Justizstreit um Wunschkind Cedric

Regula Körner gilt nicht als Mutter ihres Sohnes, weil ihn eine andere Frau ausgetragen hat –­ ihr Kampf ­dauert schon Jahre. Leihmutterschaft ist in der Schweiz verboten, trotzdem gibt es bis zu 1000 Leihmutterbabys.

Familienidylle in der neuen Heimat Connecticut: Regula und Thomas Körner mit ihren Kindern Felix, 7, und Cedric, 4.

Familienidylle in der neuen Heimat Connecticut: Regula und Thomas Körner mit ihren Kindern Felix, 7, und Cedric, 4. Bild: Sally Montana

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Am Schluss blieb Regula und Thomas Körner nur das Auswandern in die USA. Den Kampf um ihren vierjährigen Sohn Cedric konnte das Ehepaar in der Schweiz nicht mehr gewinnen. Cedric war am 27. Februar 2013 zur Welt gekommen. Ein hübsches, fröhliches Baby. Gezeugt mit dem Samen seines Vaters Thomas und der Eizelle einer Spenderin – ausgetragen von einer Leihmutter.

Doch bis heute anerkennt die Schweiz Regula Körner nicht als rechtliche Mutter ihres Sohnes.

Das Schicksal der Familie steht exemplarisch für die zunehmende Zahl von Fällen, in denen sich Paare ihren Kinderwunsch mit einer Leihmutter im Ausland ­erfüllen. Und sich erhebliche rechtliche Probleme ein­handeln können. Denn in der Schweiz ist Leihmutterschaft verboten.

Das Bundesgericht befasste sich mit dem Fall Körner

Das Bundesamt für Justiz hat aktuell Kenntnis von 30 Fällen von Leihmutterschaft. 2013 waren es nur gerade 10 Fälle. Juristin Karin Hochl schätzt die Zahl allerdings deutlich höher, auf 500 bis 1000 Fälle. «Wir haben in unserer Kanzlei pro Woche ein bis zwei Anfragen zum Thema Leihmutterschaft im Ausland», sagt die auf Familienrecht spezialisierte Anwältin.

Wenn die Behörden bei einer Familie Verdacht schöpfen, beginnt der zermürbende Rechtsstreit. Thomas Körner beklagt sich am Telefon bitter: «Wir gingen nicht freiwillig. Das Leben in den USA ist hart. Wenn wir jemanden zum Reden brauchen, ist niemand da. Und unsere Eltern können uns auch nicht besuchen, sie sind alle um die 80 Jahre alt.»

Am 29. März befasste sich erstmals das Bundesgericht in Lausanne mit dem Fall der Familie Körner. Der Rechtsstreit wird aber noch Jahre dauern.

Sie hatte trotz Hormonzufuhr nie einen Eisprung

Dabei hat die Geschichte so «romantisch» begonnen, wie Regula Körner erzählt. Die 52-jährige Lehrerin und der 49-jährige Informatiker waren zwei «Bünzli-Schweizer», wie sie sagen, rechtschaffen und aus streng katholischen Lehrerfamilien. Bei der Heirat 1993 stand fest, dass sie «mindestens vier Kinder» haben wollten.

Doch es klappte nicht: Regula Körner litt, wie sie erst nach unzähligen Behandlungen in Fruchtbarkeitskliniken erfuhr, an einer schweren Form der Endometriose. Dabei breitet sich der Gebärmutterschleim auch ausserhalb der Gebärmutterhöhle aus. Als deswegen die Gebärmutter operativ entfernt wurde, sagten ihr die Ärzte, sie habe noch nie einen Eisprung gehabt – trotz Hormonzufuhr.

Nun wollte das Paar aus dem zürcherischen Schönenberg ein Kind adoptieren. Doch in der Schweiz gab es schlicht zu wenig Möglichkeiten. Und als die Bewilligung für die USA vorlag, trat das Haager Übereinkommen in Kraft, das Adoptionen in den Vertragsstaaten stark einschränkte.

Leihmütter bekommen einen Bruchteil des Geldes

Im Herbst 2008 war es, als Regula Körner im Fernsehen zufällig eine Dokumentation über Leihmutterschaft in den USA sah. Es war die letzte Hoffnung, den Kinderwunsch zu erfüllen. Ein halbes Jahr später reiste das Ehepaar für Abklärungen in die USA. Leihmutterschaft ist in den meisten Ländern entweder verboten oder nicht geregelt. Erlaubt ist sie etwa in den USA, Indien, England, Griechenland, Israel und in der Ukraine – wenn auch zum Teil nur so, dass die Leihmutter kein Geld annehmen darf. Und nicht überall sind Ausländer zugelassen. Doch das Geschäft hat einen Ruch: Hier die reichen Paare mit Kinderwunsch. Da die armen Frauen aus dem Schwellenland, Brutkästen, aufs Geld angewiesen.

Die Körners machten eine andere Erfahrung. Ihre Agentur, das Center for Surrogate Parenting in Maryland, sei sehr streng, sagt ­Regula Körner. So müsse die Leihmutter Kinder haben und verheiratet sein, ihre Familienplanung aber abgeschlossen haben. Zudem dürfe sie ausser der Hypothek keine Schulden haben und müsse über einen ähnlichen sozialen Status verfügen wie die künftigen rechtlichen Eltern.

Eine Leihmutterschaft in den USA kostet rund 100 000 Dollar. Im Fall der Körners gingen 25 000 Dollar an die Leihmutter, den Rest erhielten Ärzte, Anwälte, die Agentur und die Kliniken.

