Spitzensport am Spielfeldrand

Ehrgeizige Eltern machen Freizeitclubs das Leben schwer – und werden nun gebremst.

Die Kinder wollen doch nur ihren Spass – wer bringt das den Eltern bei? Illustration: Dieter Jüdt

Die Kinder wollen doch nur ihren Spass – wer bringt das den Eltern bei? Illustration: Dieter Jüdt

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Wer meint, wahre Sportleidenschaft gebe es bei der Champions League, in Playoff-Finals oder bei Grand-Slam-Turnieren zu erleben, der hat noch nie ein Wochenende dort verbracht, wo Kinder ihre sportlichen Hobbys ausüben – auf Tennisplätzen, in Turnhallen, in Schwimmbädern, auf Skipisten, in Hockeystadien oder auf Fussballplätzen.

Dort brüllen sich Väter mit hochroten Köpfen Anweisungen für ihre neunjährigen Söhne aus dem Leib, wie «Sei nicht so ein Angsthase, geh endlich rein in den Zweikampf!», oder sie kommentieren – möglichst gut hörbar für den gegnerischen Vater: «Absolut gestört, wie rabiat der Junge von dem spielt!»

Vereinsschiedsrichter als Blitzableiter

Da sind Mütter von siebenjährigen Geräteturnerinnen, die beim Wettkampf in der Turnhalle des Gastgeberteams eine kollektive Verschwörung bei der Notenvergabe vermuten und eine Aussprache verlangen. Und dann ist da natürlich das obligate Beschimpfen des Schiedsrichters, wenn das eigene Kind angeblich unfair behandelt worden ist: «He, das war Foul, du Idiot! Hat dir eigentlich schon mal jemand die Regeln erklärt oder was?» Weil die meisten Vereinsschiedsrichter auf Juniorenstufe keine Profis sind, sondern Laien, fühlen sich die, die es besser wissen, erst recht im Recht.

Ehrgeizige Eltern in Aktion. Quelle: Youtube

Eltern, die bei Wettbewerben aller Art nur das Beste für ihre Kinder wollen – und manchmal auch ein bisschen mehr –, die gibt es überall. Man könnte sich nun einfach ob solcher Szenen amüsieren, ist ja wie gratis Theater, und Emotionen gehören zum Wettkampf dazu. Aber dafür ist die Angelegenheit vielerorts offensichtlich schon zu ernst geworden.

Plakate appellieren an die Vernunft

Am Spielfeldrand einiger Schweizer Sportplätze versuchen Plakate halb ironisch, halb ernst gemeint, an die Vernunft der überengagierten Eltern zu appellieren: «Bitte nicht vergessen! 1. Das sind Kinder. 2. Das ist ein Spiel. 3. Der Trainer macht das als Hobby. 4. Der Schiri ist auch ein Mensch. 5. Das ist nicht die WM.» In einigen Ländern wie Kanada oder Schweden werden bei Juniorenspielen neuerdings keine Resul­tate mehr erfasst, um den Ehrgeiz der Eltern nicht unnötig anzustacheln.

Was ist passiert? Übereifrige Väter und Mütter gab es zwar schon ­immer, aber offenbar haben deren Einmischversuche neue Dimen­sionen erreicht, seitdem Kinder immer mehr zum Zentrum geworden sind, um das sich alles dreht. Selbst ein Hobby, das den Kleinen eigentlich vor allem Spass machen sollte, wird plötzlich zum Projekt, das es zu optimieren gilt.

Kind wegen Vater vom Verein ausgeschlossen

Bruno Miggiano, Juniorentrainer und Vorstandsmitglied beim aargauischen FC Neuenhof, hat diesbezüglich «schon allerhand erlebt»: ­Eltern, die jeden Zweikampf kommentieren oder ununterbrochen auf die Kinder einreden, als hätten sie wie bei einer Spielkonsole die Kontrolle über sie. Man habe auch schon ein Kind aus dem Verein ausschliessen müssen, weil dessen Vater in der Pause andere Kinder beleidigt hatte.

«Das konnten wir nicht tolerieren.» Das Kind durfte nach rund einem Monat wieder am Training teilnehmen, der Vater habe sich erst nach Monaten wieder blicken lassen. Er sei danach aber stets still gewesen, ­vermutlich weil er sich schämte. Miggiano kennt viele Trainer und Funktionäre, die alle mit ähnlichen Problemen kämpfen.

Trainer wegen Körperverletzung angezeigt

Wie sehr die Einflussnahme ausarten kann, war vor ein paar Monaten im deutschen «Tagesspiegel» nachzulesen; ein Berliner Trainer von elf- und zwölfjährigen Jungs schrieb sich seinen Ärger von der Seele. «Im Kinder- und Jugendfussball sind die Eltern das ­grösste Problem», habe einer der ersten Sätze beim Lehrgang zur Trainerausbildung gelautet. «Damals wusste ich noch nicht genau, was damit gemeint war. Jetzt weiss ich es.»

