Er will nur spielen

Ringo Starr stand stets im Schatten seiner Beatles-Kollegen. Nun erscheint sein neues Album. Höchste Zeit für eine Ehrenrettung. – Diesen Artikel können Sie auch hören.

Peace and Love: Schlagzeuger Ringo Starr, 77. Foto: Camera Press/Keystone

Peace and Love: Schlagzeuger Ringo Starr, 77. Foto: Camera Press/Keystone

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Am 7. 7. 2017 feierte Ringo Starr seinen 77. Geburtstag. Einer mit dem Ruf des ewigen Klassenclowns liess sich eine solche Gelegenheit nicht nehmen. So schnitt der Beat­les-Drummer in Hollywood im Beisein seiner Frau, Barbara Bach, Musikerkollegen wie dem Eagles-Gitarristen Joe Walsh (der auch sein Schwager ist) und seinem Meditationsfreund David Lynch eine Geburtstagstorte an – und kündete auch gleich sein neues Album «Give More Love» an.

Um es vorwegzunehmen: Sein 19. Album wird jene bestärken, die Ringo als Witzfigur der Musik­geschichte sehen, die bloss zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Eine Figur, die einmal sagte: «Ich liebe Beethoven, vor allen Dingen seine Gedichte.» «Give More Love» wird aber auch jene zufriedenstellen, die trotz allen musikalischen Unbedarftheiten diesen Bruder Leichtfuss und Brexit-Befürworter noch immer verteidigen – und weiter sagen: Ohne Ringo wären die Beatles in ihrer Grösse nicht möglich gewesen.

«Yellow Submarine» als ideales Einstiegsportal

Ich zähle zu dieser Gruppe. Die Gründe liegen wie bei fast allem, was mit den Beatles zusammenhängt, in der Kindheit begraben. Denn der erste Kontakt mit den Fab Four geschieht ja gemeinhin nicht mit den fantastischen Verworrenheiten, die das «Weisse Album» enthält. Oder dem unsterblichen Streicherarrangement von «Eleanor Rigby». Oder George Harrisons wunderbarem «Here Comes the Sun». Sondern mit dem simplen Lied über den Mann, der aufs Meer hinaus segelt, und vom Land der Unterseeschiffe erzählt.

Gesungen hat «Yellow Subma­rine» nun mal nicht John Lennon, nicht Paul McCartney, die das Lied ­geschrieben haben. Die beiden überliessen bekanntlich Ringo, diesem begeisterten und begeisternden Nichtsänger, das Mikrofon, der hier im Stile eines schwer verdrogten Matrosen lossingt. «Yellow Submarine» ist auch dank Ringos Stimme ein ideales Einstiegsportal in die Welt der Popmusik. Jene Welt, die zunächst so einfach, fröhlich, glücklich, unschuldig und kindlich erscheint, und doch so viele magische Mysterien und psychedelische Tiefen bereithält. Und Schicksale retten kann, so wie jenes von Richard Starkey, dem späteren Ringo.

Bis er achtjährig war, blieb er Analphabet

Seine Kindheit, die er in einer der ärmsten Quartiere Liverpools durchlebt hat, war geprägt von lebensbedrohlichen Krankheiten. Bis er achtjährig war, blieb er Analphabet – und als er den Rückstand aufgeholt hatte, wurde er durch eine Tuberkuloseerkrankung für zwei Jahre ausser Gefecht gesetzt. Es war während dieser Zeit im Sanatorium, als er erstmals ein Perkussionsinstrument spielte, und von da an war für ihn klar, was er in seinem Leben machen wollte: Schlagzeug spielen, um einen Ausweg aus der Dunkelheit zu finden. «Only way out of there / drums, guitar and amp», sollte er viel ­später in seinem Solosong «The Other Side of Liverpool» singen.

1962 rief Beatles-Manager Brian Epstein an und fragte, ob er Mitglied der Band werden wolle. Und auf einmal hatte das Einzelkind Ringo drei Brüder.

