Abtreten, marsch!

Das Dienstbüchlein hat ausgedient, es soll in seiner jetzigen Form verschwinden. Ein Blick in die Büchlein prominenter Schweizer – von Mike Müller bis General Guisan.

1982 in Olten als Motorradfahrer ausgehoben: Mike Müller mit seinem Dienstbüchlein. Foto: Michele Limina

1982 in Olten als Motorradfahrer ausgehoben: Mike Müller mit seinem Dienstbüchlein. Foto: Michele Limina

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Roger Federer schaltet seinen Anwalt ein, als man sich bei seinem Management erkundigt, ob man Einblick in das Dienstbüchlein des Tennisstars nehmen darf: Es könne nicht zur Verfügung gestellt werden, man bitte um Verständnis. Wer nun meint, Federers Reaktion sei geheimniskrämerisch oder sonst wie uncool, irrt sich: Das Dienstbüchlein darf nur für militärische Zwecke genutzt werden. Alles andere ist strafbar.

Das Büchlein, das jedes Jahr bei der Aushebung an Tausende junge Männer und einige Frauen ausgehändigt wird, darf nicht weitergegeben werden. Und es dürfen auch keine Angaben daraus an Dritte mitgeteilt oder publik gemacht werden. So steht es in den «Weisungen zum Dienstbüchlein». Insofern war Federers Reaktion völlig korrekt. Wie nicht anders zu erwarten bei einem Mann, der von der Armee zwar als dienstuntauglich eingestuft wurde, aber sonst das perfekte Leben führt.

Mike Müller behauptete, er sei schwul – und wurde untauglich

Mit dem Dienstbüchlein wird aber ohnehin bald Schluss sein: Im Dezember nahm nach dem Nationalrat auch der Ständerat die Motion zur Abschaffung des papierenen Dienstbüchleins an. Zukünftig soll es digital geführt werden.

Was für ein Blödsinn, werden viele sagen, die Dienstbüchlein ihrer Väter und Grossväter aufbewahrt haben; darin zahlreiche Diensttage, die in der Zeit der beiden Weltkriege angesammelt wurden. Oder all jene, die auf Grundlage ihres eigenen Büchleins den Kindern beweisen wollen, dass sie viel schlanker und sportlicher waren. Denn auch das Körpergewicht, die Grösse und die Ergebnisse bei der Aushebung sind im Dienstbüchlein notiert. Selbst die Büchlein von Ausgemusterten und Dienstuntauglichen sind interessant, weil darin für jedes Jahr der bezahlte Wehrpflichtersatz aufgeführt wird. Dieser wiederum erlaubt – da lohnabhängig – Rückschluss auf den Verdienst.

Wahrscheinlich das bekannteste Dienstbüchlein
Max Frisch leistete über 600 Diensttage, den Grossteil davon im Aktivdienst. 1974 erschien seine «Dienstbüchlein», eine Auseinandersetzung mit der Schweiz und ihrer Armee während des Zweiten Weltkriegs, von der Frisch sich selbst nicht aussnahm: «Ich wagte nicht zu denken, was denkbar ist», heisst es da. «Gehorsam aus Stumpfsinn, aber auch Gehorsam aus Glauben an eine Eidgenossenschaft. Ich wollte ja als Kanonier, wenn's losget, nicht draufgehen ohne Glauben. Ich wollte nicht wissen, sondern glauben. So war das, glaube ich.» (Foto: Max Frisch-Archiv, ETH Zürich)

Das «Schnöigge» in fremden Dienstbüchlein soll verboten sein? Das war selbst der Schweizer Armee nicht hundertprozentig klar, bevor die SonntagsZeitung vom VBS die Rechtslage abklären liess: Die Weitergabe der Büchlein und der darin enthaltenen Daten verstösst gegen das Gesetz. Dennoch haben wir Mutige gefunden, die sich in der guten alten Tradition eines Winkelrieds dem Rechtsbuchstaben widersetzen – und uns zeigen, was in ihren Büchlein steht. Allen voran der Schauspieler Mike Müller, 1982 in Olten als Motorradfahrer ausgehoben.

Nach zehn Tagen durfte Müller bereits wieder nach Hause: «Ich behauptete, ich sei schwul.» Und wurde für untauglich erklärt. Behalten hat Müller sein Dienstbüchlein trotzdem, obwohl er sagt, er habe keine emotionale Beziehung dazu. Zur Armee hingegen schon: Das Schweizer Militär sei eine «sehr bequeme Institution», Müller fordert eine Berufsarmee (lesen Sie weiter unten das grosse Armee-Interview mit dem Satiriker).

