Vom Lehrer zum Grüsel der Nation

Jürg Jegges Opfer wehren sich gegen seine ­Verharmlosungen. ­ Inzwischen haben sich weitere ehemalige Schüler gemeldet, die vom Vorzeigepädagogen sexuell missbraucht wurden.

«Von Therapie zu sprechen, ist wohl zu hoch gegriffen»: Jürg Jegge, 74, vor seinem Haus in Rorbas ZH. Foto: Reto Oeschger

«Von Therapie zu sprechen, ist wohl zu hoch gegriffen»: Jürg Jegge, 74, vor seinem Haus in Rorbas ZH. Foto: Reto Oeschger

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Kein Jubel, kein Triumph, es gehe ihm gut, sagt Markus Zangger, 58, gestern Samstag mit ruhiger Stimme, «so gut wie es einem mit so einer Geschichte gehen kann». Er fühle sich erleichtert, «was ich gesagt habe, wurde bestätigt. Jetzt muss man mir glauben.»

Glauben, dass er als Schüler jahrelang von seinem damaligen Lehrer, dem Musterpädagogen Jürg Jegge, sexuell missbraucht worden war. Am Dienstag wurde das Enthüllungsbuch «Jürg Jegges dunkle Seite» den Medien vorgestellt. Zangger ist rückblickend selber erstaunt über seinen Mut. Wurde er doch von allen Seiten gewarnt: «Es ist viel zu gefährlich, Jürg Jegge mit vollem Namen zu nennen. Wie willst du die Übergriffe beweisen? Jegge wird alles abstreiten. Dann bist du geliefert! Er kann dich einklagen. Dann bist du ruiniert!»

Das Buch sei «etwas sexlastig»

Es kam anders: Am Freitagabend trat Jürg Jegge, 74, vor die Nation. In den Medien gab er zu, dass es in den 70er-Jahren zu «sexuellen Kontakten» mit Markus Zangger und weiteren Schülern – «sicher weniger als zehn» – gekommen sei.

«Da isch Jegge», meldete sich am Donnerstagmorgen eine behäbige Stimme am Telefon. Jürg Jegge sagt, er habe das Buch erst lesen müssen, deshalb rufe er erst jetzt zurück. Und, wie finden Sie das Buch? «Es ist ganz eindeutig aus der Leidensperspektive geschrieben», sagt Jegge. Eine Menge Details habe er total anders in Erinnerung. Und: «Für meinen Geschmack ist es etwas gar sexlastig.»

«Dureschnuufä» nannte Jegge die «Therapie», welche die Schüler von Zwängen befreien, ihr Selbstbewusstsein stärken sollte. Markus war 13, Jegge knapp 30, als die «Therapie» begann. «Jegge legte sich nackt neben mich ins Bett und forderte mich auf, gemeinsam mit ihm zu onanieren.» Nur schon diesen Satz zu formulieren, habe ihn angewidert, sagt Zangger. Er bittet um Verständnis, dass er die Übergriffe nicht ausführlicher beschreibt; nicht um Jegge zu schützen, sondern sich selbst. Er habe sich oft genug ausgezogen, heute entscheide er, wie weit er sich entblösse. Heute weiss man: Die Übergriffe des Lehrers waren weit massiver, als er es im Buch beschrieben hat.

«Ich hätte mich doch nicht einfach so ausgezogen»

Jegge sagt, er habe die Situation damals «in seiner pädagogischen Begeisterung» falsch eingeschätzt. Bei aller Freundschaft habe er nicht beachtet, dass er als Lehrer immer die stärkere Figur war. «Wissen Sie, wie ich aussehe?», fragt er am Telefon. «Man könnte sagen, ich habe mein Gewicht buchstäblich unterschätzt.» Er bestreitet aber, dass er seine eigene Sexualität an den Schülern ausgelebt habe, «es ging um den Schüler». Er habe sich lediglich «mit eingebracht», auch um ihnen Mut zu machen. «Aber natürlich, erregt muss man sein, sonst geht es nicht.»

Jedenfalls habe er nie den Eindruck gehabt, dass es Markus unangenehm war, dass er darunter leide – das sei ihm neu. Er habe den Eindruck gehabt, so Jegge, es habe auch Markus Spass gemacht.

