ABB – der unaufhaltsame Niedergang einer Industrie-Ikone

Zu den besten Zeiten hatte die Vorläuferin BBC in der Schweiz 22'000 Arbeitsplätze. Bald werden es unter 4000 sein. Der Führung fehlen Ideen, wie sie wieder wachsen kann.

Mittagspause bei der BBC 1958: Die Zeit, als Angestellte des Konzerns in Baden AG die Strassen füllten, ist passé.

Mittagspause bei der BBC 1958: Die Zeit, als Angestellte des Konzerns in Baden AG die Strassen füllten, ist passé. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Inmitten des grössten Umbaus des Industriekonzerns ABB seit dem Zusammenschluss der Schweizer BBC und der schwedischen Asea 1988 wurde diese Woche Konzernchef Ulrich Spiesshofer entlassen. Ihm ist es misslungen, die seit Jahren versprochene Beschleunigung des Wachstums zu liefern – obwohl in fast allen Weltregionen die Wirtschaft auf Hochtouren läuft.

Aus der Sicht der Aktionäre ist die Ära Spiesshofer ein Misserfolg. Sie profitierten zwar von steigenden Dividendenrenditen. Doch seit seinem Amtsantritt im September 2013 gab die ABB-Aktie um 2 Prozent nach, während die Aktien der grossen Konkurrenten Siemens und Schneider Electric um je gut 20 Prozent zulegten. Der Schweizer Aktienindex SPI stieg in dieser Zeit sogar um 56 Prozent. Aktuell ist die Aktie 21 Franken wert. Von ihrem Höchststand von 43 Franken Anfang des Jahrtausends wie auch von Spiesshofers Kursziel zwischen 30 und 35 Franken ist das Papier weit entfernt.

Spiesshofer verschleierte in der Medienmitteilung vom Mittwoch die Schieflage des Konzerns. Er liess sich zitieren, er übergebe seinem Interimsnachfolger Peter Voser «ein gut getrimmtes ABB-Schiff, dessen Kurs gesetzt ist und das Fahrt aufnimmt». Das Gegenteil ist wahr: In allen vier Geschäftsbereichen sind die Margen im ersten Quartal gesunken; in zwei Sparten schrumpfte auch der Umsatz. Der Gewinn pro Aktie ist ebenfalls im Sinkflug, was dem Vernehmen nach bei den Hauptaktionären, der schwedischen Wallenberg-Familie, auf Besorgnis stösst. Gut möglich, dass dies den Ausschlag gab für Spiesshofers erzwungenen Abschied.

In dreissig Jahren von weltweit 215 000 auf gut 100'000 Mitarbeiter

ABB befindet sich im Niedergang – dies allerdings schon, bevor Spiesshofer die Kapitänsbrücke betrat. An den Mitarbeiterzahlen lässt sich das Ausmass des Abstiegs ermessen: Nach der Fusion von BBC und Asea beschäftigte ABB weltweit zunächst 160'000 Mitarbeiter. Der erste Chef des neuen Gebildes, der Schwede Percy Barnevik, kaufte anschliessend wie wild 150 weitere Unternehmen dazu. Bald darauf zählte ABB 215'000 Mitarbeiter, der Umsatz wuchs um fast das Doppelte.

Doch kurz darauf begann der Verfall, denn ABB geriet in eine finanzielle Schieflage. Im Jahr 2000 verkaufte sie den Lokomotiven- und den Kraftwerksbau – das einstige Kerngeschäft und der ganze Stolz von Generationen von BBC-Mitarbeitern. Es war ein Notverkauf. Damit nicht genug. Es zeigte sich, dass Barnevik bei seiner Einkaufstour in der Eile die Risiken vernachlässigt hatte. So kaufte er für 1,6 Milliarden Dollar einen US-Kraftwerksbauer, der von Asbestopfern mit Schadenersatzklagen überhäuft wurde. 2002 stand ABB deswegen finanziell am Abgrund. Der damalige Finanzchef Peter Voser – heute Verwaltungsratspräsident und seit Mittwoch Interims-Konzernleiter – wirkte entscheidend an der Rettung mit. Diese kostete 12'000 Stellen.

