Und das Pony bläst die Kerzen aus

Aus Kindergeburtstagen ist ein Business geworden – und für die Eltern ein Horror.

Mithilfe eines professionellen Partydienstes: Eltern geben bis 1000 Franken für den Kindergeburtstag aus. (Foto: Getty Images)

Mithilfe eines professionellen Partydienstes: Eltern geben bis 1000 Franken für den Kindergeburtstag aus. (Foto: Getty Images)

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Früher zog man sich einen Skidress, eine Schneebrille und dicke Handschuhe über und versuchte, mit Messer und Gabel eine Tafel Schokolade zu verspeisen. Man machte Sackhüpfen, fischte mit dem Mund Äpfel aus einem Wasserbecken, packte Geschenke aus und ass Schokoladekuchen. Bei manchen Kindern ging es auch zum Geburtstagscervelatbraten in den Wald. Und bei der nächsten Feier wieder dasselbe von vorne.

Irgendwann in den 1990ern war der Wald out und Ronald McDonald in. Heutzutage kommt idealerweise ein gemietetes Pony für das Töchterchen und ihre Freundinnen (dazu Einhorn-Cakepops), und für den Sohnemann und seine besten Kumpels wird ein Ex-Fussballprofi für ein Privattraining engagiert. Anschliessend gibt es Kuchen in Form eines Fussballfeldes aus grünen Schokostreuseln, mit Toren aus Kinderriegeln, und auf den Tribünen sitzen Gummibärchen, Popcorn und Salzstängel als Fans.

Geschenke für alle – nicht nur fürs Geburtstagskind

Der schönste Tag im Lebensjahr der Kleinen ist für viele Eltern ein Stress geworden; die Blogeinträge zum Stichwort Geburtstag in Kombination mit dem Stichwort Horror jedenfalls sind zahlreich. Man hat schlaflose Nächte, weil man noch kein gutes Motto für die Party hat (heutzutage zwingend), keine besonderen Ideen für die Bespassung der Kleinen (die sich auf keinen Fall langweilen dürfen, und das tun sie heute schneller als auch schon), und das Give-away für die Gäste fehlt ebenfalls (um niemanden zu betrüben, erhält nicht nur das Geburtstagskind ein Geschenk, sondern alle).

Nicht zu vernachlässigen ist die Sache mit der Verköstigung. Gehen Hotdogs in Ordnung für die muslimischen Gspänli der Kinder? Welcher kleine Gast darf wegen welcher Nahrungsmittelallergie was nicht essen? Und wie backt man vegane Cupcakes? Man googelt also fieberhaft nach spektakulären Tortenrezepten ohne Allergene, Dekos und Servietten zum Motto, einzigartigen Orten, Partyspielen und sonstigen Animationen. Minigolf im Dunkeln? Reiten auf dem Ponyhof? Eine Spezialvorführung im Kino? Oder doch besser ein Besuch in der Spielhalle? Kuchen gibt es laut Website zwar nicht, dafür kostenloses WLAN.

Nach fünf Minuten war den Kindern langweilig

Für die beliebtesten Angebote muss man sich aber sputen: Kindergeburtstage auf dem Flughafen Zürich beispielsweise – inklusive 45-minütiger Erlebnisrundfahrt, Beobachten eines startenden oder landenden Flugzeuges aus nächster Nähe, anschliessender Feier mit Spielen und Flughafen-Cap für jedes Kind – sind bis Ende Jahr ausgebucht, und auch für 2018 gibt es nur noch wenige freie Plätze. Die Termine fürs Folgejahr werden jeweils am 1. Mai aufgeschaltet.

Irgendwann landet man dann ermattet bei Blogeinträgen à la «Wie überlebe ich einen Kindergeburtstag?» und klickt sich durch Leidensberichte anderer. «Wir haben wirklich an alles gedacht», schreibt eine Mutter. «Wir haben die Küche ganz toll geschmückt mit Girlanden und Luftballons, Tischdecke und Tellern sowie Strohhalmen und Bechern, alle im Lillifee-Design. Es sah toll aus, es gab Torte und bunte Muffins. Die Kinder kamen, setzten sich an den Tisch und futterten. Nach fünf Minuten war das erste fertig und sagte ‹Mir ist langweilig›.»

