Sterbehilfe soll weiter liberalisiert werden

Nur 15 Prozent wünschen sich trotz Beschwerden einen raschen Tod, zeigt eine Studie. Trotzdem will Exit die Sterbehilfe auch ohne ärztliche Diagnose ermöglichen.

Gefühl der Leere: Frauen fühlen sich im Alter stärker einsam und sind anfälliger für Depressionen. Foto: Keystone

Gefühl der Leere: Frauen fühlen sich im Alter stärker einsam und sind anfälliger für Depressionen. Foto: Keystone

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Kein Thema ist so unausweichlich wie der Tod, und keinem Thema weichen wir lieber aus. Was denken jene, denen er kurz bevorsteht? Westschweizer Ärzte haben im Rahmen einer bisher unveröffentlichten Nationalfonds-Studie Menschen in Alters- und Pflegeheimen zu ihrem Sterbewunsch befragt. Die Bewohner waren in ihrer Autonomie eingeschränkt; sie brauchten Hilfe beim Anziehen oder Essen, manche standen am Anfang einer Demenz. Das erstaunliche Resultat: Trotz ihrer Beschwerden ­äusserten nur rund 15 Prozent der Senioren den Wunsch zu sterben, wenn sie darauf angesprochen wurden. Der Tenor bei den Übrigen: Ich will nicht sterben, aber wenn der Tod kommt, akzeptiere ich ihn. Und nur gerade einer der rund 250 Befragten, die im Durchschnitt 87 Jahre alt waren, sehnte sich aktiv den Tod herbei.

Bemerkenswert sei, warum die Menschen sterben wollten, sagt Eve Rubli, Geriaterin und Co-Koordinatorin der Studie: «Es sind nicht körperliche Leiden, die einem Menschen den Lebenswillen nehmen. Sämtliche Befragten, die einen Sterbewunsch äusserten, litten entweder an einer Depression oder an spiritueller Not.» Mit Letzterem bezeichnet sie Menschen, die einsam sind, keinen Sinn im Leben finden oder sich wertlos fühlen.

Existenzielle Fragen würden in Alters- und Pflegeheimen vernachlässigt, sagt Rubli, die mit einem Kollegen den weltweit ersten Lehrstuhl für Alters- und Palliativmedizin an der Uni Lausanne innehat: «Sagt ein Bewohner, er möchte sterben, sind die Betreuer oft überfordert und rufen einfach einen Arzt. Dabei kann diese Aussage auch ­bedeuten, dass der Senior einfach einen schlechten Tag hat.» An Sterbehilfe zu denken, sei nicht immer der richtige Reflex. Es brauche nicht viel, um den Lebenswillen eines Menschen zu verändern.

Altersfreitod soll weniger bürokratisch werden

Doch Freitodbegleitungen werden immer häufiger, 742 Mal kam es dazu im Jahr 2014 in der Schweiz. Nach der Gründung von Exit vor 35 Jahren waren es zu Beginn ­weniger als ein halbes Dutzend Schwerkranke pro Jahr gewesen, die sich im Beisein von Sterbehelfern das Leben nahmen. Heute setzen auch Hochbetagte ihrem Dasein ein Ende, wenn sie ihre Altersgebrechen als unzumutbar empfinden. Zwischen 2010 und 2014 betraf rund ein Drittel der assistierten Suizide Menschen zwischen 75 und 85 Jahren. Oft spielen psychosoziale ­Faktoren mit, wie Exit-Sprecher Jürg Wiler sagt. Tabu ist bislang der Sterbewunsch von körperlich gesunden Senioren, die etwa aus Trauer über den Verlust ihres Partners nicht weiterleben möchten.

Genau diese Grenze dürfte sich nun weiter auflösen. Eine Gruppe von Exit-Mitgliedern will an der GV von Mitte Juni die Bildung einer Kommission beantragen, um den Altersfreitod weiter zu liberalisieren. Ihre Forderung: Sterbe­begleitungen sollen für alte Menschen – also ab rund 80 Jahren – ohne ärztliche Diagnose zulässig sein. «Sterbehilfe für Betagte muss weniger bürokratisch werden», sagt Antragsteller Klaus Hotz, der ­mehrere Jahre lang Präsident der Geschäftsprüfungskommission bei Exit war. Die Überprüfung durch einen Exit-Freitodbegleiter genüge, um sicherzustellen, dass der Sterbewillige urteilsfähig sei und ohne äusseren Druck handle. Das Rezept für das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital ausstellen müsste weiterhin ein Arzt.

Auch polizeiliche Kontrolle lockern

Die Gruppe um Hotz – darunter Vertreter des Patronats­komitees, Freitodbegleiter und ehemalige Vereinspräsidenten – will zudem, dass die vorgeschriebene polizeiliche Kontrolle nach einem Altersfreitod gelockert wird. Ob diese Forderung rechtlich Bestand hätte, ist allerdings unklar.

Kritisch begegnet der Offensive von Sterbehilfeorganisationen Thomas Reisch, Ärztlicher Direktor und Chefarzt des Psychiatriezentrums Münsingen BE. Es ­bestehe die Gefahr, dass ältere Menschen weniger intensiv nach Alternativen suchten, bevor sie sich für den begleiteten Freitod entschieden. Reisch fordert bessere Angebote in der Alterspsychiatrie, etwa Wohnangebote für allein­stehende Senioren, Tageskliniken oder freiwillige Begleitdienste.

Zweite Studie zur Sterbehilfe

Wie stark Einsamkeit auf den Lebensmut älterer Menschen schlagen kann, legt auch eine zweite Nationalfonds-Studie nahe, in der Reisch und andere Forscher assistierte Suizide der letzten 30 Jahre analysiert haben: Frauen über 65, die Sterbehilfe in Anspruch genommen hatten, waren signifikant häufiger verwitwet, und die unter 65-jährigen Frauen häufiger geschieden als gleichaltrige Männer. «Eine alleinstehende Seniorin kann ihre chronischen Schmerzen mit Medikamenten lindern – nicht aber ihre Einsamkeit», sagt Reisch.

Auch Eve Rubli hat festgestellt, dass Frauen im hohen Alter anfälliger für Depressionen sind. Sie erklärt dies damit, dass die Seniorinnen sich oft ihr ganzes Leben um Mann und Familie gekümmert hätten, und eine Leere spürten, wenn diese Aufgabe wegfalle. «Zudem fürchten ältere Frauen eher, anderen zur Last zu fallen», sagt Rubli.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.06.2017, 23:01 Uhr

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