Globuli-Medizin mit Nebenwirkung

US-Behörden warnen vor homöopathischen Mitteln beim Zahnen.

Homöopathie: Bei zahnenden Kindern ist Vorsicht geboten. Foto: Getty

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Homöopathie gilt bei Kritikern als Placebomedizin in Reinkultur. Dies weil die eingesetzten Arzneien so hoch verdünnt sind, dass sie rein statistisch gesehen kein einziges Wirkstoffmolekül enthalten. Doch jetzt warnt die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) wegen Nebenwirkungen ausgerechnet vor homöopathischen Präparaten. Man staunt: Wie kann eine Arznei ohne Wirkstoffe solche unerwünschten Folgen haben? Konkret geht es um Gels und Tabletten gegen Zahnungsbeschwerden bei Säuglingen und Kleinkindern. Entsprechende Produkte könnten ein Risiko darstellen und sollten nicht verwendet werden, schreibt die FDA in einer Pressemitteilung. In den letzten Jahren seien immer wieder Nebenwirkungen nach der Anwendung homöopathischer Zahnungsprodukte gemeldet worden. Die US-Behörde fordert Eltern auf, sofort medizinische Hilfe zu suchen, wenn beim Kind nach der Anwendung von homöopathischen Zahnungsprodukten Symptome wie Krampfanfälle, Atemnot, Lethargie, Hautrötung, Muskelschwäche oder Unruhe auftreten. Gleichzeitig betont die FDA, dass bei den homöopathischen Zahnungsprodukten bis heute kein bewiesener Gesundheitsnutzen vorliege.

In der Schweiz ähnliche Produkte erhältlich

Für die Nebenwirkungen gibt es eine einfache Erklärung: Viele homöopathische Mittel auf dem Markt sind gar nicht so stark verdünnt. In vielen Fällen sind Wirksubstanzen nachweisbar. So auch bei den von der US-Behörde bemängelten Produkten. Bereits vor sechs Jahren hatte die FDA bei der Überprüfung eines Herstellers entdeckt, dass dessen Zahnungsprodukte nicht die vorgesehene Menge eines Tollkirschenextraktes (Belladonna) enthielt. Zusammen mit Meldungen über unerwünschte Wirkungen führte dies dazu, dass der Hersteller seine homöopathischen Zahnungsarzneien vom Markt nehmen musste.

Die schwarze Tollkirsche enthält Atropin, eine hochwirksame Substanz, welche die erwähnten Nebenwirkungen zum Teil hervorrufen und in zu hoher Dosierung sogar tödlich sein kann. Frühere Abklärungen hatten bereits ergeben, dass Eltern die betreffenden Arzneien höher dosieren als vorgesehen – wohl weil sie nicht die erwünschte Wirkung zeigten.

In der Schweiz sind zwar nicht die beanstandeten Produkte, jedoch zwei andere Zahnungspräparate mit dem gleichen Wirkstoff zugelassen, wie die Heilmittel­behörde Swissmedic schreibt. Es handelt sich bei beiden um Zäpfchen. Beim Produkt von Omida ist der ursprüngliche Tollkirschen­extrakt (Urtinktur) mit 1:1 Million verdünnt. Das entspricht etwa einem Tropfen in einem 50-Liter-Bierfass. Homöopathen reden von einer D6-Potenz. Das andere Produkt von Ebi-Pharm verwendet eine geringere Verdünnung von 1:10 000 (D4-Potenz). Das würde einem Tropfen in einem Halbliter-Bierhumpen entsprechen.

Bei D6 und erst recht bei D4 sind Wirksubstanzen chemisch nachweisbar. Allerdings in geringen Mengen, sodass bei Swissmedic die für homöopathische Mittel übliche vereinfachte Zulassung ohne Wirkungsnachweis gilt. Laut der Behörde seien auch noch keine Nebenwirkungen zu Zahnungsprodukten gemeldet worden. Die US-amerikanische Warnung vor homöopathischen Mitteln auf der Basis von Tollkirsche zeigt dennoch: Auch die Globuli-Medizin ist nicht risikofrei. In der Schweiz schätzt man die Gefahr allerdings als tief ein. Weder bei den Behörden noch bei Apothekern oder Ärzten ist sie ein Thema.

«Medikamente unter falschem Titel verkauft»

Gabriela Gutknecht, Apothekerin mit Fachvertiefung in klassischer Homöopathie, sieht verschiedene mögliche Gründe für Probleme wie in den USA. So können die falschen Ausgangsstoffe, Verunreinigungen oder fehlerhafte Herstellungsprozesse entsprechende Folgen haben. «In der Schweiz kann ich mir das nicht vorstellen», sagt die Apothekerin. Bei Homöopathika müssten für die Zulassung unter anderem die Zusammensetzung und die Reinheit der Ausgangssubstanzen wie des Endproduktes dokumentiert werden. Zudem können Swissmedic-Inspektoren vor Ort überprüfen, ob die Herstellung der Homöopathika korrekt erfolgt. Und schliesslich hat die Behörde die Möglichkeit, die Zusammensetzung und Reinheit der Arzneien jederzeit zu überprüfen. Allerdings ist dies laut dem Heilmittelinstitut noch nie geschehen. Es gebe keine Hinweise auf Sicherheitsprobleme, heisst es. «Es ist bisher nur vereinzelt zu Berichten über vermutete unerwünschte Wirkungen von ­Homöopathika gekommen.»

Ginge es nach den klassischen Homöopathen, gäbe es ohnehin keine Sicherheitsprobleme. Für sie sind Arzneien zu wenig stark potenziert, wenn noch Wirkstoff nachweisbar ist. «Viele Medikamente werden unter dem falschen Titel ‹Homöopathie› verkauft, obwohl sie mit klassischer Homöopathie, wie wir sie betreiben, nichts zu tun haben», betont Gisela Etter, Präsidentin des Schweizerischen Vereins homöopathischer Ärzte. Auch Produkte für äussere Anwendungen wie Salben oder Cremes fallen darunter. Etter: «Das ist ein unguter Zustand.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.11.2016, 23:29 Uhr

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