Die Daten können künftig ausgedruckt werden

Die entscheidende Motion zur Abschaffung des Dienstbüchleins stammt von FDP-Nationalrat Marcel Dobler. Der Gründer von Digitec und heutige Miteigentümer von Franz Carl Weber ist alles andere als ein Armeegegner: Dobler war Militärpolizeigrenadier, später – als er im Zehnkampf Schweizer Meister wurde – bei den Sportsoldaten. Heute ist er Mitglied der Sicherheitskommission, setzt sich für den neuen Kampfjet und die Erhöhung des Armeebudgets ein.

Dobler ist zugleich ein Kämpfer für Effizienz und gegen unnötige Bürokratie. Denn dafür steht für ihn das alte Dienstbüchlein: «Es gibt bis heute bei der Armee keine zentrale Datenbank, in der alle Angaben erfasst werden. Teils werden die Daten der Soldaten doppelt, teils nur in den Dienstbüchlein geführt. Wenn man das Büchlein mal vergisst oder verliert, hat man ein Problem.» Mit einer Datenbank liesse es sich lösen, die Effizienz steigern und Kosten sparen. Also etwas, was sonst von der Armee immer gefordert wird.

Marcel Dobler hat zwar Verständnis, dass jemand gern ein Dienstbüchlein besitzt, wenn er «Ausserordentliches» in der Armee geleistet hat, etwa im Aktivdienst. Dobler selbst ist aber kein «Sammlertyp» und bei Dienstdokumenten kein Nostalgiker: Sein eigenes Dienstbüchlein hat der 38-Jährige nach Absolvierung seiner Militärzeit entsorgt. Und er fragt auch alle Verteidiger des Dienstbüchleins, wie oft sie dieses anschauen. «Ist es das Ziel, es mal den Enkeln zu zeigen? Oder ist es nur wichtig, zu wissen, dass man eines hat?» Wenn jeder Armeeangehörige dereinst ein Log-in hat, dann lassen sich – so Dobler – «die Daten ganz einfach zu Hause am Computer ausdrucken».

Doppelseite in Max Frischs Dienstbüchlein
Frischs Armeeeinsätze wurden wiederholt in Zweifel gezogen. «Könnte nicht einmal ein junger Historiker oder Absolvent der Militärschule anhand der Einteilung von Max Frisch eine genaue Liste der Aktivdiensteinsätze von Max Frisch machen?», fragt «Subversivenjäger» Ernst Cincera 1976 in einem Brief. Ein ehemaliger Fourier hätte ihm einmal erzählt, Frisch habe «dank Abkommandierungen bequem gelebt»: Der Autor sei meistens «in einem Einzelzimmer untergebracht gewesen – von Vorgesetzten mit gebührendem Respekt behandelt …» Sein eigener Respekt für Frisch sei «gleich null», so Cincera. (Foto: Max Frisch-Archiv, ETH Zürich)

Marcel Dobler weiss, dass sein Vorstoss zur Abschaffung des Dienstbüchleins etwas quer in der Landschaft steht. «Als Nationalrat wurde ich ja eigentlich nicht gewählt, um ins Operative der Armee einzugreifen. Ich stelle aber fest, dass mein Vorstoss zum Ansporn genommen wurde, auch andere Bereiche der Armee durch Digitalisierung effizienter zu machen.» Etwa die Zigtausenden Gesuche zur Dienstverschiebung, die jedes Jahr bei der Armee eingereicht werden. Achtzig Prozent der Zeit könnten mit einem elektronischen Gesuchssystem gespart werden, so Dobler. Und so lancierte der FDP-Nationalrat auch dafür einen Vorstoss, zog ihn aber zurück, als die Armee das Projekt selbst in Angriff nahm: Schon im nächsten Jahr soll das Einreichen und Bearbeiten der Gesuche elektronisch möglich sein.

Alles viel einfacher, findet Dobler. Und übersichtlicher. «In meinem Dienstbüchlein wurde alles überklebt, etwa die Adresse. Es sah aus wie die Arbeit aus einem Bastelkurs.» Aber ist es nicht gerade das Wesen der Armee, ineffizient zu sein, wenn man bedenkt, wie viel Zeit man als Soldat mit Warten verbringt? Man dürfe «nicht den guten Glauben verlieren», sagt Dobler, «es gibt viele gute Leute in der Armee. Jetzt geht etwas, gerade im Bereich der Digitalisierung. Aber man muss der Armee Zeit geben.» Das heutige Dienstbüchlein wird – vermutlich – spätestens in fünf Jahren digital und damit Geschichte sein.


