Die Online-Offensive

Die Schweiz ist im Europavergleich bei Einkäufen im Netz im Rückstand. Jetzt bringen Migros und Co. neue Angebote – Markenartikelhersteller umgehen Grossverteiler zunehmend.

Logistikzentrum in Leipzig (D): Amazon liefert in Deutschland schon Lebensmittel aus und zeigt Interesse an der Schweiz.

Logistikzentrum in Leipzig (D): Amazon liefert in Deutschland schon Lebensmittel aus und zeigt Interesse an der Schweiz. Bild: Keystone

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Es dauerte Minuten statt Sekunden, bis sich der Computer übers Modem ins Internet einwählte und die Website über den Röhrenbildschirm flimmerte. Die Suche im Netz lief über Alta Vista statt Google. Weniger als zehn Prozent der Schweizer nutzten das Internet regelmässig. Das war im Jahr 1998. Trotz langsamer Netzverbindung starteten schon damals die ersten Internetshops wie Le Shop, Blacksocks und Cede.ch.

Knapp zwanzig Jahre später ist der Kauf von Mode, Büchern und Elektronikartikeln für viele Konsumentinnen und Konsumenten Alltag. Doch die Schweizer nützen Onlineangebote im Vergleich zu anderen Ländern deutlich weniger. Eine repräsentative Studie des Paketzustellers DPD zeigt, dass 44 Prozent von über tausend befragten Schweizern mindestens einmal im Monat übers Netz einkaufen. In Grossbritannien machen das 63 Prozent, in Deutschland 53 Prozent.

Erst rund 8 Prozent des Detailhandelsumsatzes läuft in der Schweiz übers Internet – obwohl sie bei der Verbreitung von schnellem Internet weltweit vorne liegt. Detailhändler machen sich jetzt daran, den Rückstand gegenüber anderen europäischen Ländern aufzuholen.

Die Platzhirsche Coop und Migros schliessen Lücken in ihrem Onlineangebot, kleinere Detailhändler reagieren nach langem Zögern. Volg hat Anfang Mai einen Onlineladen aufgeschaltet. Landi, die wie Volg zur Fenaco-Gruppe gehört, wird im Herbst ein Online-Angebot starten. Landi begründet den Schritt mit den stark veränderten Bedürfnissen der Konsumenten. «Die Kunden mögen es einfach und praktisch. Viele Leute bewegen sich rund um die Uhr im Internet», sagt Sprecherin Sonja Schild. Wenn Hobbygärtner den Bewässerungsschlauch auch online zu einem günstigen Preis erhalten, spürt das Landi im Umsatz.

Einen massiven Ausbau des Onlineangebots plant das Warenhaus Globus. Von der Auster bis zum Anzug will das zur Migros gehörende Unternehmen ab März 2018 das vollständige Sortiment im Internet anbieten. Damit reagiert Globus auf rückläufige Umsätze in den Läden.

Beat Zahnd, Leiter des Bereichs Handel bei der Migros-Gruppe, zu dem neben Globus auch Ex Libris, Denner sowie die Onlineketten ­Digitec und Le Shop gehören, verspricht sich viel vom Internet. «Wir erwarten in den nächsten fünf Jahren einen starken Anstieg der Onlineverkäufe über alle Segmente.» Dabei sollen die Käufe nicht nur via Computer und übers Smartphone erfolgen. «Ich bin mir sicher, dass viele unserer Kunden schon in ein paar Jahren zu Hause auf dem Sofa mit einer Virtual-Reality-Brille in unseren Läden einkaufen werden», sagt Zahnd.

Das Onlineangebot des Konkurrenten Coop reicht wie bei der Migros von Möbeln über Heimelektronik bis zu Lebensmitteln. Insgesamt sind es 24 Onlineshops. Doch ein Bereich des Grossverteilers bleibt bislang vom Internet abgeschnitten: die Warenhäuser Coop City. Angesichts der aggressiven Internetstrategien der Konkurrenz dürfte das nicht mehr lange so bleiben. «Wir prüfen, auch mit unserem Warenhaus Coop City online zu gehen», sagt Sprecher Urs Meier.

Erneut schrumpfender Umsatz im Detailhandel

Nur das Onlinegeschäft bringt den Detailhändlern noch Wachstum. Wie bisher unveröffentlichte Zahlen des Marktforschungsinstituts GFK zeigen, stieg der Online­umsatz in der Schweiz im vergangenen Jahr um 8,3 Prozent auf 7,8 Milliarden Franken. Der Detailhandelsumsatz insgesamt war dagegen erneut rückläufig.