Ringo hatte das Glück, dass er zur ersten Generation zählte, die nicht in die Armee eingezogen wurde. Jener Generation also, die die Teenagerkultur erfand – auch dank den Platten, die am Hafen von Liverpool aus Übersee ankamen und die den Beat der Stadt prägen sollten. «Du warst in einer Band, wenn du ein Instrument hattest», erinnert sich Ringo an jene Zeit. Spielen? Musste man nicht können – auch Ringo hatte nach eigener Aussage keinerlei Taktgefühl, als er begann, durch die Liverpooler Konzertkeller zu ziehen.

Sein Ruf, den er als Schlagzeuger von Bands wie Rory Storm and the Hurricanes in der Stadt erwarb, ereilte dann auch die aufstrebenden Beatles. Zuweilen sprang er ein, 1962 rief dann der Beatles-Manager Brian Epstein an, ob er Mitglied der Band werden wolle. Natürlich wollte er. Und auf einmal hatte das Einzelkind Ringo drei Brüder.

Ganz eigener, unkopierbaren Backbeat

Ringo erfand seinen ganz eigenen, unkopierbaren Backbeat für die Band, die Lennons Ziel, «the toppermost of the poppermost» zu werden, spielend erreichte. Dieser Beat, den Ella Fitzgerald in ihrem Song «Ringo Beat» besang, kam immer leicht zu spät. Er rockte nicht hart oder genau, sondern swingte sonderbar verschlurft und grobmotorisch. Was auch damit zusammenhängt, dass der Linkshänder Ringo auf seinem Rechtshänder-Schlagzeug weitere Wege als andere Drummer zurücklegen musste.

Ringo Starr während eines Konzerts der Beatles 1966 in München. Foto: Camera Press / Keystone

Ist Ringo wegen seines intuitiven Spiels aber nun ein schlechter Schlagzeuger? Nur Taktmesser, Fans der Rolling Stones oder der Beatles-Produzent George Martin, der sich nicht immer angetan von Ringos Trommelkünsten zeigte, behaupten das. Oder auch Leute, die noch nie einen Song wie «­Tomorrow Never Knows» gehört haben. Hier spielt der stets unterschätzte Ringo einen bahnbrechenden Beat, der aus den Big-Beat-Neunzigerjahre stammen könnte. Genau dieser Beat war es, der mein Interesse für die Beatles neu entfachte. Ohne Ringo? Würde «Tomorrow Never Knows» weniger lustig, aber auch weniger rätselhaft heissen – ähnlich wie «A Hard Day’s Night», das ebenfalls auf einem Ringo-Ausspruch basiert.

Ein guter Songwriter war Ringo natürlich nie

Ringos Ding war der Spieltrieb, das gemeinsame Musikmachen und das Zusammensein unter Freunden. Ringo war so auch der Friedensstifter zwischen den Genies und Egos innerhalb der Band. Er litt unter den Separierungen im Studio, als sie die «Sgt. Pepper»-Platte aufnahmen. Er begrüsste es, als sie beim «Weissen Album» wieder als Band zusammenspielten, nach Monaten des Streits und Ringos temporärem Ausstieg (in denen die verbliebenen drei Beatles «Dear Prudence» einspielten – mit Paul McCartney am Schlagzeug). Und blieb nach dem Ende der Band die Person, mit der sich alle irgendwie vertragen konnten. So gut, dass McCartney auf Ringos neuem Album gleich zu Beginn den Bass beisteuert.

Ringo Starr und «Give More Love». Video: Youtube

Ein guter Songwriter war Ringo natürlich nie – und das bleibt auch auf seinem neuen Album so. Aber es ist schon so, wie es in einer Kolumne im «New Musical Express» mal hiess: Ringo, dieses «Totem der Verspieltheit und der Spielfreude», sorgte dafür, dass die Beatles selbst in ihren experimentellsten und genialsten Momenten irgendwie menschlich wirkten. Und mit leichtgewichtigen Witzsongs wie dem schwer erträglichen «Octopus’s Garden» die Geniestreiche seiner Kollegen auf den Boden ­holte. Allein für diese Leistung sollte Ringo das erhalten, was er seit Jahren predigt: Peace and Love. Mindestens.


Album: Ringo Starr, «Give More Love» (Universal) (SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.09.2017, 22:59 Uhr

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