Mike Müller, Schauspieler

«Mein Vater hatte vor jedem WK einen wahnsinnigen Stress, musste immer verdammt viel abnehmen, damit er noch in seine Uniform passt.» Mike Müller mit Dienstbüchlein und Camouflage-Bademantel auf der Josefwiese in Zürich. (Foto: Michele Limina)

Sie haben zehn Tage im Militär verbracht. Haben Sie eine emotionale Beziehung zu Ihrem Dienstbüchlein?
Emotional ist eher die Beziehung zur Institution Armee. Das Dienstbüchlein selbst ist mir egal. Ich wurde 1963 geboren, meine Eltern sind Jahrgang 1940, da war die Armee prägend. Allein durch ihre schiere Grösse. Die Schweiz war ja im Kalten Krieg das am stärksten militarisierte Land in Europa. Inklusive Osteuropa, wenn man den Anteil Soldaten an der Gesamtbevölkerung zum Massstab nimmt. Als mein Bruder und ich Kinder waren, haben wir uns natürlich auch die Dienstbüchlein unserer Grossväter angeschaut, die aufgrund des Aktivdienstes 3000 und mehr Diensttage hatten. Bei uns war auch immer klar, wenn Militär auftaucht, dann wird den Soldaten sofort Kaffee in Pumpkrügen mit Schnaps angeboten. Eigentlich noch herzig. Instinktiv habe ich aber immer gewusst, dass die Armee nichts für mich ist. Daran hat sich dann auch nichts geändert, als ich in die RS musste.

Sie wurden 1982 in Olten als Motorradfahrer ausgehoben.
Genau, hier im Büchlein steht es ja. 1984 habe ich die Matura gemacht, im Jahr darauf mit dem Philosophiestudium begonnen. Ich musste also in die RS zu einer Zeit, in der noch nicht klar war, in welche Richtung sich das Land entwickeln wird. Auch wenn die alte Schweiz schon damals zu bröckeln begann. Zur Zäsur kam es aber erst 1989 und in den Jahren darauf, als die Schweiz nicht imstande war, 1991 ein Jubiläum zu feiern, weil man einfach auf die falschen Leute gesetzt hatte und es wegen des Fichenskandals auch noch zum Boykott der Kulturschaffenden kam. Bezeichnend für die Zeit meiner RS finde ich übrigens die Erklärungen, die auf der letzten Seite meines Dienstbüchleins in einem eingeklebten Couvert stecken.

In vielen Dienstbüchlein sind die Berufe mit Bleistift eingetragen, damit sie bei einem Wechsel ausradiert werden können. Anhand der Wehrpflichtersätze lassen sich – da abhängig vom Lohn – finanzielle Biografien rekonstruieren. Wie hier bei Mike Müller.

«Merkpunkte betreffend die Gesetze und Gebräuche des Krieges», heisst es da.
Ja, da quatschen die Militärs in einem Fort von Kameradschaft, im Wissen oder Unwissen – ich weiss nicht, was schlimmer ist –, dass genau diese Kameradschaft der Kern für all die Gräueltaten ist, die hier aufgeführt sind.

Das klingt alles noch ganz nach den bleiernen Jahren des Kalten Krieges, als man mit allen möglichen und unmöglichen Eventualitäten rechnete.
Ja, dazu eine Anekdote: Mit 19 hatte ich eine Yamaha DT, also eine Enduro-Maschine mit 125 Kubik. Als ich den Töff gekauft hatte, erhielt ich vom Militärdepartement Solothurn Benzingutscheine und eine aufklebbare Nummer, weil mein Fahrzeug im Kriegsfall requiriert, also für die Armee beschlagnahmt worden wäre. Als 19-Jähriger hat mir das brutal gestunken. Obwohl ich natürlich wusste: Falls wirklich Krieg ausbricht, wird mich noch ganz anderes anscheissen, als meinen Töff dem Staat geben zu müssen. Und es war ja alles so lächerlich. Nur schon diese Benzingutscheine, mit denen ich den Töff ins Zeughaus nach Solothurn hätte fahren können.

