Die Pnos und die rechten Schläger von Marseille

Denis Nikitin war schon mehrmals in der Schweiz. Der russische Kampfsportler dürfte der Anführer der Hooligans an der Euro in Marseille gewesen sein.

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Würfe, Griffe und Schlagkombinationen übten rund 40 Personen Mitte Februar in einer Turnhalle in Bettwiesen TG. Der Anlass: eine Kampfsportschulung der Partei National Orientierter Schweizer (Pnos). Leiter des Se­minars war Denis Nikitin, russischer Mixed-Martial-Arts-Profi und Gründer der rechten Kleidermarke White Rex. Mittrainiert hat auch der Ahnensturm, der Pnos-eigene Sicherheitsdienst.

Denis Nikitin ist wohl der Anführer einer Gruppe russischer Hooligans, die im letzten Sommer an der Europameisterschaft in Marseille Jagd auf Engländer gemacht und mehrere schwer verletzt hatten. In einer BBC-Doku über «Russlands Hooligan-Armee» vom Februar wird ein vermummter Mann namens «Denis» als ihr Chef bezeichnet. Er soll Kampfsport­profi sein. Auf «Denis’» rechtem Oberarm ist der Ansatz einer Täto­wierung zu sehen. Es ist das gleiche Muster, das auch Denis Nikitin auf dem rechten Oberarm tätowiert hat. Unter dem rechten Auge, von der Sturmhaube nicht verdeckt, findet sich ein schwarzer Fleck – an der gleichen Stelle hat Nikitin ein Muttermal. «Denis» trägt im Interview ein White-Rex-T-Shirt, gefilmt wurde im Laden der Kleidermarke in Moskau.

«Ich habe einen Typen gegen den Kopf getreten. Er war sicher bewusstlos.»«Denis»

Ein Szenekenner bestätigt: «Das ist Denis Nikitin, ich habe ihn sofort erkannt», sagt Pawel Klimenko. Er arbeitet für die osteuropäische Abteilung des Monitoringnetzwerks Fare, das White Rex bereits seit 2013 wegen Verbindungen zu gewalttätigen Hooligans und rechtsextremer Symbolik beobachtet.

«Denis» spricht im Film über die «Taktiken des Strassenkampfes», die seine Gruppe in den Strassen Marseilles angewandt hat. Und über seinen brutalen Angriff auf einen englischen Fussballfan: «Ich habe einen Typen gegen den Kopf getreten. Wenn du dir einen Penalty-Kick vorstellst, dann habe ich einen guten Penalty getreten. Er war sicher bewusstlos.» Auf der Website und in sozialen Medien teilte White Rex Videos und Fotos der brutalen Schlägereien. Eine Bildunterschrift heisst: «Angekommen in Marseille.» Im Falle eines englischen Fans, der nach Schlägen gegen den Kopf für Wochen im Koma lag, führt die Staatsanwaltschaft in Marseille ein Ermittlungsverfahren. Ob Nikitin involviert ist, wollte die Behörde auf Anfrage nicht sagen. Die Thurgauer Kantonspolizei, die den Russen am Pnos-Seminar im Februar überprüft hatte, konnte nichts Auffälliges feststellen.

Brutale Attacken an der EM in Marseille: Ein Engländer wurde so schwer verletzt, dass er wochenlang im Koma lag (Bild: Keystone, 11. Juni 2016).

Das überrascht Klimenko nicht. «Nikitin ist immer äusserst vorsichtig», sagt der Experte für Gewaltextremismus im Fussball. Tatsächlich sind über Denis Nikitin nur wenige Informationen auffindbar. Er war früher selber Fussballer, wandte sich aber als Teenager dem Kampfsport zu. Unter dem 2008 gegründeten White-Rex-Label organisiert er Kampfsport-Turniere in Russland und verschiedenen europäischen Städten. Die Kleider der Marke zeigen martialische Gegenstände – Messer, Hämmer, Schlagringe – und Neonazi-Symbole wie die Tyr-Rune und abgewandelte Hakenkreuze. Nikitin biete damit eine Kombination von Mode und Gewalt – unterfüttert von einem ideologischen Narrativ, das rechtsgerichtete Hooligans anspreche, sagt Klimenko: das der Rückkehr des weissen, wehrhaften Europäers.

Verurteilter Neonazi machte Werbung für White Rex

Zur rechtsextremen Szene hat Nikitin denn auch gute Verbindungen: Der russische Neonazi Maxim Marzinkewitsch etwa machte Werbung für White-Rex-Turniere. Marzinkewitsch wurde international für seine Videos von Misshandlungen schwuler Männer bekannt. Im Moment sitzt er wegen Volksverhetzung im Gefängnis. 2013 veranstaltete White Rex ein Martial-Arts-Turnier in Rom, zusammen mit der faschistischen Bewegung Casapound. Als Gastredner trat der ehemalige SS-Kommandant Erich Priebke auf. Zu Casapound unterhält auch die Pnos gute Verbindungen. Zuletzt waren die Römer Anfang Jahr auf Einladung von Pnos-Chef ­Dominic Lüthard in der Schweiz.

Auf der Website von White Rex wurden Fotos aus Marseille veröffentlicht. Die Bildunterschrift: Russische Hooligans mit einer Trophäe. Der Typ rechts trägt ein White-Rex-Shirt» (Bild: White Rex).

In England soll Nikitin nach Informationen der antifaschistischen Organisation Searchlight im Sommer 2014 ein paramilitärisches Trainingslager für britische Neonazis durchgeführt haben – angeblich sogar mit Messern und Schusswaffen. Auch in Deutschland ist Nikitin mehrfach an Kampfsportevents aufgetreten und unterhält Kontakte zur rechtsextremen NPD.

Pnos-Chef Lüthard sagt auf Anfrage, er habe nichts von der Rolle Nikitins als mutmasslicher Anführer der russischen Schläger in Marseille gewusst. «Wir haben nach einem Kampfsportprofi gesucht, der uns ideologisch nahesteht», erklärt Lüthard. «Was ­Nikitin privat macht, geht uns nichts an.» Nikitin selber will eine Beteiligung an den brutalen Schlägereien in Marseille auf Anfrage weder bestätigen noch dementieren.

Erstellt: 22.04.2017, 22:51 Uhr

Rechtsextreme dank Le Pen im Aufwind

Während der französischen Präsidentschaftswahlen haben sich um die Kandidatin Marine Le Pen gewalttätige Fans des Front National formiert. Dies hat laut «Sonntagsblick» auch Einfluss auf Schweizer Rechtsextreme.

Erstmals seit knapp zehn Jahren registrierten militante Gruppierungen in der Romandie wieder Zulauf. Ihren Hass auf Muslime und Linke lebten die jungen Mitglieder immer offener aus. So veranstalteten die Rassisten brutale Kampftrainings, wie zuletzt am 1. April, wie Videos belegten.

Schweizer Rechtsextreme profitieren vom Front National: Neonazi-Aufmarsch in Appenzell. (Archiv) (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)

Laut «Sonntagsblick» sind die neuen Extremisten aus der Westschweiz mit ihren Gesinnungskameraden in Frankreich eng vernetzt. Gemeinsam organisierten sie Demonstrationen, Fussballturniere und geheime Kampftrainings.

An vorderster Front ist die Gruppe Résistance Helvétique (helvetischer Widerstand) dabei. Sie wurde 2014 im Wallis gegründet und hat heute Ableger in den Kantonen Genf, Waadt und Freiburg. Erklärte Ziele der Organisation sind: Abschaffung des Asylrechts, Einführung der Todesstrafe, Auflösung sämtlicher Parteien. (roy/sda)

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