«Wenn die Leute mit einer Antwort happy sind, fühle ich mich gut»

How-to-Videos, Haushaltstipps und Lebenshilfe – auf Websites geben Nutzer gratis und franko Ratschläge.

Daniel Schwarz und Astrid Garigiet: Er hilft bei Tauch- und Töff-Problemen, sie bei Burn-out- und in Erziehungsfragen. Foto: Sebastian Magnani

Daniel Schwarz und Astrid Garigiet: Er hilft bei Tauch- und Töff-Problemen, sie bei Burn-out- und in Erziehungsfragen. Foto: Sebastian Magnani

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Das Internet ist im letzten Jahr arg in Verruf geraten – als ein Tummelplatz der Hacker und Trolle, wo jeder seinem Unmut freien Lauf lässt, ungeniert in Kommentarspalten pöbelt und jedes Würstchen im Schutz der Anonymität andere beleidigt. Dabei geht gern vergessen: Das Netz kann auch anders. Viele Menschen tun dort Gutes, helfen, bilden oder unterhalten. Unentgeltlich, einfach so. Profitieren tun wir alle, wenn wir auf einer Tippseite erfahren, wie man Fondue-Geruch loswird oder ein Hobbykoch im Video Pizokel macht. Und es werden immer mehr.

Zum Beispiel auf Quora, einer im Jahr 2009 in den USA gegründeten Wissensplattform, auf der jede und jeder zu wirklich allem Fragen stellen oder beantworten kann. Die Seite zählt über 200 Millionen Besucher im Monat, seit Sommer gibt es auch eine deutsche Version: «Unsere Mission ist es, Wissen weltweit untereinander auszutauschen und zu vermehren», heisst es auf Quora.com.

Über 3000 Fragen beantwortet

Einer, der mitmacht, ist der Zürcher Daniel Schwarz. Der IT-Fachmann schreibt Antworten auf Fragen wie «Welche letzten Tipps hast Du für jemanden, der in diesem Moment nervös zu einem ersten Date geht?» oder «Werden die Kopfhörerbuchsen bis 2020 aus den Smartphones verschwinden?»

Dafür greift er täglich etwa zwei Stunden in die Tasten, tippt manchmal in der Mittagspause, abends oder auch am Wochenende. Seit zweieinhalb Jahren ist er Quoraner und hat als einer der aktivsten hierzulande über 3000 Fragen beantwortet. Er ist etwa ­«Experte» in Lebenshilfe, Religion oder Tauchen, aber auch in Sachen Erziehung oder Motorräder hilft der Töff-Liebhaber gerne weiter. Seine Ratschläge sind beliebt und wurden 40 000 Mal abgerufen.

Er kennt Lebenskrisen nicht nur vom Hörensagen

«Mein Engagement bei Quora ist stark Spass-gesteuert», sagt er bei einem Treffen in einem Café in Zürich. Er mache sich gerne Gedanken und schreibe dann drauf los: «Dann tauche ich ein und bin komplett verloren für den Rest der Welt. Es könnte die Erde unter mit beben und ich würde es nicht merken.» Die Zahl der Follower, also der Nutzer, die seine Antworten abonniert haben, sei ihm nicht wichtig (knapp 1100); er finde Feedback spannend, Dialoge, die sich entwickelten.

Mit seinem «etwas lustigen ­Lebenslauf» – er ist Anglist, hat zudem Psychologie studiert, kümmerte sich in Banken und Versicherungen um Datenbanken und Kommunikation, verdiente seine Brötchen viele Jahre als Securitas-Wächter und kennt Lebenskrisen nicht nur vom Hörensagen – fühle er sich prädestiniert, mit seiner Lebenserfahrung andere, oft jüngere Menschen «auf ihrer Suche nach Glück zu unterstützen», als eine Art Mentor oder Coach. Eine rechte Portion Idealismus gehöre wahrscheinlich schon dazu, meint er, sonst würde man so was nicht machen: «Mir ist Sinn und Zweck wichtig, von dem, was ich hier tue.»

«Nicht jammern – handeln!»

Mit seinem Idealismus hat er auch seine Frau Astrid Carigiet angesteckt. Seit letzten Sommer lässt die Linguistin andere ebenfalls an ihrem Wissen teilhaben, zum Beispiel in ihrem Fachgebiet, der Logopädie. Sie traue sich aber immer mehr auch an die Themen Erziehung, Burnout und Partnerschaft heran. Ihre 132 Antworten wurden bisher 76'000 Mal aufgerufen. Wenn sie den Kopf frei kriege, tippe sie schon mal zwei Stunden am Tag, sagt sie. Haben sich die beiden nach 30 Jahre Partnerschaft schlicht nichts mehr zu ­sagen und flüchten deshalb in die Schreibarbeit? Im Gegenteil. Sie finden sich dort.

Eine weniger interaktive Form des Schreibens fordert das bekannteste, in Fronarbeit geschaffene Werk des Internets: Wikipedia. Es besser zu machen als die anderen, war für Christoph Landolt der Auslöser zum Mitschreiben: «Mich hat die schlechte Qualität vieler Artikel geärgert. Irgendwann habe ich beschlossen: nicht jammern – handeln!» Das war vor rund zehn Jahren. Seither schreibt der 51-jährige Sprachwissenschaftler, der auch als Redaktor am Schweizerischen Idiotikon mitarbeitet, Artikel zu seinem Fachgebiet, aber auch zu Sachkultur und Volkskunde, Staats- und Verwaltungsrecht und anderem. Wie viel Zeit er für ­Wikipedia aufwendet, will er lieber nicht zusammenzählen, «aber eher zu viel».

