Kinderärzte warnen vor dem Diätenhype

Hungerkuren, vegane Verpflegung und Allergiker-Lebensmittel sind bei Eltern im Trend. Diese Ernährungsmethoden gefährden die Gesundheit der Kinder.

Raoul Furlano, Leitender Arzt für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung am Universitäts-Kinderspital beider Basel: «Jegliche Extremform von Ernährung kann das Kindswohl gefährden.» Foto: Sebastian Magnani

Raoul Furlano, Leitender Arzt für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung am Universitäts-Kinderspital beider Basel: «Jegliche Extremform von Ernährung kann das Kindswohl gefährden.» Foto: Sebastian Magnani

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Das Mädchen war noch klein, neun Monate alt. Und es war auffallend blass. Der Blutfarbstoff lag bei weniger als der Hälfte des untersten Normwerts. Der Kinderarzt in Aarau überwies das Mädchen sofort ins Spital, dort wurde noch am gleichen Tag eine Bluttransfusion durchgeführt. Die Eltern hatten das Kind ausschliesslich mit Kuhmilch ernährt. Sie meinten, das sei besonders gesund – je mehr davon, ­desto besser.

Notfallmässig wurde auch in Basel ein kleines Mädchen, sechs Monate alt, ins Kinderspital überwiesen. Es litt an einem schweren Infekt. Die Ärzte stellten eine ­erschreckende Diagnose: Veränderung des Blutbilds, psychomotorische Entwicklungsretardierung, Mangel an Vitamin B12, Mangel an Vitamin D, Gedeihstörung. «Die Kleine», sagt der behandelnde Arzt Raoul Furlano, «war körperlich zurückgeblieben, auch die Entwicklung des Gehirns war gebremst.» Es gab Probleme bei der Motorik der Beine und Fehlsteuerungen der Nerven im Bereich der Zunge sowie beider Hände, was zu unkontrollierten Bewegungen führte. Das Mädchen war nicht in der Lage, sich vom Rücken auf den Bauch zu drehen. Abklärungen der Ärzte ergaben: Die Eltern hatten das Baby strikt vegan ernährt, ohne zusätzliche Vitamine und Spurenelemente.

Ein Viertel der Fälle werden hospitalisert Grafik vergrössern

Im Kanton Aargau musste ein Kinderarzt einen siebenjährigen Buben ins Spital Zofingen überweisen. Der Knabe war viel zu dünn. Die Experten des Spitals fanden heraus: Die Eltern des Buben hielten das Essen knapp, frönten einem Schlankheitsideal. Der Vater macht exzessiv Sport, auch der kleine Sohn musste auf Geheiss der Eltern joggen und Krafttrainings absolvieren, alles in einem Mass, das seinem Alter nicht entsprach – und mit rationiertem Speiseplan. Die Ärzte erwogen eine Meldung an die Kindesschutz­behörde. Dazu kam es nicht mehr – die Eltern brachen die Therapie ihres Kindes ab und zogen weg.

Hungerkuren, vegane Verpflegung, einseitige Nahrung: Der Diätenhype hat die Schweizer Kinder­zimmer erreicht. Immer häufiger tischen Eltern ihren Kindern kalorienreduzierte Gerichte auf, servieren Kost für Allergiker, setzen Lebensmittel auf die ­schwarze Liste. Sie tun das aus Sorge, aus Unwissenheit, aus ideologisch motiviertem Gesundheitswahn. Vielen ist nicht bewusst, dass diese Ernährungsmethoden den Kleinen oft schaden. Denn viele «verbotene» Lebensmittel enthalten Nährstoffe, die für Kinder wichtig sind.

«Die Kleine war körperlich zurückgeblieben, auch die Entwicklung des Gehirns war gebremst.»Raoul Furlano, Leitender Arzt für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung am Universitäts-Kinderspital beider Basel

Ärzte warnen vor dem vermeint­lichen Gesundheitshype. Diäten ohne medizinischen Hintergrund seien «fahrlässig» und könnten zu Mangelerscheinungen führen, sagt Raoul Furlano, Leitender Arzt für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung am Universitäts-Kinderspital beider Basel. «Jegliche ­Extremform von Ernährung kann das Kindswohl gefährden.»

Mangelerscheinungen, bedingt durch eine Krankheit, gab es zwar schon früher. «Neu aber haben jene Fälle zugenommen, die auf selbst gewählte Diäten zurückzuführen sind», sagt Furlano. «Laut Studien leiden 10 bis 15 Prozent der hos­pitalisierten Kinder an Mangel­ernährung oder haben dafür ein erhöhtes Risiko.» Längst nicht alle Fälle würden entdeckt, sagt Furlano. «Die Dunkelziffer ist hoch.»

Verlangsamte Entwicklung des Gehirns

Eine Umfrage der Sonntags­Zeitung bei Kinderärzten zeigt, wie verbreitet der Diätspleen in der Schweiz ist. Von den 43 Medizinern, die sich an der Umfrage beteiligten, hatten 42 bereits mit Eltern zu tun, die bei ihren Kindern eine «Weglass»-Diät anwenden, obwohl es dafür keine medizinischen Gründe gibt. Die Mehrheit der Kinderärzte stellt eine Zunahme dieser Fälle fest. Jeder Vierte musste schon betroffene Kinder in ein Spital einweisen.

