Fürs Selfie die Felswand rauf – und dann die Rega rufen

Sie wünschen vegane Menüs und überschätzen ihre Fähigkeiten: Wie Hobby-Alpinisten Nerven und Kräfte von Hüttenwarten und Rettungsdiensten strapazieren.

Abenteuer­kulisse Alpen: Ungeübte trauen sich zu viel zu – und überschätzen sich damit oft. Foto: Getty Images

Abenteuer­kulisse Alpen: Ungeübte trauen sich zu viel zu – und überschätzen sich damit oft. Foto: Getty Images

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Notruf. Die Wanderin hatte sich leicht verletzt, schaffte den Abstieg nicht mehr. Ein Rettungshelikopter musste her, landete – und wurde erst mal auf Selfieformat minimiert: Die Frau zückte ihre Handykamera und posierte fürs Erinnerungsfoto, bevor sie sich ins Tal fliegen liess. So erzählt es der Rettungssanitäter einer Schweizer Helikoptergesellschaft.

Anonym, niemand will die eigene Kundschaft verärgern. Aber manchmal weiss er nicht, ob er sich wundern oder ärgern soll über die Gäste, die immer zahlreicher in die Berge pilgern. Die alpine Welt ist längst zur Eventlocation geworden, zur Abenteuerkulisse für Wandernächte, Vollmond-Wanderdates und Kulinarikwanderungen.

Wenn mehr Menschen ihre Wochenenden und Ferien in der Heimat verbringen, ist das zunächst einmal eine gute Nachricht, nicht erst, seit mit der Klimadebatte Flugreisen an ferne Traumstrände schwierig zu rechtfertigen sind. Doch der Wanderboom bringt auch Probleme mit sich: mehr Unfälle, höhere Ansprüche. Besonders viel zu tun haben die Rettungsdienste, wenn Prachtwetter herrscht.

Die Zahlen aus dem letzten Jahr – schneereicher Winter, heisser Sommer, goldener Herbst – sind eindrücklich: 2018 mussten in den Schweizer Alpen und im Jura 3211 Personen aus einer Notlage gerettet werden. Das sind fast 20 Prozent mehr als im Vorjahr: Gleitschirmflieger, Tourengänger, Mountainbiker – vor allem aber Bergwanderer.

Die SAC-Hütte wird mit einem Hotel verwechselt

Was manche Hobby-Alpinisten ausserdem gern vergessen: dass Berge kein Pauschalarrangement sind. Sondern eine Extremwelt, in der die sich ohnehin rar machende Tugend, sich selbst und seine Ansprüche hintanzustellen, grosse Bedeutung hat. Zuweilen erwarten jene, die in den Bergen die Entschleunigung suchen, in luftiger Höhe einen ganz und gar unentschleunigten Service.

Das spüren die Hüttenwarte, das spüren die Rettungskräfte. Und es stellen sich Fragen: etwa, wie wichtig auf 3000 Meter über Meer eine Laktoseintoleranz sein darf. Und ob ein Helikopter auch ein Lufttaxi ist.

Hüttenwarte berichten von Gästen, die immer anspruchsvoller auftreten. Die sich nicht bewusst sind, dass SAC-Häuser keine Hotels mit warmer Dusche und WLAN sind, sondern zweckmässige Unterkünfte, in denen die Bettwäsche nicht öfter als ein paar Mal pro Jahr gewaschen wird. Die Präsidentin des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) erklärte vor einem Jahr in einem Interview, woran das liegt: Die Hütten sind zunehmend nicht nur Zwischenhalt für eine Nacht, sondern das eigentliche Ziel der Bergwanderung. Und werden so zum Happening, das sich nicht mit Matratzen­lagern und kratzigen Wolldecken ­verträgt.

Eine Entwicklung, die der SAC teilweise selber angestossen hat: Seit der Jahrtausendwende hat er viele seiner Unterkünfte renoviert, hat Plumpsklos gegen geruchsfreie Trockentoiletten ausgetauscht. Viele Hüttenwarte passten ihr Angebot an. Die Silvretta-Hütte etwa veranstaltet auf 2341 Meter über Meer ein Wine and Dine mit Fünfgangmenü.

Extra-Menü wegen Laktoseintoleranz

Und die Berghäuser, vorher zunehmend verwaist, füllten sich wieder: mit Bikern, Familien, Ausflüglern. Nur: Viele unter ihnen sind mit dem Hütten-Knigge nicht vertraut, wissen etwa nicht, dass um 22 Uhr Schlafenszeit ist. Regelmässig gibt es Konflikte zwischen Bergsteigern, die sich in ihrer Nachtruhe gestört fühlen, und Genusswanderern, die abends noch ein Glas Wein trinken.

Andere fordern die Hüttenwarte mit extravaganten Menüwünschen heraus. Und damit sind nicht die Vegetarier gemeint. Der Betreiber der Monte-Rosa-Hütte berichtete im «Walliser Boten» von einer Veganerin, die den Milchschlauch der Maschine komplett gereinigt haben wollte, bevor sie sich einen Kaffee servieren liess. Manche verlangen wegen Laktoseintoleranz ein Extra-Menü – und vergessen dann ihre Lebensmittelunverträglichkeit beim Anblick eines Kuchens, der frisch aus dem Ofen kommt. Oder verstehen nicht, warum sie für Spezialwünsche einen Aufpreis bezahlen sollen.

«Wie viel kostet es, wenn ihr mit dem Helikopter kommt?»

