Verteilung der Einkommen stark korrigiert, wie Untersuchungen der Denk­fabrik Bruegel mit Sitz in Brüssel zeigen.

Profitiert von der Globalisierung haben in den Industrieländern vor allem die Konsumenten. Tiefere Preise erhöhten die verfügbaren Einkommen. Selbst die Antiglobalisierungsdemonstranten verabredeten sich über ihre Samsung-Handys aus Südkorea und marschierten in Nike-Turnschuhen aus asiatischen Fabriken zum Protest.

Über die Ursachen der Jobverluste in den Industrieländern wurde lange gestritten. Heute ist die Debatte unter Ökonomen entschie­den. Der technische Fortschritt, vor allem die beschleunigte Automatisierung und Digitalisierung der Wirtschaft, war der weit wichtigere Faktor als der Freihandel. Die von Trump verteufelten Handelsabkommen und der Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation haben den Rückgang der Arbeitsplätze in der US-Industrie zwar beschleunigt, betroffen waren besonders schlecht bezahlte, unqualifizierte Tätigkeiten. Aber der wesentliche Treiber dafür war die Erhöhung der Produktivität durch den technischen Fortschritt.

Protektionismus wirkt wie Steuer für Arme

Selbst wenn Unternehmen die Produktion, die sie nach China oder Mexiko ausgelagert hatten, in die USA zurückbringen würden, kämen die damals verlorenen Jobs nicht zurück. Denn die heutige Produktion ist in hohem Mass automatisiert. Viele internationale Unternehmen haben die Herstellung in weltumspannenden Wertschöpfungsketten organisiert. So baut ein amerikanischer Autositzhersteller sein Endprodukt aus diversen Teilen zusammen, die in vier mexikanischen und vier US-Fabriken hergestellt werden.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie amerikanischer Forscher weist nach, dass Exporteure häufig gleichzeitig Importeure sind. Von den 2000 US-Firmen, die am meisten exportieren, gehören mehr als ein Drittel auch zu den grössten Importeuren. Umgekehrt gehören von den 1300 US-Firmen, die am meisten importieren, mehr als die Hälfte auch zu den grössten Exporteuren. Importsteuern oder Zölle zum Schutz einheimischer Produzenten schaden damit ausgerechnet den erfolgreichsten Herstellern, weil sie deren Vorprodukte verteuern und damit den Export der Endprodukte.

Tiefere Preise erhöhten die verfügbaren Einkommen: Profitiert von der Globalisierung haben in den Industrieländern vor allem die Konsumenten. Illustration: Stephan Liechti Für die Amerikaner haben sich protektionistische Massnahmen schon in der Vergangenheit nicht bewährt. So haben Strafzölle auf chinesischen Stahl oder Importquoten auf japanische Autos lediglich Gegenmassnahmen provoziert und die Preise für die US-Konsumenten erhöht.

Weil Trump mit Steuersenkungen und einem teuren Infrastrukturprogramm das Budgetdefizit erhöhen wird, werden die Zinsen steigen. Das wiederum zieht ausländisches Kapital an und stärkt so den Dollar, was wiederum die Exporte verteuert. Weil gerade die ­ärmere Bevölkerung auf günstige Konsumprodukte aus China und Mexiko angewiesen ist, wirkt der Protektionismus wie eine Steuer für Arme. Der Nobelpreisträger Paul Krugman zieht denn auch den Schluss, dass Trumps neue Handelspolitik «wahrscheinlich zu einem schnelleren statt langsameren Niedergang der amerikanischen Industrie» führen werde.

Die Einwände von Experten haben Trump allerdings noch nie gekümmert.

Erstellt: 28.01.2017, 23:05 Uhr

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