«Im Kinder- und Jugendfussball sind die Eltern das ­grösste Problem.»

Im Artikel ist die Rede von Massenschlägereien unter Eltern von Zehnjährigen, von einem Spielabbruch, weil der Vater eines Elfjährigen nach einem Penaltypfiff den Schiri attackiert hatte, oder von einem Trainerkollegen, der von zwei Müttern wegen Körperverletzung angezeigt wurde, weil er deren Kinder zum Auf­wärmen zweimal um den Platz ­geschickt hatte.

Äusserungen der Eltern werden immer deftiger

Solche Eltern sind zum Glück in der Minderzahl. Aber es gibt sie. Dass diese den Trainern schon mal die Lust verderben können, ist nachvollziehbar. Zumal sich die meisten auf Juniorenstufe freiwillig engagieren, damit Kinder ihr Hobby ausüben können. Manche Clubs schulen ihre Trainer gezielt für den Umgang mit überehrgeizigen Eltern, andere versuchen, die Einflussnahme präventiv zu drosseln und machen den Müttern und Vätern an einem Infoabend ihre Grenzen klar.

«Es fällt auf, dass die Massnahmen dieser Eltern immer drastischer und die Äusserungen gegen Club und Trainer immer deftiger werden.»

«Auch unser Club kennt die Thematik mit den Eltern, die sich zu sehr einmischen», sagt der Nachwuchstrainer eines Hockeyclubs im Mittelland, der lieber anonym bleiben möchte. Es sei ihm wichtig zu betonen, dass es sich immer nur um einzelne Eltern handle, die für ihre Kinder alles in Bewegung setzen würden.

«Es fällt aber auf, dass die Massnahmen dieser Eltern immer drastischer und die Äusserungen gegen Club und Trainer immer deftiger werden.» In der aktuellen Saison habe es «zwei unschöne Fälle» gegeben, auf die er nicht näher eingehen wolle. Man werde für die kommende Saison einen Verhaltenskodex für die Eltern und die Spieler herausgeben. «Wer sich nicht daran hält, kann vom Verein ausgeschlossen werden.»

Eltern müssen Abstand zum Spielfeld einhalten

Verschiedene Clubs und Verbände wie der Fussballverband ­Region Zürich (FVRZ) haben Richtlinien zum Schutz der Kinder, Trainer und Vereinsschiedsrichter aufgestellt, um den Übereifer mancher Eltern in den Griff zu bekommen. Eltern, die sich neben die Spielerbankzone stellen und auf den Trainer einreden à la: «Wieso spielt mein Sohn nicht? Der ist doch zehnmal besser als der Yannik.» Oder: «Warum steht ­Lukas im Mittelfeld? Sieht doch ­jeder, dass er ein Stürmer ist!» Oder Eltern, die ununterbrochen Anweisungen auf den Platz brüllen, als wären sie Pep Guardiola.

In den Richtlinien steht nun unter anderem, dass Eltern einen Mindestabstand von rund zehn Metern zum Spielfeldrand ein­halten müssen. Das hat sich als überaus wirkungsvoll erwiesen. «Seither sind die Einflussversuche deutlich zurückgegangen. Die ­Eltern müssten schon sehr laut schreien, damit die Kinder ihre Anweisungen noch hören», sagt Theo Widmer, Leiter Abteilung Technik beim FVRZ.

Etwa ein Spiel pro Jahr artet aus

Pro Jahr komme es vielleicht einmal vor, dass ein Spiel ausarte und Eltern auf dem Spielfeld aufeinander losgingen. «Bei rund 350 E- und D-Junioren­spielen pro Wochenende in der ­Region sind dies zum Glück extreme Ausnahmen.» Die meisten Mütter und Väter feuerten ihre Kinder ganz einfach an und freuten sich über die Leistung und die Freude ihrer Kinder.

Prügelnde Eltern bei einem Juniorenspiel in Mallorca. Quelle: Youtube

Die Frage ist, warum sich die anderen vermehrt einmischen, besonders diejenigen, deren Kindern ganz offensichtlich keine glor­reiche Sportkarriere bevorsteht, die es ­unbedingt zu verfolgen gilt. Theo Widmer sieht die Ursache einerseits in der wachsenden Überbehütung – «manche Eltern fahren ihre Kinder inzwischen bis an den Spielfeldrand und holen sie dort ohne Umweg über die Dusche wieder ab» – und andererseits darin, dass viele glaubten, ihr Kind müsse besser sein, als es tatsächlich sei.