Die einseitigen Ernährungsmethoden bereiten den Ärzten zunehmend Sorge. Als riskant gilt etwa der vollständige Verzicht auf tierische Produkte. Am Kinderspital Ostschweiz in St. Gallen mussten die Ärzte vor einiger Zeit gleich neun Kinder behandeln, die an einem massiven Mangel an Vitamin B12 litten. «Sie wurden zu Hause streng vegetarisch beziehungs­weise vegan ernährt», sagt Oswald Hasselmann, Leitender Arzt und Neurologe. «Die Kinder hatten Wachstumsstörungen, bedingt durch die einseitige Ernährung, auch die Entwicklung des Gehirns war verlangsamt.» Hasselmann behandelt immer wieder Kinder, die wegen Fehlernährung gesundheitliche Probleme haben. «Was wir am Spital zu sehen bekommen», sagt der Neurologe, «ist vermutlich nur die Spitze des Eisbergs.»

Derzeit erarbeitet Hasselmann zusammen mit dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) ein Informationspapier über vegetarische und vegane Ernährung. «Es handelt sich um offizielle Empfehlungen, die voraussichtlich im Herbst ­publiziert werden.»

«Eltern sind oft übergewichtig»

Noch immer gilt: Am gesündesten ist eine abwechslungsreiche Mischkost. Nahrungsstoffe sollte man nur dann weglassen, wenn es dafür medizinische Gründe gebe, empfiehlt Arzt Furlano. «In den richtigen Mengen konsumiert, sind bei gesunden Kindern alle Nahrungsmittel erlaubt.»

Trotzdem gibt es immer wieder Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren oder ihnen kalorienreduzierte Magermenüs servieren – weil sie sich um die Figur des Kindes sorgen. «Diese Eltern sind oft selbst übergewichtig oder haben eine ­Essstörung wie Magersucht», sagt Bettina Isenschmid, Chefärztin am Kompetenzzentrum für Adipositas, Essverhalten und Psyche am Spital Zofingen. «Sie haben Angst, dass ihr Kind zu dick wird, und ­halten das Essen so knapp, dass die Kinder untergewichtig sind.»

Auch bei Ernährungsberaterin Sonja Ricke sitzen «immer häufiger» Kinder in der Praxis, die zu dünn sind. «Sie bekommen zu Hause schlicht zu kalorienarme Kost.» Die Folgen zeigen sich in der Schule: «Die Kinder sind unterzuckert, sie werden unruhig und quengelig.»

«Diese Kinder dürfen an einer Geburtstagsparty keinen Kuchen essen, und bei Restaurantbesuchen mit Freunden ist ein Stück Pizza tabu.» Ernährungsberaterin Sonja Ricke

Zugenommen habe auch die Zahl der Eltern, die ihren Nachwuchs mit Allergikerprodukten ­ernähren – im Glauben, das sei ­besonders gesund. «Diäten mit ­gluten- und laktosefreier Nahrung werden vermehrt angewandt», stellt Ricke fest , «meist ohne dass abgeklärt wird, ob das medizinisch nötig ist.» Dabei besteht die Gefahr, dass gerade durch Weglassen von Laktose oder Gluten eine Untersensibilisierung entstehe und der Körper eine Intoleranz entwickle. Ausser Acht liessen die Eltern auch die soziale Ausgrenzung, die mit einer solchen Ernährungsweise verbunden sei. «Diese Kinder dürfen an einer Geburtstagsparty keinen Kuchen essen, und bei Restaurantbesuchen mit Freunden ist ein Stück Pizza tabu.»

Der Ausschluss von Nahrungsstoffen – ob Zucker, Gluten, Laktose oder tierische Lebensmittel – führt laut Ernährungsberaterin Ricke zu einem Nachholbedarf in der Pubertät. «Das kann ausarten in ein Binge Eating, also in ­periodische unkontrollierbare Fressattacken und damit in eine Essstörung.»

«Hoch dosierte Gaben von Vitaminen B12 und D»

Bei einer Umfrage des Bundesamtes für Gesundheit gab jeder Dritte an, dass er sich übermässig mit «gesundheitsfördernder» Ernährung beschäftige und strikte Ernährungsregeln befolge. Gegen rigide Essensregeln der Eltern können sich Kinder kaum wehren – und manche nehmen Schaden. Wie das kleine Mädchen, das Arzt Furlano am Kinderspital Basel aufpäppelte.

«Wir haben das Kind mit hoch dosierten Gaben von Vitamin B12 und Vitamin D behandelt», sagt Furlano. «Es musste auch in die Physiotherapie und in die Logo­pädie und wird heute von der Spitex gepflegt.» Furlano gab auch den Eltern ein Rezept mit auf den Weg – er verordnete eine Ernährungsberatung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.01.2017, 23:08 Uhr

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