So versenken wir die Hochpreisinsel

Der Einkaufstourismus an sich ist nicht schlimm. Aber Import-Paketzentren wären besser. Eine Kolumne von Reiner Eichenberger

Hohe Zeit- und Wegkosten: Einkaufstouristen in Konstanz.

Hohe Zeit- und Wegkosten: Einkaufstouristen in Konstanz. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Die Schweiz ist eine Hochpreisinsel, weil der Detailhandel zu wenig wettbewerblich ist und die Markenproduzenten zur Abschöpfung der hohen Schweizer Kaufkraft überhöhte Gross­handelspreise verlangen. Bisher war die Politik beim Versenken der Preisinsel wenig wirksam. ­Deshalb werden immer mehr Schweizer zu ­Einkaufstouristen.

Einkaufstourismus für verarbeitete Produkte ist volkswirtschaftlich gut, auch wenn er den Detailhandel ärgert. Zumeist kaufen Einkaufs­touristen im Ausland die gleichen Produkte wie zu Hause, nur billiger. So sparen sie viel Geld, das sonst grossenteils an die zumeist ausländischen Produzenten fliessen würde. Aber auch wenn der Einkaufstourismus zu mehr Importen führt, ist er für die Schweizer Wirtschaft gut. Durch zusätzliche Importe kommen Franken auf den Devisenmarkt, das drückt auf den Wechselkurs, und das lässt die Exporte wachsen. Je mehr wir importieren, desto mehr können wir exportieren und uns auf das spezialisieren, was wir besonders gut können. Diese Spezialisierung hat die Schweiz reich gemacht.

«Entsprechend wächst der Kontrollaufwand der Zollämter, immer mehr Schweizer werden als Schmuggler kriminalisiert.»

Einkaufstourismus bringt aber keinen grossen, allgemeinen Preisdruck in der Schweiz. Für ­weiter von der Grenze entfernt lebende Konsumenten lohnt es sich kaum, extra ins Ausland zu fahren. Die Zeit- und Wegkosten sind zu hoch. Viel wirksamer zum Versenken der Preisinsel wäre deshalb der Ver­sand­handel. Dieser wird aber durch die hohen Gebühren für Zoll- und Mehrwertsteuer-Erhebung behindert. Deshalb nutzen immer mehr Schweizer Paketdepots im Ausland. An diese lassen sie sich die im Versandhandel gekauften Waren zustellen. Beim Abholen, das oft noch dem Lebensmitteleinkauf dient, ent­stehen wiederum hohe Zeit- und Wegkosten. Zudem wird die Mehrwertsteuer (MwSt.) oft unvollständig deklariert. Entsprechend wächst der Kontrollaufwand der Zollämter, immer mehr Schweizer werden als Schmuggler kriminalisiert.

Die Lösung für all diese Probleme ist Folgende: Der Bund soll in der ganzen Schweiz ­«Import-Paketzentren» zulassen. Die ausländischen Versandhändler können dann alles ausser frischen Landwirtschaftsprodukten zoll- und steuerfrei an die Paketzentren senden. Ihre Empfänger können die Sendungen dort abholen und im Paketzentrum die MwSt. für den ­Import in die Schweiz entrichten.

Import-Paketzentren können von der Post und von Privaten betrieben werden. Die MwSt.-Er­hebung könnte von Zollbeamten oder von privatem Personal geleistet werden. Die Betreiber können für die Entgegennahme, Lagerung und Aushändigung der Pakete sowie MwSt.-Erhebung Gebühren erheben. Diese wären wegen des ­intensiven Wettbewerbs sicher viel tiefer als die heutigen Verzollungs- und Öffnungsgebühren an den Grenzzollstellen sowie die Weg- und Zeitkosten für Auslandeinkauf oder Abholen von ­Paketen bei ausländischen Depots.

Import-Paketzentren nützen allen: Der Wett­bewerbsdruck durch Versand-Direktimport setzt die Preise unter Druck, auf allen Importen wird MwSt. erhoben, und sogar die Landwirtschaft profitiert: Nur wegen frischer Lebensmittel lohnen sich Einkaufsfahrten ins Ausland kaum mehr. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.05.2017, 23:52 Uhr

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