Frank A. Meyers böses Lehrergesicht

Wie der «Blick»-Kolumnist mit Mittelinitial und Einstecktuch die Welt erklärt.

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In deutschen Kindergärten gibt es den Erklärbär, in Schweizer Medien den Erklärgreis. Ersteren erkennt man am braunen Fell, letzteren am abgekürzten zweiten Vornamen. Diese Abkürzung, die vor allem im angelsächsischen Raum verbreitet ist (George W. Bush), ist im deutschen Sprachraum in den letzten drei Jahrzehnten aus der Mode gekommen. Für die Leserinnen und Leser unter 60 sei deshalb Folgendes erklärt: Das sogenannte Mittelinitial war für Schweizer Journalisten in der Zeit des Kalten Kriegs ein Ritterschlag – den man sich praktischerweise selbst verleihen konnte. Auch wenn man bloss beim Schwamendinger Lokalblatt arbeitete: Dank Mittelinitial fühlte man sich in einer staatsmännischen Linie mit John F. Kennedy.

Dieses skurrile Kapitel Mediengeschichte, gewissermassen eine Provinz-Variante von Molières «Der Bürger als Edelmann», lebt im 21. Jahrhundert fast nur noch in der Person des Publizisten Frank A. Meyer fort. Gefühlt schon seit einem halben Jahrhundert in Pension, also auf der «Blick»-Meinungsseite geparkt, taucht Meyer immer mal wieder aus seiner Berliner Versenkung auf, wo er völlig unerkannt dahinlebt. Zugegeben, auch ich hatte ihn komplett vergessen, als ich kürzlich beim Googeln nach einem passenden Kolumnen-Thema einen Text von ihm in einem Ringier-Magazin namens «Cicero» fand.

«Matt sitzt er in einem Ledersessel, macht ein böses Lehrergesicht und klappert rechtsbürgerliche Klischees ab»

In diesem bezeichnet mich Meyer als «Parlaments-Verächter» – selt­samerweise in Bezug auf das sogenannte «Weltparlament», das ich vergangenen Monat in Berlin veranstaltete. Aber vermutlich war das nett gemeint von Meyer, denn niemand beherrscht die undemokratische Hinterzimmer-Mauschelei besser als er. So will es immerhin der Mythos: «Abstieg des Einflüsterers» lautete vor einigen Jahren der Titel eines ­Abgesangs auf ihn in der NZZ. Alle möglichen Medien-Deals soll er befördert oder vermiest haben im ­Hause Ringier – immer schön in den ­Kulissen versteckt.

So ist es irgendwie spooky, wenn man nun Frank A. Meyer plötzlich mit einer seiner berühmten Autoverkäufer-Krawatten plus Einstecktuch in einem Videoblog auf Blick.ch auftreten sieht. Matt sitzt «Ringiers Schlossgespenst» («Tages-Anzeiger») in einem Ledersessel, macht ein böses Lehrergesicht und klappert rechtsbürgerliche Klischees ab, in denen es von «einfachen Bürgern», falschen Flüchtlingen, nervenden Feministinnen und linken Moralaposteln nur so wimmelt.

Meyers grösster Feind ist aber nicht die Linke, sondern die Syntax. «Die Eltern waren ein Pastoren-Haushalt», sagt er über einen (natürlich grünen, also moralverseuchten) Politiker – was Blick.ch wohl wegen Meyers eventuell für Deutsche schwer verständlichem Schweizer ­Akzent genauso untertitelt hat. Doch trotz der satirischen Qualität des Ganzen regt sich nach einigen quälenden Minuten doch ein eher un­demokratischer Wunsch in mir: dass die Zeit des Mansplaining mit Mittelinitial irgendwann auch mal vorbei sein möge!

Erstellt: 16.12.2017, 23:03 Uhr

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