Doch es geht nicht nur um den Anstand, den manche Freizeitsportler beim ersten Gipfelkreuz zurücklassen. Das stärkere Publikumsaufkommen spüren auch die Alpinretter. Mehr Menschen in den Bergen bedeutet auch: mehr unerfahrene Wanderer. Das weiss der Bündner Bergführer Forti Niederer, der während 32 Jahren die Rettungsstation Prättigau geleitet hat. «Erst kürzlich mussten wir einen Alpinisten holen, der sich nur 100 Meter unter der Bergstation befand. Er konnte einfach nicht mehr. Er gestand, er gehe eben nur einmal im Jahr wandern», sagt er.

Niederer, heute 62, schaute schon als Bub zu, wie sein Vater als Retter aufgeboten wurde, und hat in den letzten drei Jahrzehnten ziemlich alles gesehen, was in den Bergen an Notsituationen denkbar ist. Die allermeisten Fehler, sagt er, würden Alpinisten aus einem simplen Grund begehen: zu wenig Übung und zu wenig Erfahrung. «Heute hat jeder ein Handy im Sack. Manche verleitet das dazu, sich schlecht vorzubereiten», sagt er.

Heisst: Sie achten nicht darauf, ob der Wanderweg rot (mittelschwer) oder blau (anspruchsvoll) ist. Oder nehmen keine Karte mit Höhenmeterangaben mit. Google Maps hilft dann wenig, wenn die angepeilte Hütte immer hinter dem nächsten Hügel verschwindet.

«Gewisse Leute denken, ‹ich bin doch gut versichert und Rega-Gönner, also habe ich Anspruch auf einen Heli.›»Diego Lareida, Leiter Notrufzentrale 144 des Kantons Wallis

Die meisten Hobby-Alpinisten sind sich bewusst, dass eine Bergtour nicht dasselbe ist wie ein Ausflug an den See. Sie bereiten sich vor, planen Alternativrouten ein, falls das Wetter umschlägt. Aber eben nicht alle. Und dann wird es rasch aufwendig und teuer.

Diego Lareida leitet die Notrufzentrale 144 des Kantons Wallis. Auch er hat in diesen Tagen mehr als gewöhnlich zu tun. An Spitzentagen gehen bis zu 20 Notrufe ein, die einen Helikoptereinsatz erfordern. Oft geht es um Abstürze oder andere Unfälle – doch immer wieder müssen die Suchtrupps verirrte, erschöpfte, überforderte Freizeitsportler bergen und ins Tal fliegen.

Bis zu zwei solcher Evakuationsnotrufe gehen täglich ein. In manchen Fällen lehnt dann die Notrufzentrale – in Absprache mit Rettungschef und Helikopterbesatzung – einen Einsatz ab. Etwa wenn Alpinisten auf 4000 Meter den Helikopter aufbieten, weil sie Angst bekommen beim Eindunkeln. «Da müssen wir manchmal sagen: Eine solche Situation rechtfertigt es nicht, dass wir einen Helikopter schicken», sagt Lareida.

Wer sich auf solche Höhen begebe, dem sei zuzumuten, notfalls eine Nacht im Gebirge zu verbringen, sofern keine akute Gefahr drohe. «Wir sind kein Taxiservice», sagt Lareida. «Gewisse Leute denken, ‹ich bin doch gut versichert und Rega-Gönner, also habe ich Anspruch auf einen Heli.›»

«Wir sind kein Taxiservice», diesen Satz wiederholt auch Sara Fux am Telefon. Sie ist Medienbeauftragte der Air Zermatt, jener Helikoptergesellschaft, die die Zentrale 144 bei Notfällen oft aufbietet. Man sensibilisiere Berggänger, weise sie etwa darauf hin, dass die letzte Bahn ins Tal an vielen Orten schon um 17 Uhr fährt. Die meisten würden sich daran halten.

Und doch hat Fux erlebt, dass Wanderer den Notruf wählten, um dann zu fragen: «Wie viel kostet es, wenn ihr mich mit dem Helikopter holen kommt?»

Nicht alle Geretteten sind dankbar

Eine entscheidende Frage. Die Fux nicht beantworten will. Eben: «Ein Helikopter ist kein Taxiservice.» Am Berg gibt es nur Notfälle, keine fixen Tarife. Zwischen «ein- und mehreren Tausend Franken» koste ein Rettungseinsatz aus der Luft, so viel gibt Fux preis.

Bei selbst verschuldeten Zwischenfällen ohne Verletzung – etwa wenn ein Wanderer die letzte Talfahrt verpasst – müssen die Geretteten selber für die Kosten aufkommen. Was, wenn ein ausländischer Tourist heimreist und hohe Rechnungen offenbleiben? Air Zermatt versuche wenn immer möglich, direkt via Kreditkarte einzukassieren, sagt Fux.

Was passieren kann, wenn die Rechnung unerwartet hoch ausfällt, zeigte im Frühling eine unschöne Episode in Tirol. Zwei deutsche Wanderer hatten sich im dichten Schneetreiben verirrt und mussten – unterkühlt und erschöpft – geborgen werden. Anstatt mit einem Dankeschön reagierte einer der Männer, ein Anwalt, mit der Androhung einer Klage. Er wollte die Rechnung über 2261 Euro nicht bezahlen. Begründung: Der 15 Mann starke Suchtrupp sei überdimensioniert gewesen. Erst als eine Welle der Empörung über ihn hereinbrach, beglich er die Rechnung.

Solch extreme Fälle hat der Bündner Bergführer Forti Niederer nicht erlebt. Aber dass die Leute nicht «usinnig dankbar» seien, doch, das komme vor. Von einigen hört er nichts mehr, wenn er sie im Tal abgeladen hat, andere bedanken sich mit Briefen. Was er da manchmal erlebe, das seien «recht flotte Reaktionen». Immerhin.



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Erstellt: 10.08.2019, 18:02 Uhr

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