Abends nur mit einem Triple A

Zur Kunst des Netzwerkens gehört eine harte Selektion. Das Diner ist die Königsdisziplin.

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«Lunch is for losers. Kommen Sie einfach zum Kaffee in mein Büro.» Es war Erwin Bach, der Ehemann von Rockröhre Tina Turner, der mir diesen Satz vor vielen Jahren entgegengeschleudert hat. Er war damals Chef von EMI Schweiz und ich eine ambitionierte junge Journalistin, die Kontakte zu Wirtschaftsgrössen aufbauen wollte. Dass der EMI-Chef Besseres zu tun hatte, als mich zum Mittagessen zu treffen, war ein herber Dämpfer für meine Pläne.

Heute, wo ich das Privileg habe, dass auch ich Lunchanfragen kriege, verstehe ich den Mann. Dass Mittagessen überflüssig sind, ist zwar Quatsch. Sollte Bach den Spruch aber selektiv auf mich angewendet haben (was ich vermute), bin ich voll bei ihm. Warum sollte ein Mann wie er ­seine Zeit mit einem Greenhorn wie mir verdödeln? Ich hatte null Ahnung vom Musikgeschäft, und auch mein Unterhaltungsfaktor war damals noch ziemlich dünn.

«Bei B-Status tendiere ich zum Espresso, C dümpelt passiv in der Kartei vor sich hin.»

Zur Kunst des Netzwerkens gehört nun mal eine beinharte Selektion. Ich beurteile meine Kontakte nach der Moody’s-Methode: AAA-Kontakt = Topposition, ergiebig und unterhaltsam; AA-Kontakt = wichtig und eher langweilig; A+ = mässig wichtig und ergiebig. Und so weiter. Entsprechend verteile ich meine Zeit. A-Kontakte sind prinzipiell lunchwürdig. Bei B-Status tendiere ich zum Espresso, C dümpelt passiv in der Kartei vor sich hin.

Das Nachtessen ist die ­Königsdisziplin in diesem Spiel. In meinem Job, der auf ­vertraulichem Informationsaustausch beruht, kann es hilfreich sein, Leute zum Diner zu treffen. Doch hier kommt man nicht um die Killerfrage rum: Ist er/sie es mir wert? Nichts ist so frustrierend wie ein endloses Nacht­essen mit einem drögen Berater, der über die digitale Transformation in der Versicherungsbranche labert, während man darüber nachdenkt, was man Schönes ­anstellen könnte oder wie viel der Babysitter für den Leerlauf gerade kostet. Deshalb lautet mein Credo: Abends nur mit Triple A.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.10.2017, 22:04 Uhr

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