Menschen wie Daniel, Astrid oder Christoph gibt es viele im Web. Sie geben Rat im Haushalt auf Fragmutti.de, teilen ihre Wanderrouten, helfen beim Coden, unterstützen und lassen andere an ihrer Erfahrung teilhaben, stellen Bastel- und Anleitungsvideos auf Youtube, gründen und moderieren Facebook-Gruppen, produzieren Podcasts oder Apps zum Herunterladen. Alles ehrenamtlich.

Überlebenstricks für «extrem extrovertierte Menschen»

Wie ist das möglich? Reine Selbstlosigkeit gibt es nicht. Fragt man bei den guten Seelen direkt nach, ist nebst dem Spass am kreativen Tun die Community ein wichtiger Bestandteil. Es entstünden mit der Zeit Beziehungen zu anderen Nutzern, sagt Quoraner Schwarz, und man lerne spannende Leute kennen, etwa die Ordensschwester in Jerusalem, mit der er inspirierende Unterhaltungen pflege.

Die 20-jährige Bauingenieur-Studentin Karin Yu aus Zürich wiederum will sich revanchieren: Es gebe so viele hilfreiche Antworten, da möchte man auch gern etwas beitragen. Seit Sommer schrieb sie 72 Mal zu den Themen «Studium» oder «Bücher», vor allem aber zu Lebensfragen wie «Welches sind für extrem introvertierte Menschen die besten Überlebenstricks?» Sie hält sich durchaus für kompetent in solchen Sachen. Zwar habe sie keine Ausbildung in Psychologie: «Aber ich falle unter die Kategorie ‹junge Erwachsene›, weiss, wie es ist, seinen Platz in der Gesellschaft zu suchen, und versuche, aus meiner persönlichen Sicht Tipps zu geben.» Damit geht Yu die Sache eher untypisch für eine Schweizerin an. Denn während man in den USA schnell als Experte in irgendetwas gelte, sehe man in Deutschland oder Schweiz gern einen Abschluss, weiss Quora-Managerin Kerstin Ewelt.

Hüben wie drüben indes geben die Leute denselben Grund an, ­warum sie mitschreiben: «um zu helfen». Das deckt sich mit der Aussage von Daniel Schwarz: «Wenn die Leute mit einer Antwort happy sind, fühle ich mich einfach gut, das reicht.»

Freiwillige sind so, besagen zumindest die Resultate des Schweizer Freiwilligen-Monitors 2016 der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG). Gemäss diesen Zahlen, für die im Jahr 2014 erstmals auch die Online-Freiwilligenarbeit untersucht wurde, engagiert sich rund ein Viertel der in der Schweiz wohnhaften Bevölkerung ehrenamtlich im Internet.

Die ETH-Bibliothek stellt alte Fotos ins Netz

Besonders aktiv ist die junge Generation. «Die Motivation liegt bei allen Menschen in der Suche nach einer sinnvollen Aufgabe, die auch Freude bereitet», sagt Lukas ­Niederberger, Geschäftsleiter der SGG. Junge Leute suchten zusätzlich nach Möglichkeiten, fachliche und soziale Kompetenzen zu erwerben und sich eine Reputation schaffen. Und man finde im Netz auch Gemeinschaft. Zudem komme die Online-Freiwilligkeit dem Bedürfnis nach spontanen, orts- und zeitunabhängigen Engagements entgegen: «Die Internet-Freiwilligenarbeit wird klar zunehmen, auf allen Altersstufen.»

Zudem hat Freiwilligkeit im Internet eine lange Tradition, ist es ­ursprünglich doch aus dem Bedürfnis der Unis heraus entstanden, Forschungsresultate zu teilen. Das schlägt sich noch heute im Open-Source-Gedanken nieder, also der Überzeugung, Software nicht für Geld zu entwickeln, sondern s­eine geistige Arbeit zum Nutzen aller frei zu Verfügung zu stellen, um zusammen zu einem besseren ­Endergebnis für alle zu gelangen. Von hier ist es ein kleiner Schritt zu ­Online-Tausch-Portalen oder zur Crowd-Funding-Idee, bei der ­viele Geld für ein Projekt zusammenlegen.

Laien entschlüsseln historische Fotos

Beim Crowdsourcing wiederum nutzt man das ehrenamtliche Kollektiv, wie zum Beispiel beim Projekt «Wissen Sie mehr?» der ­Bibliothek der ETH Zürich. Dort zapft das Bildarchiv Laienwissen an, um herauszufinden, was auf einem historischen Foto zu sehen ist. Die Bibliothekarin stellt jede Woche Bilder in den Blog und zählt auf freiwillige Helfer. Ins­gesamt sind seit eineinhalb ­Jahren 35'026 Hinweise von 863 Hobby-Rechercheuren ein­gegangen.

Eine davon ist Katrin Librez, 55. Die HR-Frau wendet pro Woche nebst Arbeit und Enkelkindern etwa vier Stunden ihrer Freizeit fürs Bilderknobeln auf. Sie finde das Prinzip des Crowdsourcing grossartig, weil das Wissen vieler Menschen, das sonst vielleicht nie abgeholt würde, gesammelt und vereint werde. Oder wie Schwarz sagt: «Es ist ein gutes Gefühl, ­gemeinsam etwas verbessern zu können.»


«Das waren für mich die Bilder des Jahres»

Bildredaktor Boris Müller über Trumps Fake-Triumph und den berührenden Abschied von toten Rockstars.


(SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.12.2017, 17:33 Uhr

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