«No Billag, No Schweiz – was für ein Unsinn!»

Financier und Ex-Verleger Tito Tettamanti über die SRG und den Medienwandel, die Verlierer des Börsenbooms und seinen Hass auf Medikamente.

«Fake News existierten immer. Schon in der Antike»: Tito Tettamanti, 87  Foto: Marc Wetli/13 Photo

«Fake News existierten immer. Schon in der Antike»: Tito Tettamanti, 87 Foto: Marc Wetli/13 Photo

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Am Bahnhof Lugano lässt er den Chauffeur in dunkler Limousine vorfahren. Vor der versteckten Villa am Südhang von Castagnola übernimmt der Butler in weisser Livree mit goldenen Epauletten und Schirm den Gast. Tito Tettamanti wartet in seinem geräumigen, mit Büchern vollgestopften Büro. Er steht blitzschnell auf. Braun gebrannt im Doppelreiher mit Krawatte und assortiertem Pochettli erkundigt er sich zuerst nach dem Wohlergehen – ein Gentle­man alter Schule.

Wie halten Sie sich mit 87 Jahren körperlich und geistig so fit?
Das ist ein Geheimnis, das ich nicht verraten will. Nur so viel: Es ist vielleicht genetisch bedingt, vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich täglich schwimme.

Wie lange schwimmen Sie pro Tag?
Ich kraule täglich 500 Meter. Im Sommer schwimme ich im Meer zwei Kilometer an einem Stück.

Es fällt auf, wie Sie immer noch blitzschnell auf Fragen reagieren.
Vielleicht, weil ich viel lese und versuche, informiert zu sein. In meinen Berufen waren langsame Reaktionen verpönt.

Wie schätzen Sie die No-Billag-Initiative ein?
Sie wird massiv abgelehnt werden. Die Gegner von No Billag haben eine Schreckstrategie gefahren. No Billag, No Schweiz – was für ein Unsinn! Doch diese Strategie hat sich ausbezahlt. Sie hat eine echte Debatte verunmöglicht. Dabei wären zwei Fragen wichtig: Ist die SRG bereit, sich zu ändern? Wo und wie? Es ist doch gut, dass ­junge Leute etwas unternommen haben.

Auch wenn sie unterliegen?
Dass es ein Unbehagen gegenüber der SRG gibt, ist unbestritten. Die Jungen machen Fehler, und die ­Initiative ist voll von solchen Fehlern. Sie ist naiv, utopisch, vergisst die Minderheiten. Die mutigen Jungen haben die SRG unterschätzt. Sie ist das Schweizer Establishment, gebunden an Bürokratie und Politiker in Bern, verbunden mit den Gewerkschaften, mit Teilen der Wirtschaft. Es ist, wie wenn Degenkämpfer auf ein Panzerbataillon losgehen.

«Braucht es 103 SRG-Journalisten, die ans Filmfestival nach Locarno reisen?»

Welches Unbehagen meinen Sie?
Die No-Billag-Initiative hätte verhindert werden können, wenn wir nicht an der SRG-Spitze einen Roger de Weck gehabt hätten, einen arroganten und ideologisierten Mann. Ein anderer SRG-Chef hätte diese jungen Leute von ihrer Initiative abbringen können. Das Unbehagen ist nicht gegen die Institution gerichtet, sondern gegen die Führung und gegen das Aufgeblähte. Warum zum Beispiel braucht es 235 SRG-Journalisten, die zur Bundesratswahl von Ignazio Cassis nach Bern gehen? Braucht es 103 SRG-Journalisten, die ans Filmfestival nach Locarno reisen? Jetzt wurde de Weck zum Glück abgelöst durch einen Mann, der sich nicht berufen fühlt, die Schweiz zu retten.De Weck tat so, als ob er die absolute Wahrheit vertreten würde. Objektivität ist unmöglich, und man kann sich das nicht anmassen.