Bis zu 1000 Franken für die Party

Wer sich den Stress nicht mehr antun will, holt sich Hilfe bei Eventplanern. Die gibt es längst nicht mehr nur für Hochzeiten, sondern auch für Kinderpartys. Eine von ihnen ist Elena Brechbühler von Kids-Party.ch. Als sie vor zehn ­Jahren begann, war sie eine der ­wenigen in der Schweiz, inzwischen sind die Mitbewerber zahlreich, selbst deutsche Firmen organi­sieren hierzulande Kindergeburtstage.

Man wählt aus Angeboten wie Kinderschminken, Glitzertattoos, Kindermaniküre, Märchentheater, Riesenseifenblasen oder frisch ­gesponnener Zuckerwatte. Genau wie man es von Chilbis oder ­Einkaufszentrum-Neueröffnungen kennt, einfach für daheim. Die Animatorinnen von Kids-Party bringen auf Wunsch auch die Torte und den Fotografen mit, sodass sich die Eltern um nichts mehr kümmern müssen.

Die meisten von Elena Brechbühlers Kunden geben für das Fest ihrer Kinder zwischen 260 und 1000 Franken aus. Den teuersten Kindergeburtstag, den sie und ihr Team ausgerichtet haben, war für ein neunjähriges russisches Mädchen aus Zürich. Rund 5000 Franken war den Eltern die Party wert: Dafür gab es eine komplette Prinzessinnenwelt von der Deko übers Essen bis zur Theateraufführung für das Kind und zahlreiche Gäste.

Von russischen Geburtstagsfesten inspiriert

Von russischen Kindergeburtstagspartys hat sich Elena Brechbühler ursprünglich auch inspirieren lassen. Dort werde ein Riesenaufwand für die Kleinen betrieben. In der Schweiz seien es aber vor allem Familien mit russischen, amerikanischen oder südländischen Wurzeln, die ähnlich gross feierten und entsprechende Angebote buchten. «Schweizer Eltern wollen oft gar nicht allzu viel.»

Disco- oder Filmpartys inklusive Übernachtung sind aber auch bei hiesigen Familien im Kommen – für Kinder vor dem Teeniealter notabene. «Der Druck, den Kleinen zum Geburtstag etwas Besonderes zu bieten, ist gestiegen», sagt Beatrice Prandini, die mit «Kinderevents mit Nikki & Pieps & Co.» seit sechs Jahren Geburtstage für andere organisiert – mit Kinderschminken, Glitzertattoos, Schatzsuche, einem Kickboardparcours und den firmeneigenen Stars Nikki & Pieps aus dem gleichnamigen Kinderbuchverlag, die man sich «in echt» nach Hause bestellen kann.

Kinder sollen vor den Gspänli gut dastehen

Beatrice Prandini hat selber drei Kinder im Alter von 17, 13 und 8 Jahren. Vieles habe sich in den Jahren dazwischen geändert. Vor allem seien die Kinder von heute kaum mehr in der Lage, sich alleine zu beschäftigen, und man müsse sich als Animatorin einiges einfallen lassen, um sie unterhalten. Eine spektakuläre Location sei dazu aber gar nicht nötig, eine Schnitzeljagd im Wald sei für heutige Kinder oftmals genauso spannend.

«Es ist zu einer Art Prestige geworden, den Geburtstag nicht klassisch zu Hause zu feiern.»Beatrice Prandini, Organisatorin von Kinderevents

Aber klar: Wenn es bei Lenas Geburtstag eine Mini-Modeschau mit Stöcklischuhen für alle gab, möchte Yara zu ihrem Geburtstag auch eine Mini-Modeschau mit Stöcklischuhen für alle haben. «Trotzdem sind es aber vor allem die Eltern, die wollen, dass ihre Kinder bei ihren Gspänli gut dastehen», sagt Prandini. Was dazu führt, dass sich manche zu gegenseitigen Übertrumpfungsversuchen hinreissen lassen – von der Mottotorte bis zum Gästegeschenk. «Es ist zu einer Art Prestige geworden, den Geburtstag nicht klassisch zu Hause zu feiern.»

Man karrt die Kleinen in den Zoo mit privater Führung, bucht eine professionelle Schnitzeljagd, mietet eine Go-Kart-Bahn oder ein Riesentrampolin im Indoorspielplatz. Elena Brechbühler hat derartige Geburtstage mit ihren eigenen Kindern miterlebt. «Meine Tochter war zu so einer Party eingeladen, und als ich am Ende sagte: ‹Der Geburtstag ist vorbei, lass uns nach Hause gehen›, fragte sie: ‹Welcher Geburtstag?›» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.10.2017, 08:10 Uhr

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