Wie die Jungfrau ihre Unschuld zurückbekam

Als Mahnmal für einen nachhaltigen Umgang mit den Naturschätzen standen auf ihrem Gipfel sechs Holzskulpturen. Jetzt wurden sie wieder ins Tal geholt.

Stephan Siegrist beim Abbau der Skulpturen auf dem Gipfel der Jungfrau. Foto: Thomas Senf

Stephan Siegrist beim Abbau der Skulpturen auf dem Gipfel der Jungfrau. Foto: Thomas Senf

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Mit dem Fernrohr sind sie von Interlaken aus zu sehen. Aus Wengen, meldet der Tourismusdirektor, reiche ein Feldstecher. Seit Mitte Juni ragen sechs Holzskulpturen, bis zu 2,40 Meter hoch, über den Gipfel der Jungfrau. Der Ort sei geradezu «magisch», sagt der Berner Oberländer Dominic Müller. Er hat die Skulpturen geschaffen – aus Baumstämmen der Region herausgesägt und geschnitten. Die Installation auf dem Gipfel der Jungfrau, 4158 Meter über Meer, ist wahrscheinlich die höchste Kunstinstallation der Welt. Sie soll auf die Schönheit des Unesco-Welterbes hinweisen. Jetzt müssen die Skulpturen aber zurück ins Tal gebracht werden, per Helikopter von Air-Glaciers. Die grosse Frage ist: Sind sie noch heil?

Zur Gruppe, die den 42-jährigen Müller auf den Gipfel begleiten wird, gehört Spitzenbergsteiger Stephan Siegrist. Er ist oft mit Ueli Steck geklettert, hat die Eiger-Nordwand rund 30-mal durchstiegen, im westlichen Himalaja den 7000er Thalay Sagar auf einer neuen Route geklettert. Mit dabei ist auch Thomas Senf, Fotograf und erfahrener Bergführer. Am Mittwoch wollen wir aufbrechen. Doch die Sicht ist schlecht, eine Nebelbank liegt vor dem Gipfel. Die Aktion wird auf Donnerstag verschoben.

6 Uhr im Lauterbrunnental. Die Steigeisen werden montiert, das «Gstältli» zum Anseilen angezogen, Eispickel, Karabiner und Seile in den Heli geladen. Am Steuerknüppel sitzt Martin Rufener, der frühere Cheftrainer des Schweizer Männer-Ski-Nationalteams, heute Alpin-Chef in Kanada. Um 6.30 Uhr lässt er die Rotoren warm laufen, dann steigt der Heli senkrecht in den Himmel, zieht vorbei an schroffen Felswänden und tosenden Wasserfällen. Am Horizont erhebt sich gewaltig das schneebedeckte Massiv der Jungfrau.

Es könnte noch dramatischer kommen

«Ich bin gespannt, wie es da oben aussieht», sagt Müller, «keine Ahnung, ob die Skulpturen überhaupt noch stehen.» Einzeln wurden sie mit Metallplatten im Fels verankert. Doch auf der Jungfrau herrschen extreme Wetterbedingungen. Es gibt schwere Unwetter mit Blitzschlag, der Wind fegt mit Spitzen bis zu 150 Stundenkilometern über den Grat. «Die Kräfte, die da wirken, erfüllen mich mit Ehrfrucht», sagt Müller.

Seine Kunstaktion ist auch gedacht als Mahnmal für einen nachhaltigen Umgang mit den Schweizer Naturschätzen. Dass dies nötig ist, zeigt die Situation auf den Schweizer Gletschern. Der Schnee des Winters war vielerorts bereits im Juni weggeschmolzen. Es herrschten Verhältnisse wie sonst im August.

Stephan Siegrist und Dominic Müller breiten die Skulpturen für den Abtransport vor. Foto: Thomas Senf

Die globale Erwärmung setzt auch dem gewaltigen Eismeer in der Aletsch-Arena zu. «In den letzten Jahren verlor der Aletschgletscher im Schnitt jährlich 40 Meter an Länge», sagt Klima- und Gletscher­experte David Volken. Bis zum Jahrhundertende werde er sechs Kilometer zurückgehen – dies, wenn die Temperaturen konstant bleiben. Es könnte noch dramatischer kommen. Die aktuellen Klimamodelle gehen von einem Temperaturanstieg um zwei bis drei Grad aus, sagt Volken. «Das würde bedeuten, dass bis Ende des Jahrhunderts nur noch zehn Prozent des heutigen Gletschervolumens vorhanden sind.»

«Es tut mir weh, wenn ich sehe, was da passiert»

Spitzenalpinist Stephan Siegrist bestätigt die extreme Situation im Hochgebirge. «Es tut mir weh, wenn ich sehe, was da passiert.» Zum Beispiel am Silberhorn, dem Vorgipfel der Jungfrau, der so heisst, weil der Schnee silbern schimmert. Vor drei Jahren wurde der erste kleine Fels sichtbar. Inzwischen ist praktisch der ganze Gipfelgrat durchgehend Fels. «Irgendwann ist das nur noch ein Steinhaufen», sagt Siegrist. «Es geht viel Schönheit verloren.»