Bei Lebensmitteln und Haushaltsartikeln liegt der Anteil von Onlineverkäufen am Gesamtumsatz erst bei rund zwei Prozent. Ausserhalb dieses Segments sind es schon über 15 Prozent. Im Bereich der Heimelektronik steuert der Onlineanteil auf 30 Prozent zu. Damit dürften viele Läden der Elektronikdiscounter überflüssig werden. Es drohen Schliessungen. Media-Markt hat im Kanton Bern bereits mehrere Filialen dichtgemacht. Im Buchhandel und bei Modegeschäften hat diese Entwicklung bereits stärker eingesetzt. Zu den beliebtesten Onlinehändlern in der Schweiz gehören Amazon und Zalando.

Das Internet stellt nicht nur das Geschäftsmodell der Detailhändler infrage, auch immer mehr Hersteller setzen auf online. Dabei nutzen sie Vertriebskanäle, welche die dominanten Grossverteiler Migros und Coop umgehen. Gillette verkauft seit kurzem Rasierklingen im Abonnement über den Onlinehändler Brack, der eigentlich für Elektroartikel bekannt ist. Der Gillette-Hersteller Procter & Gamble bietet alle seine anderen wichtigen Produkte wie Waschmittel von Ariel, Pampers-Windeln und Haarshampoo über Brack an.

Froh um eine Alternative zu Coop und Migros

Andere grosse Produzenten von Haushaltsprodukten wie Unilever und Henkel haben in den vergangenen Monaten nachgezogen. Laut Brack-Chef Markus Mahler geht ein Ruck durch die Branche. «Die Konsumgüterhersteller sind erwacht. Sie forcieren den Online-verkauf.» Mahler will das Sortiment mit Haushaltsprodukten nun stark ausbauen. Brack ist für die Produzenten eine willkommene Alternative zu den etablierten Detailhändlern. «Die Hersteller von Markenartikeln sind froh um einen zusätzlichen Vertriebskanal neben Migros und Coop», sagt Mahler. Ab Juni wird Brack neu ein breites Sortiment an Tiernahrung online verkaufen.

Die Hersteller von Markenartikeln bauen auch den direkten Absatz aus. In den letzten Jahren stieg die Zahl der Produzenten mit eigenen Onlineshops, sagt Anastasia Li-Treyer, Geschäftsführerin des Markenartikelverbands Promarca. So liefern Nestlé und Feldschlösschen ein breites Sortiment direkt vor die Haustür.

Bei den Online-Absatzkanälen von Migros und Coop wuchs das Geschäft dagegen zuletzt verhalten. Le Shop von Migros steigerte den Umsatz im vergangenen Jahr um 3,5 Prozent auf 182 Millionen Franken. Coop at home erreichte 129 Millionen, ein Plus von 7,2 Prozent. Bessere Lieferbedingungen sollen das Geschäft ankurbeln. Beide bieten in Städten ein Lieferfenster von rund einer Stunde, damit die Ware ankommt, wenn der Empfänger zu Hause ist.

Für Bewegung im Online-Lebensmittelhandel sorgt in Deutschland der Internetriese Amazon mit seinem neu gestarteten Frischlieferdienst Amazon Fresh. Dominique Locher, der Chef von Le Shop, erwartet, dass sich das US-Unternehmen in Europa weiter ausbreiten wird. «Ich bin sicher, dass Amazon früher oder später mit Frischwaren in die Schweiz kommt.»

Amazon hat bereits Interesse signalisiert, mit seinem Service Amazon Pantry, der lang haltbare Waren wie beispielsweise Pasta und Konserven vertreibt, in der Schweiz zu starten. Laut Locher würde Amazon das Onlinegeschäft beleben. Er zeigt sich optimistisch, dass die Schweizer nach zwanzig Jahren Online-­Lebensmittelhandel endlich beginnen, im grossen Stil Brot, Gemüse und Waschmittel im Internet einzukaufen. «Einer Verdoppelung oder Verdreifachung der Onlineverkäufe mit Lebensmitteln und Haushaltsprodukten in den nächsten Jahren steht nichts im Weg», sagt Locher.

Erstellt: 20.05.2017, 23:34 Uhr

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