Die grössten Verursacher von Mikroplastik in der Übersicht

Die grösste Quelle von Plastikpartikeln wurde bisher ausser Acht gelassen: Der Abrieb von Autoreifen.

Ein Chevrolet-Fahrer zelebriert nach seinem Rennsieg ein Burnout der Reifen: Der Abrieb ist am höchsten beim Bremsen, Bergauffahren und in Kurven. Foto: Getty Images

Ein Chevrolet-Fahrer zelebriert nach seinem Rennsieg ein Burnout der Reifen: Der Abrieb ist am höchsten beim Bremsen, Bergauffahren und in Kurven. Foto: Getty Images

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Kosmetika galten bis vor kurzem als wichtige Bösewichte in Sachen Mikroplastik: kleinste Kunststoffteilchen, die Shampoos, Feuchtigkeitscremes oder Peelings beigemischt werden. Sie gelangen via Abwasser in die Umwelt und früher oder später in die Nahrungskette. In die gleiche Kategorie gehören kleinste Plastikteilchen, die sich beim Waschen von synthetischen Textilfasern lösen.

Inzwischen wird allerdings klar, dass Partikel von Spiel- und Sportplätzen, Fahrbahnmarkierungen und Schuhsohlen sowie Partikel, die bei der Abfallentsorgung freigesetzt werden, quantitativ viel bedeutender sind. Die weitaus grösste Menge jedoch entsteht durch den Abrieb von Autoreifen.

Gemäss einer Analyse des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik von 2018 produzieren Deutsche jedes Jahr pro Kopf vier Kilogramm Mikroplastik, der bei Produktion oder Gebrauch entsteht. Reifenabrieb macht mit fast einem Drittel den grössten Anteil aus. Zu ähnlichen Grössenordnungen kam kurz davor ein Bericht für die Europäische Kommission.

Die Zahlen dürften in der Schweiz gleich sein. Und so beginnt man die Bedeutung von ­Mikrogummi auch hierzulande zu realisieren. «Die Erkenntnisse und das konkrete Bewusstwerden über den Reifenabrieb als Haupteintragsquelle sind relativ neu», schreibt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) auf Anfrage.

Nachweis von Mikroplastik in menschlichen Stuhlproben

Heute finden sich die als Mikroplastik bezeichneten Kunststoffpartikel mit einem Durchmesser unter fünf Millimetern in den abgelegensten Ecken der Erde. Vor einem Jahr wiesen sie österreichische Forscher sogar in mensch­lichen Stuhlproben nach. Was Umwelt- und gesundheitliche Risiken sein könnten, wird erst erforscht. Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) gab vor einem Monat eine erste Entwarnung: In Europa seien «aquatische Organismen zurzeit (noch) nicht akut gefährdet», schrieb das Team um Bernd Nowack in der «weltweit ersten Risikoabschätzung für Mikroplastik in Seen und Flüssen».

Derzeit leitet der Empa-Forscher eine vom Bafu finanzierte Studie, die Quellen und Eintragswege verschiedener Plastiksorten in die Umwelt in der Schweiz identifizieren und quantifizieren soll. Doch auch in dieser bald abgeschlossenen Untersuchung wird der Reifenabrieb nicht berücksichtigt. Nowack hat deswegen eine weitere Studie initiiert, die das untersuchen soll. «Wir haben gemerkt, dass Abrieb in der ganzen Diskussion ein wichtiges Material ist», sagt er.

In Reifen hat es auch Metall, Russ, Öl, Harze

Wo und wie viel Mikrogummi in Umwelt und Lebewesen vorhanden sind, weiss heute niemand genau. Der Grund: Es gab bis vor kurzem keine Methode, mit der sich die Gummipartikel in Umweltproben nachweisen liessen. Bisherige Werte zur Umweltbelastung durch Reifenabrieb basieren auf Schätzungen und sind entsprechend ungenau. Erst Anfang 2019 hat die deutsche Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung erstmals die Entwicklung eines Nachweistests bekannt gegeben.

