Walliser Firma fälschte Verfallsdaten von Krebsmittel

Die Medikamente waren unter anderem im Berner Inselspital und im Unispital Basel im Einsatz.

Krebsmedikament Thiotepa (u.), Patrick und Sandrine 
Saint Aubyn: Ihre Tochter Tassia verlor den Kampf gegen den Krebs. Foto: Franck Ferville/Agence VU

Krebsmedikament Thiotepa (u.), Patrick und Sandrine Saint Aubyn: Ihre Tochter Tassia verlor den Kampf gegen den Krebs. Foto: Franck Ferville/Agence VU

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Am 23. Januar 2012 erhalten Patrick und Sandrine Saint Aubyn aus Paris einen Brief von ihrem Spital. Ihre fünfjährige Tochter Tassia war schwer krebskrank. Sie erhielt bereits starke Chemotherapien. Jetzt schreibt das Spital, eines der Medikamente wäre zu wenig hochdosiert gewesen. Es sei «nicht konform». Die Behörden hätten es vom Markt nehmen müssen. Seit einem Jahr müssen die Eltern zusehen, wie ihre kleine Tochter gegen den Krebs kämpft. Die Nachricht des Spitals ist ein Schock.

Auch in der Schweiz haben krebskranke Kinder dieses «nicht konforme» Medikament erhalten. Laut der Schweizer Heilmittel­behörde Swissmedic kaufte allein das Berner Inselspital bis 2011 über 1400 Dosen. Der grösste Teil habe gefälschte Verfallsdaten gehabt.

Verantwortlich dafür ist eine Firma namens Alkopharma aus Martigny VS. Sie hatte die Verfallsdaten auf Tausenden Medikamentenfläschchen gefälscht. Die Firma wollte auch abgelaufene Dosen noch verkaufen, obwohl deren Wirkstoff beeinträchtigt war.

Ein Walliser Gericht verurteilte die Verantwortlichen 2016 zu Bussen – es sagte aber auch, es habe keine Gefährdung der Gesundheit bestanden. «Meine Mandantin hat einen Fehler gemacht, den sie vollumfänglich zugibt», sagt der Anwalt der Vertriebsleiterein. Doch man dürfe diesen nicht übertreiben. Sie habe lediglich eine Busse erhalten, «die niedrigst mögliche Strafe».

15 Kinder wurden behandelt

Laut Swissmedic, die fünf Jahre ermittelte, hat Alkopharma die Patienten aber klar einem Risiko ausgesetzt. Sie hat den Fall deshalb an die nächste Instanz gezogen. «Wenn man zu wenig von dem Medikament einsetzt, verliert es seine Effizienz gegen den Tumor», bestätigte ein Krebsspezialist in seiner Einvernahme durch das Gericht.

Laut Swissmedic bestand ein zusätzliches Risiko, weil Ärzte die Dosierung des Medikaments bei einer Chemotherapie so lange erhöhen, bis die Nebenwirkungen zu stark werden. Bei der zweiten Chemo-Runde verwenden sie dann dieselbe Dosierung. Wenn in der ersten Runde der Wirkstoff aber zu schwach ist, weil das Medikament schon lange abgelaufen ist, verschreiben sie in der zweiten Runde mehr, als der Patient verträgt – ohne es zu wissen.

«Diese Affäre ist in ihrer Grössenordnung bisher einzigartig für die Schweiz.»Swissmedic

Das Inselspital hat inzwischen 23 Patienten identifiziert, die mit dem Medikament behandelt wurden. 15 davon Kinder. Sie litten teils an Nierenkrebs und Gehirntumoren. Auch das Universitätsspital Basel und die Kantonsapotheke Zürich erhielten das Medikament – aber in geringen Mengen. Swissmedic hat im Zuge der Ermittlungen bei verschiedenen Stichproben in der ganzen Schweiz Medikamente mit reduzierter Wirksamkeit gefunden. «Diese Affäre ist in ihrer Grössenordnung bisher einzigartig für die Schweiz», sagt Swissmedic. Wie konnte es so weit kommen?

Die Affäre nimmt 2005 ihren Anfang. Der Besitzer und Geschäftsleiter von Alkopharma schliesst einen Vertrag mit einem deutschen Labor ab über die Lieferung mehrerer Ladungen des Krebsmedikaments Thiotepa. Doch schon 2007 stockt der Verkauf. Die Lager füllen sich – aber noch immer kommen vertraglich vereinbarte Lieferungen aus Deutschland. Thio­tepa hat eine Haltbarkeit von nur 18 Monaten. 2007 fangen die ersten Dosen an abzulaufen.

Fast alle Dosen mit falschem Ablaufdatum

Nun beginnt der Zuständige für die Produktionskette, ein Kumpel des Patrons, die Verfallsdaten zu fälschen, um die alten Dosen doch noch an den Mann zu bringen. Neue Etiketten werden gedruckt. Die Angestellten müssen sie auf alte Fläschchen kleben.

