«Eine Jobgarantie kann die Post nicht geben»

Hunderte Poststellen werden kahlgeschlagen, selbstfahrende Postautos und Drohnen übernehmen. Kündigungen sind nicht ausgeschlossen. Dazu Post-Chefin Susanne Ruoff.

Rechnet mit Konkurrenz durch den US-Konzern  Amazon: Susanne Ruoff. Foto: Philipp Rohner

Rechnet mit Konkurrenz durch den US-Konzern Amazon: Susanne Ruoff. Foto: Philipp Rohner

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Die Mitarbeiter des drittgrössten Schweizer Arbeitgebers müssen sich auf unsichere Zeiten einstellen. Susanne Ruoff streicht das Poststellennetz zusammen. Das kostet Arbeitsplätze. Die Konzernleiterin der Post verlangt von ihren Mitarbeitern Flexibilität, um intern eine neue Stelle zu finden.

Die Post wird bis zu 459 Poststellen schliessen. Wie viele Mitarbeiter verlieren dadurch ihren Job? Wir rechnen mit rund 1200 Angestellten, die über die nächsten Jahre von der Umwandlung des Poststellennetzes betroffen sein werden. Mit einer internen Jobbörse helfen wir ihnen, eine neue Stelle zu finden, extern oder bei der Post. Wir brauchen beispielsweise Mitarbeitende in der Postzustellung.

Wollen Schaltermitarbeiter überhaupt wechseln und bei jedem Wetter Päckli und Briefe zustellen? Es ist eine persönliche Entscheidung, ob jemand bei der Post bleiben will. Sicherlich ist eine gewisse Flexibilität notwendig. Es gibt bestimmt auch Mitarbeitende, die es bevorzugen, in einem Büro zu arbeiten und ausserhalb der Post eine Stelle suchen.

Wird es zu Kündigungen kommen? Wir versuchen, das möglichst zu vermeiden, und haben entsprechende Massnahmen geplant. Jedoch 100 Prozent ausschliessen können wir Kündigungen nicht.

Die Post galt einst als sicherer Arbeitgeber. Steht der Staatsbetrieb nicht in einer anderen Verantwortung als ein Privatunternehmen? Wir nehmen unsere soziale Verantwortung wahr und halten uns an den mit den Gewerkschaften erarbeiteten Sozialplan. Eine Jobgarantie kann auch die Post keine geben. Wir können den Mitarbeitenden helfen, Perspektiven aufzuzeigen. Es braucht aber auch Eigenverantwortung und Engagement der Betroffenen. Viele Mitarbeitende haben beispielsweise noch nie einen Lebenslauf geschrieben. Wir zeigen ihnen, wie das geht.

Mitarbeiter sind verunsichert, die Stellenwechsel im Bereich der Poststellen haben deutlich zugenommen. Sind sie froh um freiwillige Abgänge? Wir wollen niemanden loswerden. Dass die Neuausrichtung des Poststellen­netzes eine gewisse Verunsicherung auslöst, ist unvermeidlich, obwohl wir unsere Pläne offen mitteilen. Dass sich einige Mitarbeitende deshalb entscheiden, eine neue Stelle anzunehmen, ist normal.

Sie garantieren vorläufig den Erhalt von 800 bis 900 Poststellen, allerdings nur bis 2020. Kommt danach eine erneute Abbauwelle? Das weiss ich nicht, dazu bestehen keinerlei Pläne. Sagen Sie mir, wie die Welt nach 2020 aussieht. Unser Umfeld verändert sich immer schneller. Schon Prognosen auf zwei Jahre hinaus sind ­gewagt.

Diese Poststellen sind gefährdet Grafik vergrössern.

Erwarten sie, dass Bareinzahlungen am Schalter und der Briefversand weiterhin so dramatisch abnehmen wie in den vergangenen Jahren? Die Bareinzahlungen sind noch nie so stark zurückgegangen wie in den ersten drei Monaten dieses Jahres. Ich erwarte keine Umkehr dieses Trends. Ähnlich bei den Briefen: Die Kunden fangen kaum plötzlich wieder an, Briefe statt E-Mails zu schreiben.