Darauf angesprochen, sagt Zangger zornig: «Ich hätte mich doch nicht einfach so ausgezogen, mich nie von diesem dicken, schmuddeligen Lehrer betatschen lassen.»

«Klassische Rechtfertigung von Tätern»: Die Buchautoren Hugo Stamm (r.) und Markus Zangger. Foto: Keystone

Hugo Stamm, der das Buch mit Zangger zusammen verfasst hat und sich seit 40 Jahren mit Opfern beschäftigt, reagiert verärgert auf Jegges Aussagen. Er spricht von einer klassischen Rechtfertigung von Tätern, die ihre Machtrolle ausnützen und ihre Wünsche und Bedürfnisse in die Opfer projizieren. Und er fügt an: «Wenn er als gefeierter Pädagoge nicht spürt, dass die Buben leiden, ist es dramatisch.»

Überhaupt, diese Verharmlosungen: «Jegge war bewusst, dass seine Handlungen strafbar sind, dennoch redet er stets von ‹sexuellen Kontakten›, dabei handelt es sich um Übergriffe, um Missbrauch.» Jegge sagt, ihm gefalle der Ausdruck «sexueller Missbrauch» nicht. Aber von Therapie zu sprechen, sei aus heutiger Sicht sicher zu hoch gegriffen.

Als «Lehrer der Nation», als «neuer Pestalozzi» wurde er verehrt, sein Buch «Dummheit ist lernbar» aus dem Jahre 1976 wurde zum Bestseller. Doch sein viel zitierter Begriff des «lustvollen Lernens» hat mehr als einen schalen Beigeschmack erhalten.

Er würde sich als« eher homosexuell» bezeichnen

Er selber habe als Kind eine körperfeindliche Erziehung erlebt, sagt Jegge. Er hat früh geheiratet, «nicht sehr erfolgreich», die Ehe hat nur zwei Jahre gehalten, er habe sich eingeengt gefühlt, gemerkt, dass er «nicht der Typ für eine Zweierkiste» sei. Am Stammtisch in Embrach im Zürcher Unterland wurde damals gemunkelt, der Sonderschullehrer sei homose­xuell. War Jürg Jegge vielleicht doch eher auf der Suche nach seiner eigenen Sexualität? War nicht eher er der Verklemmte, der sich von Zwängen befreien wollte?

Auf die Frage nach seiner sexuellen Ausrichtung antwortet er: «Immer dieses Kistchendenken. Das Leben besteht nicht aus Kisten, nicht alles kann man einordnen.» Er habe lange überlegt, vieles ausprobiert, heute würde er sich als «doch eher homosexuell» bezeichnen. Eine pädophile Neigung bestreitet er, Jugendliche, die langsam zu Männern wurden, hätten ihn aber sehr wohl erregt.

Heute lebe er in einer Beziehung, «mehr möchte ich dazu nicht sagen». Hugo Stamm geht davon aus, dass Jegge jener Gruppe angehört, die auf Jugendliche fixiert ist, diese missbraucht und die verbotene sexuelle Beziehung auch im Erwachsenenalter fortsetzen will.

Die Tochter ist stolz auf Markus Zangger

Markus Zangger konnte nie über Gefühle reden. Stumm trauerte er um seine Frau, die 2009 an Krebs starb. Enge Freunde rieten ihm, seinen Kummer niederzuschreiben. Erinnerungen kamen hoch, an seine Kindheit, seinen Lehrer, die Ohnmacht, den Schmerz. Es dauerte über 20 Jahre, bis er über den Missbrauch reden konnte. Weil er die Familie nicht belasten, Frau und Tochter schonen wollte.

Erst 2012, die Tochter war inzwischen 24-jährig, hat er ihr sein Geheimnis offenbart. «Ich war schockiert, entsetzt, fassungslos», sagt die Tochter heute. Endlich konnte sie verstehen, endlich fand sie eine Erklärung für seine «ungeheure innere Unruhe, seine Zerrissenheit, die fast greifbar und schwer auszuhalten war». Und dann seine ständige Angst um sie! Die Tochter sagt, sie habe sich eingeredet, der Vater traue ihr nichts zu. «Jetzt weiss ich: Er hatte Angst um mich, Angst, jemand könnte auch mir Leid antun.» Heute ist sie 29, und ihr Verhältnis zum Vater sei besser denn je. Sie sei stolz auf ihn, «weil er mutig ist und sich der Öffentlichkeit aussetzt». Über Jegge sagt sie: «Er hat in meiner Familie viel zerstört. Ich finde seine Übergriffe absolut widerwärtig und unentschuldbar.»