Bei den Reifen standen bis jetzt nicht Kunststoffe im Vordergrund, sondern andere Bestandteile. Die Mischungen aus verschiedenen Arten von natürlichem und synthetischem Kautschuk sowie Trägermaterialien wie Nylon oder Viskose machen nämlich nur knapp die Hälfte der Reifen aus. Andere Bestandteile sind Metalle, Russ, Öle, Harze und diverse Chemikalien.

«Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit der Giftigkeit dieser Substanzen beschäftigen», erklärt Nowack. «Nach den gesundheitlichen und ökologischen Effekten des Gummis hat hingegen bis jetzt noch niemand gefragt», sagt Nowack weiter. Ein beträchtlicher Teil des Abriebs gelangt mit dem Strassenabwasser in die Kanalisation und so in die Kläranlagen. Eine europäische Analyse von 2018 schätzt aber, dass rund die Hälfte des Mikrogummis in den Boden gelangt. «Ein Teil wird sicher auch über die Luft weiträumiger verteilt», sagt Nowack.

«Vorsichtiges Fahren macht extrem viel aus»

Beim Bafu findet man es noch zu früh, um über konkrete Reduktionsmassnahmen zu reden: Es sei «noch zu wenig bekannt über das Ausmass und die effektive Belastung der Umwelt». In Deutschland geht man das Thema derweil offensiver an. «Beim Umweltministerium werden derzeit intensive Diskussionen geführt», sagt Ilka Gehrke vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik. Die Reifenhersteller seien alarmiert.

Auch wenn die Folgen für Umwelt und Gesundheit noch zu wenig untersucht sind, ist für Gehrke klar: «Gummiabrieb gelangt in grossen Mengen in die Umwelt, findet sich überall und reichert sich an.» Im Sinne der Vorsorge müsse man das unbedingt in den Griff bekommen. Etwa durch optimierte Reifenzusammensetzungen, zum Beispiel mit biologisch abbaubarem Material. Das Problem dabei: Der Reifenabrieb entsteht durch Reibung, ohne die es weder Bodenhaftung noch Bremswirkung und letztlich kein Autofahren gäbe.

«Ohne Reibung gleitet das Auto auf dem Boden», sagt Gehrke. Entsprechend ist der Abrieb am höchsten beim Bremsen, Bergauffahren und in Kurven. Mit der Fahrweise liesse sich am einfachsten Mikroplastik von Autoreifen vermeiden. «Vorsichtiges Fahren macht extrem viel aus», so die Fraunhofer-­Forscherin. Sie sieht deshalb auch im autonomen Fahren Potenzial, den Reifenabrieb deutlich zu redu­zieren.

Erstellt: 15.06.2019, 22:37 Uhr

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«Die Hersteller steigen sofort um, wenn Druck gemacht wird»

Der Befund, dass Reifenabrieb die wichtigste Quelle von Mikroplastik ist, stammt insbesondere von einer Studie eines deutschen Fraunhofer-Instituts aus dem Jahr 2018. Die Forscher identifizierten durch Befragungen von Experten und Laien Quellen von Mikroplastik, das durch Herstellung oder bei der Nutzung entsteht. Kunststoffpartikel, die durch Verwitterung von Makroplastik in der Umwelt entstehen, wurden ausgeklammert.

Die Mengen wurden anhand von Marktdaten und experimentellen Studien geschätzt. «Es wird deutlich, dass die häufig in den Medien sehr präsenten Quellen aus Kosmetik und Textilwäsche in unserer Auflistung bei weitem nicht die grössten sind», heisst es in dem Bericht. Das Hauptaugenmerk müsse «auf den Bereich Verkehr, Infrastruktur und Gebäude gelegt werden». Fraunhofer-Forscherin Ilka Gehrke fand bei der Untersuchung einer grösseren Anzahl von deutschen Kosmetikprodukten sogar kein Mikroplastik: «Die Hersteller sind extrem pragmatisch und steigen sofort um, wenn Druck gemacht wird.»

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