Es braucht eine ethische Diskussion über diese neue Art Rasterfahndung

Warum bei der Fahndung die Verwandtensuche mit Gentechnologie heikel ist.

Foto: PD

Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Gentechnik und die Digitalisierung haben die Welt des Alltags wie auch die des Verbrechens schon lange erreicht. Kinder werden gezeugt mit Samenspendern, die anonym bleiben wollen. Gentests ermöglichen sowohl die Klärung einer Vaterschaft wie auch einer Vergewaltigung. ­Verbrecher informieren und vernetzen sich blitzschnell, nationale Grenzen spielen keine Rolle mehr. Die organisierte Erpressung über Hacker­angriffe, Menschenhandel, Kinderpornografie – ­alles wird professionell und mit viel Sachkenntnis ­betrieben.

In einigen Fällen wird die polizeiliche Fahndung aber von teilweise haarsträubend wirkenden Einschränkungen behindert. Datenschutz und ­Föderalismus werden grossgeschrieben – so gross, dass es in der Schweiz nicht einmal eine einheitliche Datenbank für Verbrecher gibt.

«Plötzlich erfährt die Frau, dass ihr Partner vor Jahren kriminell war.»

Verwandtensuche mit Gentechnologie ist jedoch sehr heikel, denn das ist eine Art Rasterfahndung. «Rasterfahndung», das bedeutet ­definitionsgemäss eine Massendatenverarbeitung, bei der automatisiert Informationen aus verschiedenen Datenbeständen abgeglichen werden, um bestimmte Personen zu ermitteln. Ein Verfahren, das bei der deutschen Terrorfahndung in den 80er-Jahren angewendet wurde. Mit Erfolg, denn lange gesuchte Terroristen gingen so ins Netz. Damit kamen die Akzeptanz und der Sieg über die Bedenken gegenüber dem Überwachungsstaat.

Der Sommer 2016, in Europa ein Sommer des Terrors, hat viele Bedenken weggespült. Es gibt wenige Hemmschwellen – wenn man nur die Terroristen findet und dingfest macht. Aber ­Rasterfahndung ist ein Verfahren, das sehr viele Verdächtige kreiert, die überhaupt nichts mit dem Verbrechen, das man aufklären will, zu tun haben. Im Fall des hier beschriebenen «familial searching» alle, die mit einem Täter verwandt sind. Das widerspricht der Unschuldsvermutung.

Und es kann erhebliche Konsequenzen für den familiären Zusammenhalt haben. Plötzlich stellt sich heraus, dass jemand vor Jahren mit der Polizei in Konflikt kam, eine Tatsache, die dem Rest der Familie, vielleicht sogar der Frau, nicht bekannt war. Hinzu kommt, dass vielleicht plötzlich Familienbeziehungen aufgedeckt werden, die bisher nicht bekannt waren. In Zeiten, wo immer mehr Kinder über Samenspenden gezeugt werden, eine heikle Sache.

Darum sollte eine breite ethische Diskussion stattfinden, wie weit man gehen will, und nicht einfach eine Gesetzeslücke ausgenützt werden. In der Zwischenzeit könnten sich die Kantone ja durchaus mal auf eine einheitliche Datenbank für Verbrecher einigen. Es braucht ja nicht immer das modernste Gentechverfahren, sondern manchmal einfach gesunden Menschenverstand.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.08.2017, 07:24 Uhr

Artikel zum Thema

«Kriminalpolitisch und grundrechtlich bedenklich»

SonntagsZeitung Erbgut von Verwandten kann zum Täter führen – doch das weite den Zweck der DNA-Analyse unzulässig aus, moniert Datenschützer Adrian Lobsiger. Mehr...

Neues Gesetz soll Phenotyping erlauben

SonntagsZeitung Damit könnte DNA umfassender ausgewertet werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Punktlandung: Eine russische Raumkapsel mit drei Raumfahrern der Internationalen Raumstation (ISS) an Bord landet in der Steppe von Kasachstan. Nach fünf Monaten ist die Besatzung wieder auf die Erde zurückgekehrt. (14. Dezember 2017)
(Bild: Dmitry Lovetsky) Mehr...