Aber es gibt ein Bemühen nach Objektivität. Das heisst, man versucht, verschiedene Seiten mit ihren besten Argumenten zu zeigen.
Das ist nicht Objektivität, sondern Ausgewogenheit. Jeder von uns sieht durch seine eigene Brille gemäss seiner Erziehung, seinen Werten und Lebenserfahrungen. Die Realität ist prismatisch. Keiner von uns kann alle Seiten des Prismas sehen. Ich habe mich geärgert, dass das Tessiner Fernsehen zwei Tage vor der Wahl von Donald Trump eine Reportage über den linken Kritiker Noam Chomsky ausstrahlte. Ich schickte dem Sender gratis einen Film über Milton Friedman, den neoliberalen Wirtschafts-Nobelpreisträger, den schon die BBC gezeigt hatte. Die RSI wollte das aber nicht zeigen. Ist das die vermutete Objektivität?

Das gehört zu den journalistischen Freiheiten. Journalisten wollen selber bestimmen, was sie publizieren.
Ja, aber wenn gute Journalisten hauptsächlich dieselbe linke Tendenz haben, entsprechen Debatte und Kommentare nicht allen Standpunkten in der Bevölkerung.

Heute dominieren die drei Verlagshäuser Tamedia, NZZ und Ringier den Schweizer Pressemarkt. Die SRG ­beherrscht die Radio- und Fernsehlandschaft. Ist die Konzentration eine Gefahr für die Demokratie?
Absolut nicht. Heute ist man in der Schweiz etwas hysterisch bezüglich der Gefahr für die Demokratie und Bedrohung für den Föderalismus – auch in Anbetracht der Debatte zur No-Billag-Initiative. Vor 20 Jahren war die Gefahr viel grösser. Heute kann sich jeder Bürger im Internet melden, kann sich an der Debatte beteiligen via Facebook, Blogs, Youtube und anderen sozialen Medien.

Dort bewegen sich die Bürger oft nur in ihrer Echokammer und bestätigen sich gegen­seitig. Zudem werden über soziale Medien massenhaft Unsinn und Fake-News verbreitet.
Fake-News existierten immer. Schon in der Antike. Das Trojanische Pferd, in dem sich Soldaten versteckten und damit die Gegner überraschten, ist ein gutes Beispiel dafür. Und Fürst von Metternich bezahlte schon Anfang 19. Jahrhundert Journalisten dafür, dass sie die öffentliche Meinung in England beeinflussten.

 «Ich selber übrigens hätte weder Trump noch Clinton gewählt.»

Die Verbreitung von falschen Informationen geschieht heute aber im Sekundentakt und ist viel verbreiteter als damals.
Wir leben in der Epoche der Informationsgesellschaft. Um 6 Uhr früh werden wir schon mit Informationen aus aller Welt im Internet überflutet. Wichtig ist, wie wir auswählen und gewichten. Trump zum Beispiel wurde nicht wegen Fake-News gewählt, sondern weil sich die Elite nicht um das breite Volk gekümmert hat. Ich selber übrigens hätte weder Trump noch Clinton gewählt.

Aber die Medienvielfalt in der Schweiz nimmt ab.
Der gleiche Mantel in den verschiedenen Zeitungen, wie es Tamedia und der NZZ-Verlag machen, ist doch keine Katastrophe. Der beste Artikel sollte publiziert werden. Neben Ringier, Tamedia, NZZ und SRG gibt es im Mittelland Verleger Peter Wanner und in Graubünden Hanspeter Lebrument sowie in Basel die Basler Zeitung (BaZ). In der Demokratie ist entscheidend, dass sich jeder äussern kann, der etwas zu sagen hat. Dazu existieren auch noch die liberal- und nationalkonservative «Weltwoche» und für die Linke die «Wochenzeitung». Man muss die Medienvielfalt schützen, aber dank der digitalen Mittel hat sich die Situation heute verbessert.