Ist demnach die weitere Schliessung vieler weiterer Poststellen nach 2020 nicht die logische Folge? Unsere Pläne mit dem Poststellennetz sind auf die Zeit bis Ende 2020 ausgerichtet. Dabei setzen wir vielerorts auf Agenturen mit langen Öffnungszeiten. Danach werden wir weiterschauen. Eine flächendeckende Grundversorgung muss auch in Zukunft im Mittelpunkt stehen.

Dorfläden, die im Auftrag der Post eine Agentur betreiben, erhalten eine fixe Entschädigung. Oft können die Lädeli nur so überleben. Stimmt es, dass Sie diese Beiträge abschaffen möchten, was für viele Läden das Aus bedeuten würde? Nein, das ist nicht vorgesehen.

Werden bald auch mehr Postagenturen in Migros-, Coop- oder Denner-Filialen stehen? Wir sprechen mit allen.

Eine andere Alternative zu den Poststellen ist der Hausservice, wo der Pöstler zu den Kunden nach Hause kommt. Nur wissen sie nie, ob das um 10 Uhr oder erst um 13 Uhr ist. Soll das ein guter Service sein? Der Hausservice ist für ältere Leute gedacht, die nur noch wenig aus dem Haus gehen. Zudem macht man ja nicht jeden Tag Bareinzahlungen.

Der Service wird nur wenig genutzt. Ist er nicht ein Feigenblatt, um Kritik am Abbau der Poststellen abzuwehren? Die Nachfrage ist vielleicht nicht riesig, für einen Teil unserer Kunden ist das Angebot aber wertvoll. Wir erhalten positive Rückmeldungen, gerade von Älteren.

«Der Verkauf von Drittprodukten hat nicht den erhofften Ausgleich gebracht.»

Zeigt die Schliessung vieler Poststellen nicht, dass die Strategie gescheitert ist, diese zum Gemischtwarenladen mit Papeterieartikeln und Smartphones auszubauen? Ich gebe Ihnen recht: Der Verkauf von Drittprodukten hat nicht den erhofften Ausgleich zum Rückgang anderer Dienstleistungen gebracht. Allerdings gab es auch politischen Gegenwind. Der Verkauf von Schoggistängeli und Snacks wurde heftig kritisiert.

Das Parlament hat beschlossen, dass die Post wieder für alle Häuser in den Schweiz eine Postzustellung anbieten muss. Was sagen Sie dazu? Es ist eine Frage der Verhältnismässigkeit. Von 1 729 439 ganzjährig bewohnten Häusern werden einzig 1133 Häuser oder 0,07 Prozent nicht über die ordentliche Zustellung bedient. Es bleibt kein ganzjährig bewohnter Haushalt gänzlich ohne Postversorgung. Wir bieten überall eine alternative Zustellung. Es ist das Recht des Parlaments, sich auch für diese einzusetzen. Für mich stellt sich aber die Frage: Engagiert es sich an der richtigen Stelle? Und vor allem: Was kostet das?

Ihre Antwort? Es geht es um ein paar Millionen Franken. Doch es geht nicht darum, ob wir uns diese Summe noch leisten können, sondern dass wir die Balance zwischen Region, Politik und Kundeninteressen nicht verlieren. Es gibt noch viele weitere Ansprüche, die ebenfalls wieder einige Millionen kosten. Die Post hat heute eine 95-prozentige Abdeckung in der Erreichbarkeit. Bei weitem mehr, als das heutige Gesetz von uns verlangt. Das Parlament muss letztlich entscheiden, ob diese Vorhaben verschärft werden, unter Kenntnisnahme von Nutzen und Kosten.

Aber man will einen guten Service public von der Post. Sollen davon nicht 100 Prozent der Haushalte profitieren? Die Post erbringt die Grundversorgung aus eigenen Mitteln ohne Subventionen und in einer hohen Qualität. Wenn die Ansprüche an uns hochgeschraubt werden, müsste man auch die notwendigen Mittel sprechen. Wenn jeder da und dort eine Zusatzleistung der Post verlangt, haben wir ein Problem.