Eltern glauben, ihr Kind sei zu Höherem berufen

«Viele Eltern haben ein verzerrtes Bild, wenn es um ihre Kinder geht», sagt Reto Hügli vom UHC Kappelen. Dass ihr Nachwuchs zu Höherem berufen sei, meinten heut­zutage die meisten, manche lebten dies einfach stärker aus. Problematisch werde es, wenn diese sich etwa in SMS-Gruppen formierten und mit erstarkter Macht beispielsweise versuchten, gemeinsam einen Trainerwechsel herbeizuführen.

Solche Einmischungsversuche wolle man im Verein ­sofort unterbinden. Offizielle Richtlinien waren im Berner Unihockeyclub ­bislang jedoch keine nötig. «Wir sprechen die betreffenden Eltern direkt an, entweder per Telefon oder an einem der Spiele.»

Unterschiede zwischen den Sportarten

Wo auch immer man nachfragt, jeder kennt sie, die Spezies der sich ständig einmischenden Eltern. Im Schwimmverein, im Skiclub, beim Tennis, im Kunstturnen. Die Intensität der Einflussnahme unterscheidet sich von Sportart zu Sportart jedoch deutlich, auch abhängig vom jeweiligen Umgangston und Stil. Der Leichtathletikverein TV Läng­gasse Bern etwa hat damit kaum Probleme. «Die Eltern interessieren sich zwar mehr als früher für die Entwicklungsmöglichkeiten und Anschlusslösungen für ihre Kinder», sagt der Nachwuchs­verantwort­liche Adrian Gubler.

Das habe in den letzten Jahren stetig zugenommen. «Dass sie versuchen, auf sportliche Entscheidungen Einfluss zu nehmen, ist bei uns aber äusserst selten.» Sicher spielt es eine Rolle, dass es sich um eine Einzelsportart handelt. Bei körperbetonten Mannschaftssportarten, bei denen auch Konkurrenten aus dem gegne­rischen Team auf dem Platz und damit dem eigenen Kind vor der Sonne stehen, schaukeln sich eifrige Eltern gegenseitig eher hoch.

Mütter können genauso bissig sein wie Väter

Handelt es sich um eine Sportart, bei der im Falle einer Karriere ein Geldsegen winkt, fühlen sich manche zusätzlich motiviert. Im Fussball jedenfalls mischen sich Eltern deutlich stärker ein als etwa im Volley- oder Handball. «Wenn man bedenkt, dass in der Schweiz ein kaufmännischer Angestellter mehr verdient als mancher Challenge-League-Spieler, sollte man sich rein wirtschaftlich gesehen nicht zu viele Hoffnungen machen», sagt Bruno Miggiano vom FC Neuenhof.

Was aber, wenn die Eltern von weit höheren Ligen als der Challenge League träumen und in ihrem Elfjährigen den nächsten Messi vermuten und in ihrer Tochter die nächste Marta? Mit solchen Eltern hat Jürg Frey, Leiter Nachwuchs beim FC Thun, vermehrt zu tun, wo Kinder in einer bereits selektionierten Zusammenstellung spielen und alles eine Stufe professioneller gehandhabt wird, auch der Umgang mit Einmischern.

Manche ­Eltern sähen in ihren Kindern die Chance, ihren eigenen gesellschaftlichen Status aufzuwerten. In der Tendenz seien es eher Eltern mit Migrationshintergrund, Schweizer seien aber genauso ehrgeizig – und keineswegs nur Väter. Mütter können laut Frey genauso bissig sein und sich im Ton vergreifen.

Ehrgeiz mit den Jahren nimmt stetig ab

Umso wichtiger sei es, allen von Anfang an die Regeln klarzumachen. «Wenn wir sehen, dass die Einflussnahme der Eltern in eine negative Richtung geht und das Kind zu sehr unter Druck gesetzt wird, selektionieren wir es nicht.» Auch beim FC Thun dürfen die Väter und Mütter nicht direkt am Spielfeldrand stehen. «Wir haben in Prag ein Nachwuchszentrum besichtigt, wo sogar der Zutritt aufs Trainingsgelände verboten ist, und haben uns das auch kurz überlegt», sagt Frey. Wenn Eltern während des gesamten Trainings am Spielfeldrand stünden, fühlten sich ­Kinder zu sehr unter Druck.

Immerhin: Der Überehrgeiz der Eltern nimmt im Laufe der Zeit automatisch ab. In allen Sport­arten. Während die Einmisch­versuche bei den Kleinsten am grössten sind, werden diese von Jahr zu Jahr weniger.

Erstellt: 21.04.2017, 17:13 Uhr

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