Die Gutscheine waren nur für den Ernstfall bestimmt gewesen?
Ja, wenn ich mit diesen Gutscheinen zur Tankstelle gegangen wäre, hätten die mich nur schief angeschaut: «Bürschchen, was stimmt nicht mit dir? Du bekommst Benzin, wenn du dafür bezahlst.» Diese Vorbereitung auf den Kriegsfall und das Wissen, dass es irgendwelche Beamten oder «Frolleins» gibt, die Listen von Motorradverkäufen abglichen, war in den 1980er Jahre noch sehr präsent. «So, jetzt gehst du ins Militär, jetzt wirst du ein richtiger Mann.» Das ist ein Satz, den ich öfters gehört hatte. Und in der RS wurden wir gefragt, was das Gewehr für den Soldat ist. Die Zürcher Juristenbuben, die unsere Offiziere waren, haben uns dann den folgenden Satz als die richtige Antwort vorgegeben: «Das Gewehr ist die Braut des Soldaten, jawoll!» Ich war zu RS-Beginn schon 21. Und für mich klar: Nein, Freunde, wenn das hier so läuft, dann geh ich lieber heim. Das ist mir zu dumm. Die Lächerlichkeit des Militärs hatte ich zudem bereits leibhaftig bei meinem Vater erlebt.

Inwiefern?
Mein Vater hatte vor jedem WK einen wahnsinnigen Stress, musste immer verdammt viel abnehmen, damit er noch in seine Uniform passt. Im Zeughaus hätte er problemlos eine neue bekommen, die ihm ohne Diät gepasst hätte.

Aber seine Eitelkeit war grösser?
Ja, es war wohl sein Ehrgeiz, dass ihm die Uniform, die er als junger Mann gefasst hatte, noch bis zu seinem letzten Diensttag passen würde. Mein Vater war 55, als er von der Armee aus dem Dienst entlassen wurde. Ich ging ihn abholen und sah, dass alle seine Kameraden das gleiche Problem hatten: Die Knöpfe sind ihnen fast weggespickt, so haben die Uniformen gespannt. Und dann kam noch so ein Quadratarschloch in einem Mercedes dahergefahren. Mit einem Trenchcoat für 5000 Stutz und sagte zum Abschied noch ein paar Worte ohne jeglichen Gehalt.

Ihr Vater wurde mit allen Ehren entlassen?
Ja, aber eigentlich hatten er und seine Kollegen zuletzt nur noch zwei Wochen im Wald gebrätlet. Auf Staatskosten. Und wahrscheinlich gab es wie immer zwei Bauern, die zu grännen begannen, weil sie wussten, die haben Frauen zu Hause, die alles stemmen müssen, wenn sie weg sind. Trotzdem durften die Armee sie nicht gehen lassen. Da merkt doch jeder, dass irgendetwas nicht stimmt.

Mike Müller in seinem Solo-Stück «Truppenbesuch» von 2013 am Theater Neumarkt. (Foto: Doris Fanconi)

Wie sind Sie vom Militär weggekommen?
Ich behauptete, ich sei schwul. Am zweiten Tag. Heute würde das wohl nicht mehr reichen. Vielleicht reichte es schon damals nicht, als ich in der RS war. Aber es geschah dann auch noch ein Fehler: Nach meinem vorgespielten Coming-out kam ich ins sogenannte KZ, gemeint war damit das Krankenzimmer. Dort sagte man mir: «Du darfst jetzt nicht mehr in die SS.» Also in die Soldatenstube. Aus irgendeinem Grund nahm mein Zug dann an, ich sei verloren gegangen und begann mich zu suchen. Acht Stunden lang.

Sie wurden wieder gefunden?
Ja, nachts um elf kamen der Kommandant, der Offizier und der Feldwebel zu mir ins Krankenzimmer. Und der Kommandant streichelte mir über den Kopf: «Geht es Ihnen gut?» Ein paar Jahre früher hätte man mich vielleicht geschliffen. Aber wahrscheinlich war die Armee schon damals moderner, als man annahm. Die haben wohl schon gemerkt, dass ich einer bin, der Schwierigkeiten machen könnte. Das bringt nichts. Heute funktioniert die Armee nicht nur in dieser Hinsicht viel besser. Da bin ich mir sicher.

Wirklich?
Ja, heute gibt es doch viele WK-Soldaten, die eine Fachhochschule absolviert haben und in ihrem Job Verantwortung übernehmen. Die kommen in die Armee, die nicht - oder zumindest weniger gut - organisiert ist als der Betrieb, in dem sie sonst arbeiten. Die sagen: «Herren, was läuft hier? Das könnt ihr nicht machen.»