Früher sorgten die Medien für die Auswahl der Informationen. Das fällt immer mehr weg, weil sich jeder seine personalisierten Informationen im Netz ­beschafft. Wozu braucht es denn noch die Presse?
Die Zeitungen haben heute eine andere Aufgabe. Sie sind wichtig für die Kommentare und die intellektuelle Debatte, für die Weltanschauung. Leute, die Kommentare lesen wollen, wird es immer geben. Die Frage ist: Gibt es genügend begabte Journalisten?

Mit Kommentaren können Sie keine Zeitung füllen. Eine Zeitung muss doch viel mehr bieten.
Wenn Sie die NZZ anschauen, gibt es mehr Seiten Kommentare als reine Berichterstattung. Ich schliesse nicht aus, dass die NZZ in ein paar Jahren zwar weniger Abonnenten hat als heute, aber solche, die bereit sind, 1000 Franken pro Jahr zu bezahlen – und solche, die einfach ausgewählte Artikel kaufen. Denn mit Werbung kann man heute keine Zeitung mehr finanzieren.

Haben Sie selber im Medien­geschäft Geld verloren?
Nein, aber ich habe auch nicht viel verdient. Man kritisiert immer Herrn Blocher, aber – bitte schön – wo sind denn die 30 Millionen Franken von Frau Oeri, der Roche-­Erbin, für die «Tages-Woche» geblieben? Wo sind die Millionen der Gebrüder Meili für die «Republik» oder das Geld der Brunner-Erben für linke Zeitungen in Zug und andere Portale? Dass diese Erben im Mediengeschäft Geld verloren haben und Herr Blocher und ich nicht, liegt vielleicht daran, dass wir nichts geerbt haben. Ich begrüsse das Investment der Erben in die Medien. Jeder kann sein Geld investieren, wo er will, aber warum spricht man nur von Blocher?

Welche Verlage wird es in der Zukunft noch geben?
Die besten werden überleben. Tamedia und Ringier sind schon heute keine Verlage mehr. Sie verdienen Geld mit Tätigkeiten in der digitalen Welt wie Ticketverkauf oder Immobilienplattformen. Bei der NZZ wird man sehen. Es wird aber auch weiterhin ein Bedürfnis nach lokalen Nachrichten geben, wo ich erfahre, was sich in meiner Umgebung tut. Zum Beispiel, wer gestorben ist.

Sie sind nicht nur ein Kenner der Medienlandschaft, sondern auch der Ökonomie. Ist mit Donald Trump der Freihandel in Gefahr?
Trump ist ein Baulöwe aus New York. Ich kenne diese Leute aus meiner Zeit als Immobilieninvestor dort. Diese Personen sind hart, frech, draufgängerisch, streitbar, opportunistisch. Es sind nicht Leute, die an der Geopolitik interessiert sind, und die Sprache an der Baustelle ist nicht die vornehmste. Trump hat keine Vorliebe für multilaterale Verträge, die den Freihandel ausmachen. Doch diese Verträge sind kompliziert mit Tausenden von Seiten. Und am Ende verstehen nur die Spezialisten etwas davon. Trump aber führt die USA wie ein Immobilienhändler. Er liebt den bilateralen Kontakt, das ist ein Geschäft, das er versteht. Wir Europäer lachen oft über Trump und seine Sprache, aber diese Sprache kommt bei Diktatoren wie zum Beispiel Kim Jong-un in Nord­korea an.

«Jede Nation muss für sich selber sorgen. Es gibt keine Freundschaft zwischen den Nationen.»

Und was bedeutet die US-Politik für die Schweiz? Besteht die Gefahr, dass ­Unternehmen wegen der Steuersenkungen in den USA aus der Schweiz wegziehen?
Diese Gefahr ist klein. Steuern sind nur ein Element für die Niederlassung eines Konzerns. Aber eines ist sicher: Jede Nation muss für sich selber sorgen. Es gibt keine Freundschaft zwischen den Nationen.

Aber Abhängigkeiten?
Das stimmt. Die Verschuldung Amerikas wirkt sich auf alle aus. Der Dollar ist die Leitwährung. Die USA kann Noten drucken, so viel sie will.

