Krebsmittel sind unnötig teuer

Die Behauptung der Pharmaindustrie, die aufwendige Forschung mache die Arzneien so hochpreisig, trifft nicht zu.

Umsatzstarke Pharmaindustrie: Roche ist mit drei Krebsmedikamenten Spitzenreiter in der Schweiz. Foto: PD

Umsatzstarke Pharmaindustrie: Roche ist mit drei Krebsmedikamenten Spitzenreiter in der Schweiz. Foto: PD

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Die Krankenkassenprämien steigen ungebremst. Vier Prozent beträgt der Aufschlag im kommenden Jahr, wie Bundesrat Alain Berset am Donnerstag bekannt gab. Als besonders extreme ­Preistreiber gelten neue Krebsmedikamente. Inzwischen gibt es etliche Mittel, die 100'000 Franken und mehr kosten, wenn ein Patient damit ein Jahr lang behandelt wird.

Pharmafirmen verweisen gerne auf ihren hohen Aufwand für ihre Forschung und Entwicklung sowie die klinischen Tests, die vor der Zulassung fällig werden und mit denen sie die Preise für die Medikamente rechtfertigen. Krebsärzte aus den USA zeigen nun jedoch im Fachmagazin «Jama Internal Medicine», dass die Vorab-Investitionen keineswegs so hoch sein dürften, wie Hersteller behaupten. Die Gewinnmarge hingegen nimmt immense Ausmasse an.

Mehr Gewinn als Forschungskosten

Die Mediziner Vinay Prasad und Sham Mailankody aus Portland und New York haben die Entwicklung von zehn Krebsmedikamenten nachverfolgt, die von zehn verschiedenen Unternehmen im Zeitraum zwischen 2007 und 2016 auf den Markt gebracht wurden. Von der ersten Erwähnung der Wirkstoffe als Therapeutika bis zur Zulassung der Arznei dauerte es im Mittel 7,3 Jahre. Im Schnitt kostete die Entwicklung der zehn Krebsmittel jeweils 648 Millionen Dollar – zusammengerechnet also etwa 6,5 Milliarden Dollar.

Diesen Ausgaben standen bis Ende vergangenen Jahres Einkünfte von 67 Milliarden Dollar gegenüber, die von den Unternehmen allein mit diesen zehn Medikamenten erzielt wurden. «Der Gewinn nach der Zulassung ist erheblich grösser, als die Kosten für Forschung und Entwicklung zuvor waren», so die Autoren. So standen beim ­Krebsmittel Imbruvica vom US-Pharmakonzern Abbvie, das seit 2014 gegen die Chronisch-Lymphatische Leukämie auf dem Markt ist, Entwicklungskosten von unter 300 Millionen Dollar Einkünften von 22 Milliarden Dollar gegenüber – fast das 80-Fache.

Die Kosten für die Behandlung eines Patienten liegen in der Schweiz bei 80'000 Franken pro Jahr. Ähnlich das Verhältnis bei Xtandi, das seit 2013 gegen metastasierten Prostatakrebs zugelassen ist und dem japanischen Hersteller Astellas bisher mehr als 20 Milliarden Dollar eingespielt hat. Die aufs Jahr hochgerechneten Therapiekosten für einen Patienten belaufen sich auf 48'000 Franken.

Vinay Prasad und Sham Mailankody haben die Ausgaben der Firmen grosszügig berechnet. In ihrer Analyse wählten sie bewusst Hersteller, die im vergangenen Jahrzehnt keine anderen Krebsmittel im Angebot hatten. Die Entwicklungskosten der Pharmaunternehmen werden daher höher gewesen sein als bei Firmen, die bereits ähnliche Medi­kamente in ihrer Produktpalette hatten und auf entsprechende Entwicklungsarbeit zurückgreifen können. Zudem ist der Zeitraum, in dem die Krebsmedikamente bisher Milliarden eingespielt haben, vergleichsweise kurz. Die in der aktuellen Studie untersuchten Mittel waren im Durchschnitt vier Jahre auf dem Markt.

Längst bekannter Missstand

Wenig überraschend, kritisieren Pharmahersteller die Studie. Der Basler Roche-Konzern kritisiert methodische Mängel. Tatsächlich hat die Studie ausschliesslich Start-ups untersucht, die ihr erstes Krebsmittel auf den Markt gebracht haben. Zudem wirken fast alle der untersuchten Arzneien gegen seltene Krebsarten, bei denen Hürden für eine Zulassung niedriger sind. Die Konkurrentin Novartis wollte keine Stellung nehmen.