Heute sind es vor allem Secondos, die in die Armee wollen.
Das ist eine Behauptung, die sehr schlüssig klingt, vor allem in einem politisch linken Umfeld. Und die Rechten hassen es, wenn man es sagt, weil sie damit zur Haltung gezwungen werden, die Dienstpflicht einzig und allein vom Schweizerpass abhängig zu machen.

Egal ob jemand ein sogenannter «Papierlischwiizer» ist, oder stolz auf einen Stammbaum verweisen kann, der sich bis zu Heidi und Wilhelm Tell zurückverfolgen lässt: alle müssen in die Armee.
Ja, aber als empirische Aussage müsste man nochmals überprüfen, ob es tatsächlich nur die Secondos sind, die in die Armee wollen. Es gehen noch immer sehr viele Leute ins Militär. Sie müssen auch. Es ist ja auch ein Zwang. Klar, es gibt viele mit Migrationsbiografie, die ins Militär gehen, aber nicht nur. Ich hatte mal einen kosovarischen Nachbar, der sich eingebürgert hatte und dann auch ins Militär ging. Der hätte problemlos sagen können, «ich habe als Kind Kriegsgreuel erlebt, das schaffe ich nicht.» Aber der wollte ins Militär, um als integriert zu gelten. Und das Machotum, das es in vielen Balkanländern gibt und sonst immer zum Problem erklärt wird, kommt in der Armee gut an. Das ist übrigens auch ein Grund, warum ich für eine Berufsarmee wäre.

Wie bitte?
Klar, ich bin ein Armeegegner. Dennoch halte ich es nicht für realistisch, dass sie während meiner Lebenszeit abgeschafft wird. Die Schweizer Bevölkerung will eine Armee. Und dann ist es halt so. Besser wäre es aber, wenn man sie vollständig professionalisieren würde.

Und dann hat man dort ein paar Militärköpfe, die niemand kontrollieren kann?
Nein, das glaube ich nicht. Wenn man nach Deutschland schaut, dann sieht man, dass dort absolut vernünftige Leute sind, die auf die Bundeswehrhochschule gegangen sind. Ich bin überzeugt, dass man das gut organisieren könnten. Dazu gehört aber auch ein Frauenanteil von über 35 Prozent.

Das würde man nie durchbekommen.
Das ist der Killer, klar. Aber nur so könnten wir das Schweizer Militär zu einer richtigen Armee machen – und uns von diesem männerbündlerischen Bubentrüppchen verabschieden, das uns so viel kostet. Und wiederholt zu solchen Debakeln führt wie zuletzt beim Duro. Das ist alles ein wenig tragisch. Wenn sie das Leuten im Ausland erzählen, verrecken die vor Lachen: «Ah, ihr braucht etwas länger!» Oder dass eine Partei mit ihren Bundesräten seit zwanzig Jahren für das VBS zuständig ist - und deren abtretender Fraktionschef sagt dann, das sei «en huere Saftladen». Das ist auch sehr schweizerisch.

Dass man das auch noch offen kritisieren kann?
Ja, wo ist denn da die politische Verantwortung? Solche Bemerkungen machen doch nur zu deutlich, dass die Schweizer Armee halt eine sehr bequeme Institution ist. Die Kohle kommt und man kann nicht messen, was genau gemacht wird.

Also macht man einfach irgendwie etwas?
Ja, und am Ende sagt man, das ist alles ein Scheissdreck, nachdem man jedes Jahr dafür mehrere Milliarden rausgejasst hat. Und das ist dann die gleiche Partei, die der Kunst die Subventionen zum Vorwurf macht. Ich bin ja zur Zeit nicht im Subventionsbusiness tätig. Aber die Theater, an denen ich arbeitete, hatten zumindest eine gewisse Eigenfinanzierung. Bei der Armee tendiert die gegen null.

«Das ist doch lächerlich!» – Mike Müller wird emotional, wenn jemand die Kameradschaft in der Armee lobt, denn für ihn ist diese etwas Hochgefährliches: «der Nukleus von Kriegsverbrechen». (Foto: Michele Limina)

Die alte Armee, die Sie noch kennenlernten, aber auch die heutige, wird gelobt, weil in der Uniform alle gleich sind und so ein Kameradschaftsgefühl entsteht.
Das Wort Kameradschaft kann ich ab einem gewissen Rang nicht mehr hören. Wenn jemand Rekrut oder Soldat ist, finde ich es okay, wenn er die Kameradschaft lobt. Aber ab der Stufe Offizier werde ich relativ rasch grantig.