Sind Sie immer noch davon überzeugt, dass es zu einem Crash kommen wird?
Ein Crash ist sehr wahrscheinlich. Die Verschuldung ist immens. Die Staaten finden immer neue Systeme, um ihre Schulden nicht zu begleichen. Die Europäische Union behauptet heute noch, dass Griechenland 300 Milliarden oder noch mehr zurückzahlen werde. Das ist absurd. Das können die Griechen vielleicht bis ins Jahr 3000 schaffen. Die Zentralbanken haben begabte Männer wie Mario Draghi, der sich bis jetzt gut bewährt hat, um für verschuldete Regierungen Zeit zu gewinnen. Aber früher oder später wird es die nächste grosse Krise geben oder eine technologische Revolution mit einer umgewälzten Wirtschaft. Vielleicht sind die Indexe, auf die wir uns heute beziehen, einfach nicht mehr aussagekräftig.

Sind Sie in den letzten Jahren eigentlich reicher geworden?
Dank Herrn Draghi und der Europäischen Zentralbank und des Fed sind viele reicher geworden. Denn sie hielten die Zinsen billig, um die Staaten zu retten. Dadurch sind die Aktien zu stark gestiegen und auch der Wert der Immobilien. Diese Politik hat aber die kleinen Sparer und die Pensionskassen bestraft. Ich verstehe nicht, weshalb die Gewerkschaften nicht reagierten.

Ihr Vermögen wird auf 1 Milliarde Franken geschätzt. Haben Sie das Geld vor allem in Aktien und Immobilien angelegt?
Der grösste Teil meines Vermögens steckt in einer karitativen Stiftung. Diese habe ich schon vor 30 Jahren gegründet. Denn meine drei Töchter wären bereit, alles zu machen – nur nicht mit ihrem Vater zu arbeiten. Ich fühle mich dazu verpflichtet, einen Teil meines Vermögens der Gesellschaft zurückzugeben. Diese Stiftung kümmert sich um Gesundheit, Erziehung und die Verteidigung der Marktwirtschaft. Dort habe ich kein Recht, zu sagen, wie sie investieren. Gelegentlich habe ich Ratschläge gegeben wie zum Beispiel: Investiert in australische Immobilien! Was dann auch erfolgreich war.

Trotz Ihrer Stiftung verfügen Sie über eine stattliche Anzahl von eigenen Immobilien und Aktien.
Übertreiben wir nicht. Aber ich habe genug, um meine AHV zurückzugeben an Leute, die es brauchen.

Was ist Ihr Lebensziel?
Ich habe noch ein ganz grosses Ziel: gesund zu bleiben.

Und wie schaffen Sie das?
Ich esse viele Früchte zum Frühstück, schlafe seit je immer sehr gut, ohne je eine Pille zu nehmen, hasse Arzneimittel und nehme lieber Vitamine zu mir. Man muss vielleicht im Alter etwas egoistisch sein und fähig, allein zu leben, ohne die Jungen zu stören. Ich bin ein begrenzter Familienmensch. Meine drei lieben Töchter können mich anrufen, wann sie wollen, aber ich melde mich nicht, um über Nonsense zu reden wie zum Beispiel das Wetter in New York.

Warum denn nicht?
Wettervoraussichten erfahre ich schon aus den Medien. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.02.2018, 23:08 Uhr

Eine Milliarde Vermögen

1930 geboren, wurde Tito Tettamanti bereits mit 29 Jahren CVP-Regierungsrat im Tessin. Nach 18 Monaten musste er zurücktreten, weil er eigenmächtig einem Bauunternehmer, der Steuern hinterzogen hatte, die Busse gekürzt hatte. Dann machte er Karriere als Kapitalist: zuerst Treuhänder und Immobilieninvestor in Kanada und den USA. Nach dem Börsencrash 1987 wurde er Grossinvestor in Schweizer Unternehmen wie Sulzer, Rieter und Saurer. Er ist verheiratet, hat drei Töchter, eine Enkelin und eine Urenkelin. Sein Vermögen wird auf eine Milliarde Franken geschätzt.

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