Keine Entwarnung

Die Zuwanderung wird, selbst wenn sie leicht sinkt, zu einem immer grösseren Problem.

Unbewachter Grenzübergang bei Basel. Foto: Keystone

Unbewachter Grenzübergang bei Basel. Foto: Keystone

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Die Personenfreizügigkeit war ein Kind der ­absurden Zuwanderungsprognosen des ­Bundesrats und seiner «Experten» von netto 8000 bis 10 000 Zuwanderern jährlich. Was kann man nun nach zehn Jahren voller Personenfreizügigkeit prognostizieren?

Viele Politiker und Medien frohlocken, die ­Zuwanderung sinke und würde weiter sinken. Das sehe ich anders. Die totale Nettozuwanderung, also Ein- minus Auswanderung der ständigen und nicht ständigen ausländischen Wohnbevölkerung, ist zwar vom Rekord 2013 bis 2016 von 88 976 auf 56 305 deutlich zurückgegangen. In den ersten fünf Monaten 2017 stieg die Nettozuwanderung gegenüber 2016 aber wieder um deutliche 6 Prozent.

Die laufende Entwicklung ist also keinesfalls beruhigend. Im historischen und internationalen Vergleich ist die Nettozuwanderung weiterhin extrem hoch. Die Entwicklung ist auch nicht überraschend. Sie spiegelt nur die vernünftigerweise zu erwartenden Veränderungen von Ein- und Auswanderung.

Die Einwanderung steigt mit dem Lebensqualitätsvorsprung der Schweiz und sinkt mit den Wanderungskosten. Ersterer nimmt durch das schnelle Bevölkerungswachstum in der Schweiz mit seinen Überfüllungseffekten (Verknappung von Land, Infrastruktur und Umweltqualität) tendenziell ab. Letztere sinken aufgrund der Bildung von Einwanderernetzwerken und sinkender Kommunikations- und Reisekosten, dank denen die Einwanderer leichter Kontakt mit Verwandten und Freunden in ihrer Heimat halten können. Längerfristig dürfte die Einwanderung deshalb ähnlich hoch wie heute bleiben – bis die Überfüllungseffekte überhandnehmen. Diese langfristigen Effekte werden kurzfristig noch von der Arbeitsmarktkonjunktur überlagert. Die Auswanderung hingegen wird längerfristig vor allem durch einen simplen Mengeneffekt getrieben: Je mehr Ausländer es gibt, desto mehr wandern in aller Regel auch aus.

«Je mehr Ausländer es gibt, ­desto mehr wandern in aller Regel auch aus»

Die tatsächlichen Wanderungszahlen mit der EU spiegeln diese Effekte. Die Einwanderung war von 2009 bis 2016 erstaunlich stabil. Von rund 130 000 ist sie bis zum Hoch von 2013/14 auf rund 155 000 gestiegen und nach der konjunkturellen Abkühlung und dem Frankenschock bis 2016 wieder auf 143 000 gefallen, liegt aber immer noch höher als 2009 bis 2011. Die Zurückwanderung ins Ausland hingegen ist seit 2009 systematisch um fast 30 000 Personen ­gestiegen. Das ist genau das, was aufgrund der schnell steigenden Ausländerzahl und der für Arbeitsmarktzuwanderer typischen leicht höheren Wanderungsfrequenz zu erwarten war.

Was bringt die Zukunft? Die Einwanderung dürfte um die bisherigen Werte schwanken und bei einer konjunkturellen Erholung zuerst wohl wieder leicht steigen. Die Auswanderung dürfte tendenziell weiter steigen, weil der Ausländer­bestand schnell weiterwächst. In der Summe ist also keine grosse Veränderung der hohen jährlichen Nettozuwanderung zu erwarten. Aber: Die gesellschaftlichen Kosten der Zuwanderung durch Überfüllungseffekte steigen mit dem über die Jahre kumulierten Bevölkerungswachstum. Deshalb wird die Zuwanderung, selbst wenn sie leicht sinkt, zu einem immer grösseren Problem. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.07.2017, 23:29 Uhr

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