Für andere Experten bestätigt die Studie jedoch einen längst bekannten Missstand. «Die Preise der neuen Medikamente, darunter viele Krebsmittel, haben seit Jahren keinen Bezug mehr zu den Forschungs- und Entwicklungskosten», sagt Guido Klaus, Leiter Ökonomie und Politik bei der Krankenkasse Helsana. Auch der Pharmaexperte Merrill Goozner bescheinigt der Studie eine hohe Aussagekraft. «Die Autoren ­berück- sichtigen auch Kosten der Firmen für fehlgeschlagene Experimente und billigen Präparaten selbst dann hohe Entwicklungskosten zu, wenn es sich nur um kostengünstige Nachahmerprodukte handelt», schreibt der Autor des Buches «The $800 Million Pill». Für ihn ist die Schlussfolgerung eindeutig: «Politiker können beruhigt die Preise für Arzneimittel einschränken – sie müssen keine Angst haben, Innovationen auf dem Pharmamarkt zu behindern.»

Hohe Kosten, oft fragwürdiger Nutzen

Klar ist, dass Krebsarzneien das Gesundheitswesen zunehmend belasten. Laut dem Bundesamt für Gesundheit stiegen die Kosten alleine zwischen 2012 und 2015 um 18 Prozent auf 585 Millionen Franken pro Jahr. «Das Wachstum in der Onkologie ist am grössten», schreibt das Amt. «Es kommen viele neue und teure Therapien auf den Markt, und das wird die Kosten weiter in die Höhe treiben.» Gemäss dem Helsana-Arznei-mittel­report 2016 ist das Brustkrebsmittel Herceptin von Roche mit einem Jahresumsatz von 53,1 Millionen Franken der Spitzenreiter in der Schweiz, gefolgt von zwei weiteren Medikamenten des Basler Pharmamultis.

Mindestens so ärgerlich wie die Preisgestaltung ist für Ärzte wie Patienten, dass viele der neuen Krebspräparate nur von fragwürdigem Nutzen sind. Die hohen Preise sind so gut wie nie durch eine überragende Wirksamkeit gerechtfertigt. «Aus wissenschaftlicher Sicht macht die Krebsmedizin zwar gerade spannende Zeiten mit vielen interessanten Neuentwicklungen durch», sagt der Berliner Krebsarzt Wolf-Dieter Ludwig, der zudem die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft leitet. «Aber der Nutzen für Patienten ist oft nur marginal oder durch schwere Nebenwirkungen erkauft.»

Vergleich mit Auslandpreisen

Die Preise für Medikamente in der Grundversicherung werden vom Bundesamt für Gesundheit festgelegt. Bei der Preissetzung orientiert es sich an zwei Kriterien: einem Auslandpreisvergleich und einem therapeutischen Quervergleich. Den Vergleich mit Auslandpreisen müsse man infrage stellen, sagt Guido Klaus von Helsana, weil auf Schaufensterpreise abgestützt werde, die nicht der Wirklichkeit entsprechen. So seien die offiziellen Preise in vielen Ländern wegen Rückvergütungen und Rabatten deutlich höher als die effektiv bezahlten.

Derweil dreht die Preisspirale munter weiter. Die teuersten Medikamente mit den exorbitanten Preisen seien immer die neusten, die auf den Markt kommen, sagt Helsana-Sprecher Stefan Heini. «Die Preise kennen nur eine Richtung, sie gehen immer hoch, und es gibt keinen Abschlag auf die alten.» Ein Problem seien auch die neuen Kombinationstherapien, ergänzt Guido Klaus. Immer häufiger würden zwei oder drei Medikamente unterschiedlicher Hersteller kombiniert. «Wenn jedes 80 000 Franken und mehr kostet, wird es schnell extrem teuer.»

Das zeigt sich auch in der Statistik der Versicherten, die jährlich mit extrem hohen Kosten von mehr als 100'000 Franken zu Buche schlagen. Bei Helsana zählten 2011 rund 100 Patienten dazu, hochgerechnet auf alle Kassen sind das rund 650 Patienten. Nur vier Jahre später waren es bei Helsana schon 250 Patienten, beziehungsweise 1650 Patienten schweizweit.

Eine kleine Entspannung könnte die angekündigte Preissenkungsrunde des Bundesamts für Gesundheit per 1. Dezember bringen. «Wegen der überfälligen Wechselkursanpassung», sagt der Helsana-Ökonom Guido Klaus, «müssten die Preise um mindestens 15 Prozent gesenkt werden.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.09.2017, 22:21 Uhr

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