Sie haben in Sitten ein selbstfahrendes Postauto getestet. Auch die SBB testen autonome Busse. Ärgert es Sie nicht, dass Ihnen der zweite grosse Bundesbetrieb Konkurrenz macht? Grundsätzlich sind wir offen für eine Zusammenarbeit, aber manchmal verlangsamt das ein Projekt nur. Wir sind in Sitten auf öffentlichen Strassen Tausende Kilometer mit dem selbstfahrenden Bus herumgefahren. Und wir haben Tausende Leute transportiert. Auf Wunsch stellen wir unser Wissen gerne zur Verfügung. Andere Anbieter wie die SBB müssen aufzeigen, dass sie einen Betrieb mit autonomen Fahrzeugen aufbauen und sicherstellen können.

Werden Sie das Angebot in Sitten nach Abschluss des Tests definitiv einführen? Ja, wir und unsere Partner wollen das Projekt gerne weiterführen und das Streckennetz in Sitten ausweiten. Derzeit prüfen wir dies im Detail mit den Behörden. Ein entsprechendes Gesuch haben wir bei den Bewilligungsbehörden eingereicht.

Und in anderen Städten? Wir können uns vorstellen, weitere Verbindungen mit selbstfahrenden Bussen zu installieren. Wir haben auch Anfragen für Shuttles innerhalb von Firmengeländen, zur besseren Anbindung von Flughäfen oder von anderen Gebieten. Wir prüfen das gerne und stimmen uns eng mit den Bundesämtern ab.

Wir hören, dass Sie mitSt. Gallen in Kontakt stehen, und auch in Freiburg soll es einen autonomen Bus geben. Wir sind mit verschiedensten Interessenten im Gespräch. Ob eine Umsetzung gelingt, ist etwas anderes. Was ich sagen kann: Selbstfahrende Busse werden viel rascher in unseren Städten eingeführt werden, als man glaubt.

Sie sind also zuversichtlich, in weiteren Städten Strecken bedienen zu können? Ja, denn die Post hat bewiesen, dass sie einen Betrieb mit autonomen Shuttles aufbauen kann. Wer das einmal selbst in Sitten erlebt hat, hat das Vertrauen, dass es auch anderswo funktioniert. Bei den autonomen Bussen verläuft das ganz ähnlich wie bei den Drohnen: Erst waren die Leute skeptisch. Dann haben wir im Tessin mit erfolgreichen Drohnentests bewiesen, dass solche Flüge möglich sind.

«Die erste weltweit kommerzielle Anwendung autonomer Drohnenflüge steht ab Januar 2018 bevor.»

Drohnen kommen jetzt definitiv? Ja, in Lugano gab es zwei Spitäler, die zweimal dieselbe teure Laborinfrastruktur benötigten. Unsere Lösung: Statt dass man bei beiden nahe gelegenen Krankenhäusern teure Labors unterhält, macht man das nur noch in einem Spital. Die Blutproben müssen schnell von einem ins andere Krankenhaus. Um Staus in der Innenstadt zu umgehen, richten wir einen fixen Drohnenflugplan ein. Noch sind wir in der Pilotphase, die erste weltweit kommerzielle Anwendung autonomer Drohnenflüge steht ab Januar 2018 bevor.

So viel Innovation hätte man der Post gar nicht zugetraut. Wir müssen uns bewegen, vorne im Markt dabei sein, sonst tun dies andere. Vieles wird uns gelingen, anderes vielleicht nicht. Vielleicht wird irgendwo ein zweiter Uber auftauchen und ein Geschäftssegment durchschütteln. Oder wenn Amazon sich plötzlich entscheiden sollte, Pakete in Zürich, Bern und Basel selbst auszutragen – das wäre gar nicht gut für uns.

Haben Sie Anzeichen dafür, dass Amazon das will? In Deutschland und Grossbritannien hat der Konzern bewiesen, dass er es kann. Warum sollen die nicht irgendwann in die Schweiz kommen? Zollschranken und die Kleinheit des Schweizer Markts halten Amazon derzeit noch ab. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.06.2017, 23:01 Uhr

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