Trallala, der 1. Mai ist da

Der Tag der Arbeit ist längst nicht mehr der Tag der Arbeiter. Eine Kolumne von Andreas Kunz.

Kulinarik statt Politik: 1.-Mai-Feier auf dem Zürcher Zeughausareal. Foto: Keystone

Kulinarik statt Politik: 1.-Mai-Feier auf dem Zürcher Zeughausareal. Foto: Keystone

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Achtung, morgen ist 1. Mai. Für alle, die nicht in Zürich wohnen: Das ist der Tag, an dem sich die Stadt in einen Kriegsschauplatz verwandelt, vergitterte Polizeifahrzeuge ganze Quartiere ­abriegeln und Beamte in Hundertschaften und Vollmontur ein linkes Fest vor linken Gewalttätern schützen müssen.

Da die Schweizer Arbeitnehmer zu den glücklichsten der Welt gehören, wird am Tag der Arbeit in Zürich eher allgemein für «Demokratie, Freiheit, Menschenrechte und Gerechtigkeit» demonstriert. Verletzte Beamte, terrorisierte ­Lädelibesitzer und verängstigte Anwohner nimmt man bei solch hehren Forderungen in Kauf. Auch das Organisationskomitee übt sich dieses Jahr in der Kunst der Ironie. «Was tun! Nie wieder ­Faschismus!» lautet das Motto der einzigen ­Veranstaltung des Landes, bei der regelmässig militante Truppen in faschistoider Manier durch die Strassen marodieren.

«Für die ­politischen Workshops interessieren sich die ­wenigsten.Wieso auch?»

Tatsächlich ist der ideologische Überbau den meisten Besuchern gar nicht wichtig. Haupt­sache, man hat frei. Und wer die Sperrzone heil überwinden konnte, trifft auf dem Festgelände alte Bekannte und verköstigt sich an einem der vielen Stände mit Gerichten aus aller Welt, von den serbischen Cevapcici über den kurdischen Eintopf bis zur St. Galler Bratwurst. Für die politischen Workshops, die während dreier Tage veranstaltet werden, interessieren sich die wenigsten. Wieso auch? Die massiven Umwälzungen in der Arbeitswelt durch Digitalisierung und Automatisierung – immerhin eines der grössten Phänomene unserer Zeit – sind am Tag der Arbeit kein Thema. Stattdessen konzentriert sich das Programm auf das übliche sozialistische Trallala inklusive Anti-Israel-, Anti-Polizei- und Anti-­Banken-Kundgebungen.

Einen besonderen Höhepunkt verspricht dieses Jahr allerdings der Auftritt der «Marxistisch-Leninistischen Gruppe Schweiz», die im Ausstellungszelt «die Erfolge der Oktoberrevolution 1917» feiern darf. Im Programm heisst es dazu, dass der Sozialismus in der Sowjetunion «erfolgreich» aufgebaut worden sei und die Revolution «etliche Errungenschaften» gebracht habe – «welch ein Kontrast zum heutigen weltweiten Massenelend!», schreiben die Veranstalter und vergessen zu erwähnen, wo genau es heute Hungersnöte, Versklavungen oder Millionen Tote wie damals in Lenins Sowjetunion gibt. Es stelle sich schon die Frage, was von den Rufen nach Demokratie, Freiheit oder Menschenrechten zu halten sei, wenn derartige Verharmlosungen und Verklärungen zum offiziellen Programm der ­Maifeier gehörten, schrieb die nüchterne NZZ.

Dabei hätten die Organisatoren das Geschichtsbuch gar nicht hervorholen müssen. Die Errungenschaften und Erfolge des Sozialismus lassen sich höchst aktuell in Venezuela begutachten. Während ein ganzes Volk Hunger leidet und in seiner Verzweiflung Abfallkübel plündert, schwingt Präsident Maduro den Golfschläger, wirft politische Gegner in den Kerker und droht den demonstrierenden Massen mit dem Tod. Zu dieser politischen wie humanitären Kata-strophe verlieren die 1.-Mai-Sozialisten kein Wort.

Vielleicht tue ich dem Organisationskomitee aber unrecht, und es stellt noch irgendwo einen Stand auf mit venezolanischen Spezialitäten. Bei einem Besuch erkennen Sie diesen sofort daran, dass es dort nichts zu essen gibt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.04.2017, 23:10 Uhr

Andreas Kunz, Redaktionsleiter

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