Punktgenau schwebt der Hubschrauber auf dem Gipfel zur Landung nieder – nur eine Kufe berührt den Boden. Der Grat ist zu schmal für eine normale Landung, drei, vier Meter breit, mehr Platz ist da nicht. Links und rechts stürzen die Bergflanken in die Tiefe.

Gipfeltreffen auf der Jungfrau. Foto: Thomas Senf

Wenige Minuten bleiben zum Aussteigen, während Pilot Rufener die Maschine bei starkem Wind im Gleichgewicht hält, eine Kufe über dem Abgrund. Dann hebt der Heli knatternd ab. Zurück bleibt die Stille des Berges. Und das leise Heulen des Windes, der eiskalt von Westen über den Grat zieht. Er zerrt an den Kleiden, brennt im Gesicht. Es ist 10 Grad unter null. Auf dem Boden liegen etwa 30 Zentimeter Neuschnee. In der Ferne sieht man den Mont Blanc und das Matterhorn.

Zwei kleinere Figuren sind verschwunden

Von den sechs Holzfiguren stehen noch drei. Eine 60 Kilogramm schwere Skulptur hat der Blitz der Länge nach gespalten. Zwei kleinere Figuren sind verschwunden, vermutlich pulversiert durch die Wucht des Blitzschlags. Mit einer Trennscheibe werden die Bohranker im Fels abgetrennt, die Metallplatten abgenommen, die Bohrlöcher sorgfältig verschlossen, damit keine Spuren am Berg bleiben. Die Holzskulpturen werden in das Transportnetz gewuchtet. Gut zwei Stunden dauerte der Abbau der Gipfelkunst. Siegrist zieht Helm und das Headset an, ruft über den Funk den ­Heli-Piloten. «Du kannst in fünf Minuten kommen.»

Plötzlich taucht eine Gestalt in Klettermontur auf dem Gipfel auf. «Berg Heil! Was ist denn hier los?», fragt der Alpinist gut gelaunt, stellt sich als «Luis aus dem Tirol» vor und blickt hinauf zum Hubschrauber, der nach mehreren Versuchen mit herabhängendem Seil exakt über dem Gipfel schwebt. «Kunst», sagt Siegrist und befestigt mit Karabinern das Transportnetz am Seil. Der Heli dreht ab und fliegt das Material ins Tal. «Berg Heil!», ertönt es erneut. Diesmal mit flämischen Akzent. Eine Seilschaft mit drei Belgiern ist auf dem Gipfel angekommen.

Innert Minuten kann alles wieder zu sein

Zur Besteigung der Jungfrau gibt es zwölf verschiedene Routen mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgraden. Am meisten wird die Normalroute begangen, vom Jungfraujoch aus über den Rottalsattel und den Südostgrat. Auf diesem Weg sind nur 700 Höhenmeter zu überwinden. Mit Erfahrung, Kondition und der richtigen Ausrüstung gilt diese Route als gut machbar. Doch bei Neuschnee und Blankeis kann es heikel werden. Als gefährlich gilt vor allem auch ein Wetterumschwung.

Der Abtransport der Skulpturen vom Gipfel der Jungfrau. Foto: Thomas Senf Auf dem Gipfel hat sich Gewölk aufgebaut, Nebel zieht herauf. Luis und die Belgier beginnen den Abstieg. Wir warten auf den Rückflug. Die Sicht verschlechtert sich weiter. Viermal muss Pilot Rufener wieder abdrehen. Die Landung ist zu gefährlich. Es droht ein «White-out», bei dem der Pilot bei schneebedecktem Boden, Bewölkung und Nebel keinen Fixpunkt mehr hat, die Orientierung verliert, nicht mehr weiss, wo oben und unten ist und welche Fluglage sein Heli hat. Der Hubschrauber kann rasch abstürzen.

Plötzlich reisst das Gewölk auf. Siegrist funkt: «Jetzt wäre es grad gut hier oben.» Es muss schnell gehen, innert Minuten kann alles wieder zu sein. Der Heli steigt aus der nebligen Tiefe auf, hält schwebend neben dem Grat, der Wind zerrt an der Maschine. Zügig wird eingestiegen, die Türen zugezogen, Pilot ­Rufener dreht sofort wieder ab und leitet den Rückflug ein.

Auf dem Jungfraujoch steigt Stephan Siegrist aus – er will mit einem Gast noch kurz auf den Mönch. «Ein leichter Berg», sagt der Profi-Kletterer. Der Hubschrauber schnurrt weiter ins Tal hinunter.

Dort lagern auf der Basis von Air-Glaciers die Holzskulpturen. Dominic Müller wird sie erst mal in sein Atelier mitnehmen. Ab September werden sie dann im World Nature Forum in Naters VS ausgestellt – so, wie sie Wetter und Wind auf dem Gipfel der Jungfrau geformt haben. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.08.2017, 23:13 Uhr

Schweizer Welterbe

Die Jungfrau verdankt ihren Namen den Nonnen im Kloster Interlaken, die am Hang des Massivs eine Alp besassen. 2001 wurde die Jungfrau zusammen mit südlich angrenzenden Gebieten als «Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch» in die Liste des Unesco-Weltnaturerbes aufgenommen. Es umfasst eine Fläche von 824 Quadratkilometern. Zentrum ist das Felsmassiv von Eiger, Mönch und Jungfrau mit der Gletscherlandschaft rund um den Grossen Aletschgletscher.

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