Von 2007 bis 2011 verkauft Alkopharma nun diese Medikamente – und zwar in grossen Mengen. Insgesamt liefert die Firma über 128'000 Dosen Thiotepa. Gemäss Swissmedic sind bei 96'000 Fläschchen die Ablaufdaten gefälscht. Das Gericht anerkannte in seinem Urteil später aber nur Fälschungen, die die Betreiber selbst zugaben.

Die meisten Dosen gehen nach Frankreich. Doch 2473 landen bei Schweizer Spitälern. Laut Swissmedic haben 85 Prozent falsche Ablaufdaten. 1452 Dosen kauft das Inselspital. 400 gehen nach Genf, 220 ans Unispital Basel, 20 zur Kantonsapotheke Zürich. Es gelangen Dosen an Patienten, die teils Jahre abgelaufen sind. Analysen ergeben später, dass der Hauptwirkstoff teils stark reduziert war.

Die Firma nahm vier Millionen ein

Im Betrieb selbst schlägt niemand Alarm. Das Personal besteht teils aus jungen und sehr unerfahrenen Mitarbeitern, teils aus Flüchtlingen, die von ihrem Arbeitsvertrag abhängig sind, um in der Schweiz bleiben zu können. Die verantwortlichen Spezialisten, die die Medikamente freigeben müssen, arbeiten nur auf Abruf.

Im September 2009 löst der deutsche Zulieferer von Thiotepa den Vertrag mit Alkopharma auf. Doch deren Lager sind noch immer voll. Der Verkauf geht weiter.

Erst 2011 bemerkt der deutsche Hersteller, dass noch immer Thiotepa im Umlauf ist, das längst abgelaufen sein müsste. Swissmedic beginnt mit Ermittlungen. Die Walliser verkauften bereits Dosen für fast vier Millionen Franken.

Ver­triebsleiterin und der Patron werden zu Bussen von 6500 bzw. 5000 Franken verurteilt.

2016 kommt es zum Prozess. Die Betreiber geben die Fälschungen der Daten zu. Doch vor ­Gericht geht es vor allem um die Frage, ob Alko­pharma die Gesundheit und das Leben der Patienten aufs Spiel setzte. Von dieser Frage hängt ab, ob die Verantwortlichen ins Gefängnis müssen oder nur eine Busse erhalten.

Der direkte Nachweis, dass eine zu geringe Dosierung zu einem Schaden führte, ist schwierig. Die betroffenen Patienten nahmen zahlreiche Medikamente ein. «Keiner kann sagen, wenn die Dosis eines dieser Medikamente 20 Prozent höher gewesen wäre, hätte der Patient X überlebt», sagt der Krebsspezialist des Inselspitals in seiner Einvernahme. Entsprechend gelingt es den Anklägern nicht, einen Schaden nachzuweisen, der sich nur auf die zu niedrige Dosis von Thiotepa zurückführen lässt.

Ins Gefängnis muss niemand

Am 1. Juni 2016 fällt das Bezirks­gericht Martigny sein Urteil. Die Ver­triebsleiterin und der Patron werden zu Bussen von 6500 bzw. 5000 Franken verurteilt. Die fachtechnisch Verantwortlichen erhalten ebenfalls Bussen von Swissmedic. Ins Gefängnis muss niemand. In der Urteilsbegründung steht: «Die Gefährdung resultierte nicht vom Medikament an sich, sondern von der Krankheit, die es behandeln sollte.»

Die Vertriebsleiterin und der Patron beantworten keine konkreten Fragen über ihr Vorgehen. ­Dafür beschweren sie sich über das Vorgehen von Swissmedic. Das milde Urteil zeige, dass die Ermittler zu forsch vorgegangen seien. «Ihre Cowboy-Strategie bestand darin, alle einzuschüchtern, ohne Beweise die Fabrik zeitweise zu schliessen, zehn Personen in die Arbeitslosigkeit zu schicken und die Leben der Betroffenen zu zerstören», sagt der Anwalt der Vertriebsleiterin. Der Anwalt des Patrons meint, die Schliessung der Fabrik stehe in keinem Verhältnis zur milden Strafe.

Inzwischen stellte sich heraus, dass 2013 eine weitere Firma des Alkopharma-Besitzers von den französischen Behörden gerügt worden war. Sie hatte 14'000 ­Dosen eines Beruhigungsmittels für Kinder angeboten, die bereits 2012 vom Markt genommen worden waren.

Im Thiotepa-Fall soll der Prozess in zweiter Instanz bald beginnen. Von den 23 betroffenen Patienten im Inselspital waren zum Zeitpunkt des Prozesses 16 auf dem Weg der Besserung, vier erlitten Rückfälle, drei starben. Alle drei waren Kinder. Auch Tassia aus Paris verlor 2014 den Kampf gegen den Krebs. Sie wurde acht Jahre alt.

recherchedesk@sonntagszeitung.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2018, 23:01 Uhr

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