Weitere einschneidende Abbauwellen folgten. Obwohl sich ABB zwischenzeitlich immer mal wieder erholte und unter Spiesshofers Vorgänger wieder kräftig Firmen hinzukaufte, zählt sie heute nur noch 147'000 Mitarbeiter. Und schon bald werden es noch deutlich weniger sein, denn mit dem angekündigten Verkauf des Stromnetzgeschäfts – dem ABB seinen Aufstieg zum Weltkonzern verdankte – wechseln 36'000 Mitarbeiter zum japanischen Hitachi-Konzern. Macht noch 111'000 Beschäftigte.

Doch auch diese Zahl ist nicht in Stein gemeisselt, denn ABB ist daran, die Matrixorganisation und die meisten Länderorganisationen aufzulösen. Ziel sind jährliche Einsparungen von 500 Millionen Dollar, was den Abbau mehrerer Tausend Stellen bedeuten dürfte. ABB nähert sich damit bedrohlich der Marke von 100'000 Mitarbeitern – also ungefähr jenem Personalbestand, den BBC vor der Fusion hatte.

Ob die Schrumpfung zum Erfolg führt, ist zweifelhaft

Die Schweiz ist vom Niedergang besonders betroffen. Zu den besten Zeiten beschäftigte BBC hierzulande 22'000 Mitarbeiter, davon alleine im Gründungsort Baden AG 15'000. Als Ulrich Spiesshofer sein Amt antrat, war diese Zahl bereits auf 7400 geschrumpft, stieg dann bis Ende 2014 leicht an auf 7540. Seither ging es abwärts. Mittlerweile beschäftigt ABB in der Schweiz noch 6700 Mitarbeiter. Mit dem Verkauf des Stromnetzgeschäfts an Hitachi wird diese Zahl auf 3900 sinken. Der laufende Umbau dürfte weitere Stellen kosten, vor allem am Hauptsitz in Zürich-Oerlikon und bei den Verwaltungsfunktionen von ABB Schweiz. Mit unter 4000 Mitarbeitern ist ABB, die in der Schweiz einst eine der grössten Arbeitgeberinnen war, bestenfalls noch ein kleines Grossunternehmen.

«Das ist eine bittere Reduktion», sagt der ehemalige ABB-Schweiz-Chef Edwin Somm. «Aber sie ist nicht so tragisch, wenn die Firma dadurch erfolgreich wird und die Leute wieder eine Stelle finden.» Doch das ist alles andere als sicher, wie vor zwei Jahrzehnten der Verkauf der Kraftwerkssparte gezeigt hat. Nachdem diese in die Hände der französischen Alstom geraten war, kriselte das Geschäft so sehr, dass von den ursprünglich 6000 Stellen nach vier Abbaurunden noch die Hälfte übrig blieb. Vor drei Jahren verkaufte Alstom den Bereich an den US-Industrieriesen General Electric weiter. Kurz darauf gab dieser bekannt, er werde im Aargau auf einen Schlag 1200 Stellen streichen.

Investor fordert die weitere Zerschlagung

Ein Ende des Niedergangs von ABB ist nicht in Sicht. Denn der Verwaltungsrat hat beschlossen, den Erlös von rund 8 Milliarden Franken aus dem Verkauf des Stromnetzgeschäfts durch einen Aktienrückkauf an die Aktionäre auszuschütten. Damit ist klar, dass er keine Ideen hat, wie er das Geld in zukunftsträchtige Geschäfte stecken könnte.

ABB droht sogar eine weitere dramatische Verkleinerung. Die US-Beteiligungsgesellschaft Artisan Partners, die neu gut 3 Prozent der Aktien hält und damit der viertgrösste Aktionär ist, hat diese Woche gefordert, ABB solle sich in mindestens zwei weitere Geschäftseinheiten aufspalten. Der einstige Industriekoloss würde damit nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit stark an Bedeutung verlieren.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 20.04.2019, 19:05 Uhr

Artikel zum Thema

Ex-Schweiz-Chef kritisiert ABB-Führung

Edwin Somm spricht von «katastrophalen Fehlern». Mehr...

ABB lässt Ulrich Spiesshofer fallen

Der Konzernchef hat das Unternehmen per sofort verlassen. Seinem Führungsstil passte nicht länger zur neuen Aufstellung des Konzerns. Mehr...

Nach Paukenschlag bei ABB: Interimschef nennt Gründe

Beim Schweizer Technologiekonzern kommt es überraschend zu einem Wechsel an der Spitze. Peter Voser erklärte sich an einer Telefonkonferenz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...