Telefonisch meldet sich ein weiteres Opfer

Ein «Mutmacher-Buch» wollte Markus Zangger schreiben, ein Buch, das andere Opfer dazu animiert, nicht still zu leiden, sondern Hilfe zu suchen, zu reden. Auch das hat er erreicht: «Hallo?», meldete sich gestern Samstag eine Männerstimme am Telefon. Seinen Namen wolle er nicht verraten. Wie Markus Zangger besuchte auch er in den 70er-Jahren die Sonderschule von Jürg Jegge. Auch er musste zur «Therapiestunde», wurde im Alter von 16 bis 18 Jahren missbraucht, bis er seinem Lehrer unmissverständlich zu verstehen gab, dass er nicht mehr «therapiert» werden wolle.

Eigentlich habe er mit der Vergangenheit abgeschlossen. Das dachte er jedenfalls. Aber manchmal komme die «krasse Geschichte» wieder «obsi», diese Machtlosigkeit. Jegge behauptet, mit manchen Opfern noch heute eine recht gute Freundschaft zu pflegen. «Nein, da gehöre ich nicht dazu», stellt der Mann klar.

Als Ehrenpräsident zurückgetreten

Erst jetzt fasste auch Markus Zanggers älterer Bruder, auch er ein Zögling Jegges, Mut zum Outing. «Wir haben es vielleicht voneinander vermutet», sagt Zangger, «angesprochen haben wir es nie.» Bis er den Bruder vor ein paar Jahren zum Kaffee eingeladen habe, ihn behutsam auf das heikle Thema lenken wollte, um dann mit der Frage herauszuplatzen: «Hat dich Jürg auch missbraucht?» Die Antwort war: «Ja.»

1985, als Jegge die Stiftung Märtplatz in Freienstein gründete, ernannte er den Bruder zu seinem Stellvertreter, später arbeitete dieser dort als Koch. Am vergangenen Mittwoch ist Jürg Jegge als Ehrenpräsident der Stiftung zurückgetreten. «Während der Zeiten als Leiter des Märtplatzes ist es nie mehr zu sexuellen Kontakten mit Lehrlingen gekommen», beteuert er.

Von «schnäbele» war im Märtplatz die Rede

Kuno Stürzinger, der die Ausbildungsstätte für junge Menschen «mit Startschwierigkeiten» seit Jegges Pensionierung leitet, hält fest, dass dieser seit 2011 nicht mehr für die Stiftung tätig sei. Und dass Übergriffe nicht geduldet würden, dass die Lehrlinge unter «schützenden Bedingungen» ihre Ausbildung machen können. Und was sagen Lehrlingsausbildner und Lehrlinge, die Jegge als Märtplatz-Leiter erlebt haben? «Jetzt ist die Bombe geplatzt!», das sei ihr erster Gedanke gewesen, ­erzählt eine Lehrmeisterin, die 18 Jahre mit dem Stiftungsgründer zusammengearbeitet hat. Sie habe die «Buebegschichtli» gekannt, die anzüglichen Bemerkungen unter alten Lehrmeistern, nicht selten ehemalige Jegge-Schüler. Von «schnäbele» war die Rede, das Wort «Pädo» sei gefallen.

«Natürlich hat er diese Neigung», sagt sie, ihren kleinen Sohn hätte sie ihm jedenfalls nicht auf den Schoss gesetzt. Und doch: «Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass es während meiner Zeit beim Märtplatz zu keinem Missbrauch mehr kam.» Man hätte ihn garantiert nicht gedeckt. Sie schildert ihn als «liebenswerten, unbeholfenen Bären», einen einsamen Menschen auch, «wir, die Stiftung, waren seine Familie». Tatsächlich sah manch ein früherer Lehrling in ihm eine «Vaterfigur».

Jürg Jegge hat sich die vergangenen Tage in seinem Häuschen in Rorbas ZH verschanzt. Im Dorf war er noch nicht. Herr Jegge, trauen Sie sich überhaupt noch aus dem Haus? Er stutzt, dann ein Lachen, leicht gequält: «Warum, bin ich jetzt etwa der Grüsel der Nation?» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.04.2017, 23:38 Uhr

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