Cedrics älterer Bruder wird 2010 in den USA geboren

Die Eizellenspenderin wählten die Körners aus einem Verzeichnis der Fruchtbarkeitsklinik aus. Es war eine Lehrerin, die ähnliche Interessen hat und auch äusserlich ­Regula Körner gleicht. Während der Schwangerschaft reisten die Wunscheltern oft in die USA. «Es gab viele Tränen», sagt Regula Körner. «Ich konnte das Kind nie in mir selber spüren. Das war besonders hart.»

Am 24. November 2010 kam Felix Raul zur Welt – das erste Leihmutterkind der Körners, der ältere Bruder von Cedric.

Das Familiengericht in Ohio hatte zuvor festgestellt, dass die Leihmutter nie die rechtliche Mutter des Kindes sein würde. «Das ist die grösste Angst einer Leihmutter», sagt Regula Körner.

Gefährdungsmeldung an die Kesb

Mit Felix ging alles gut. In den USA und auch in der Schweiz wurden Regula und Thomas Körner als Eltern eingetragen. Das Kind erhielt den Schweizer Pass. Für das Ehepaar war von allem Anfang an klar, dass Felix kein Einzelkind bleiben sollte.

Doch nach der Geburt von Cedric, dem zweiten Leihmutterkind, kommt die Schweizer Behördenmaschinerie in Gang. Plötzlich bocken die Behörden im Kanton Zug, wo die Körners heimatberechtigt sind, bei der Eintragung. Sie vermuten eine Leihmutterschaft. Es gibt eine Gefährdungsmeldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb. Cedric bekommt einen Vormund. Und das Ehepaar Körner muss eine Abklärung für eine Pflegeplatzbewilligung über sich ergehen lassen. «Es war eine einzige Demütigung.» Das Ehepaar denkt zum ersten Mal an eine Flucht in die USA.

Das Verwaltungsgericht Zug schmettert zwei ihrer Klagen auf Anerkennung ihres Kindes ab. Nach drei Jahren gelangt ihr Fall endlich ans Bundesgericht – nur, um wieder an den Zivilstands- und Bürgerrechtsdienst in Zug zurückgewiesen zu werden. Wie es weitergeht, ist offen. Die Behörde nimmt keine Stellung.

Dabei erlaubt die Rechtslage durchaus Spielraum. Unbestritten ist, dass die Leihmutterschaft in der Schweiz verboten ist. Wird das Kindesverhältnis aber im Ausland und nach ausländischem Recht ­begründet, ist die Situation eine andere. Die Anerkennung des Kindesverhältnisses kann nur verweigert werden, wenn es offensichtlich gegen den Ordre public verstösst – also gegen die öffentliche Ordnung. Genau dies behauptet das Bundesgericht und verweigert die Anerkennung, wenn eine genetische Verbindung fehlt. Für die Zürcher Rechtsprofessorin Andrea Büchler sind diese Urteile sehr schwer nachvollziehbar. «Sie werden dem Kindeswohl nicht gerecht», sagt sie.

Umzug nach Connecticut

So wünscht sich denn auch eine Mehrheit der Schweizer eine Aufhebung des Verbots. Das zeigt eine repräsentative Umfrage der Forschungsstiftung Ibsa. 42 Prozent würden die Leihmutterschaft in der Schweiz erlauben, 39 Prozent wollen ein Verbot – der Rest ist ­unentschlossen.

Rechtsprofessorin Büchler setzt sich für eine liberale Lösung ein: «Es sollte die Regel sein, dass die Schweiz Kindesverhältnisse, die im Ausland mit einer Leihmutter zustande gekommen sind, anerkennt», sagt sie. Ob die Wunscheltern mit dem Kind genetisch verwandt seien, könne nicht entscheidend sein.

Im Oktober 2013 reist die Familie Körner erstmals zu viert in die USA. Thomas Körner hat ein Jobangebot eines internationalen Konzerns. Er ist bereit, Lohn­einbussen in Kauf zu nehmen. Die Familie kauft ein Haus in Connecticut, unweit von New York. Am 2. Januar 2014 wandert sie aus. Ihr Fall wird erstmals in den Schweizer Medien publik gemacht.

In der Schweiz geht der Rechtsstreit weiter. Sollte auch das Bundesgericht dereinst die Anerkennung von Cedric verweigern, was nach heutiger Praxis wahrscheinlich ist, wollen die Körners auch die Möglichkeit einer Sammel­klage gegen die Schweiz vor einem US-Gericht prüfen – und damit auch andere betroffene Paare einbeziehen. «Wir kämpfen nicht nur für uns, sondern auch für andere ­Familien», sagt Thomas Körner. Seit einem Jahr haben die Körners die Greencard, die permanente Aufenthaltsbewilligung. In spätestens vier Jahren stellen sie den Antrag auf die US-Staatsbürgerschaft. Dann steht ihnen dieses Rechtsmittel offen.

Erstellt: 03.06.2017, 23:03 Uhr

Leihmutterschaft in Zahlen

30'000 Franken kostet eine Leihmutterschaft in Indien. In den USA zahlen Paare mittlerweile das Fünffache.

1985 kam das erste bezahlte Baby einer Leihmutter zur Welt. In der Folge kam es zu einem Rechtsstreit.

5000 Kinder sind Schätzungen zufolge in den Jahren 2004 bis 2008 in den USA von einer Leihmutter geboren worden.

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