Warum?
Truppenkommandanten erhalten zwei Mal im Jahr die Verantwortung für 400 bis 600 junge, gesunde, geprüfte Männer – frisch ab Lehre oder Matura –, die noch nicht im Leben stehen. Wenn man denen wenig zu essen gibt, den Schlaf entzieht, sie alle gleich anzieht und sie mit Kollektivstrafen plagt, die es nach wie vor gibt, ist es kein Wunder, dass Kameradschaft entsteht. Und allein dafür dann fünf Milliarden auszugeben? Das ist doch lächerlich!

Sie werden ja richtig emotional!
Ich weiss, ich wirke jetzt arrogant, aber ich habe diese Diskussion über die Kameradschaft auch etwas zu oft geführt. Kameradschaft ist immer der Nukleus von Kriegsverbrechen. Immer. Kameradschaft ist etwas Hochgefährliches. Die Massaker im Vietnamkrieg und auch jene, die im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht – nicht von der SS! – verübt wurden, entstanden alle aus der Kameradschaft heraus. Hochanständige Bürger liessen sich im emotionalen Trubel der Kameradschaft zu Dingen hinreissen, die sie im zivilen Leben nie und nimmer machen würden. Offiziere sollten sich wirklich die Zunge abbeissen, bevor sie dieses dumme Wort überhaupt in den Mund nehmen.

Gibt es irgendetwas Positives in Ihrem Dienstbüchlein?
Nein. Ausser, dass die Beträge für den Wehrpflichtersatz, die ich nach meiner Entlassung aus der Armee zahlen mussten, immer noch weniger sind als das, was ich im Militär für Alkohol ausgegeben hätte.

Zuletzt waren es 900 Franken, die Sie an Wehrpflichtersatz zahlen mussten, das wären gut 200 Stangen Bier.
Ja, aber im Militär geht man ja auch noch dick essen.

Sie waren bei der Aushebung 75 Kilo.
Na gut, das wüsste ich auch ohne Dienstbüchlein. Ich bin mir auch sonst nicht im Klaren, warum man solche Dokumente überhaupt aufhebt. Ich dachte immer, wenn man mal Kinder hat, dann kann man ihnen das zeigen. Kinder habe ich keine und so wird irgendwer sich mal fragen müssen, was mit meinem Dienstbüchlein und all dem Krempel geschieht, wenn es mich mal putzt. Wahrscheinlich wird fünf Tage nach der fröhlichen Beisetzung meiner Asche im Zürichsee alles auf dem Müll landen. Auch mein Dienstbüchlein.


Henri Guisan, General

Der General der Schweiz im Zweiten Weltkrieg leistete 7560 Diensttage. (Foto: Collection Château de Morges & ses musées)

Esther Girsberger, Publizistin

Esther Girsberger jasste in Bunkern mit Staatsanwälten und lernte dank dem Militär einen echten Scheich kennen – hier 1983 beim Fallschirmspringen des Corps International Sport Militär in Frauenfeld

«Bei meinem Entschied, ins Militär zu gehen, stand der soziale Aspekt im Vordergrund: ich verbrachte Wochen zusammen mit Frauen und Männern, die ich in meinem beruflichen und familiären Alltag kaum näher kennen gelernt hätte. Ich begegnete Vertreterinnen und Vertretern der verschiedensten sozialen Schichten, was mir nur gut tun konnte.

Später, als ich in den Bunkern K6 und K7 wochenlang unter Tag Dienst leistete, kam ich mit Persönlichkeiten in Kontakt, die mir vor allem in meinem journalistischen Leben sehr dienlich waren: wenn man morgens um 1 Uhr mit Staatssekretären jasst, die ebenso im Kämpfer stecken wie ich, verbindet das fürs Leben. Die militärischen Erkenntnisse waren für mich zweitrangig, da wir Frauen als Mitglieder des Frauenhilfsdienstes eine andere Position hatten.

Heute ist die Bedrohungslage eine andere als in den 1990er-Jahren und der militärische Verbund ist internationaler geworden – auch für die Schweiz. Das Führungsverständnis ist ein anderes, die Ausbildung ‹ziviltauglicher› geworden. Dennoch würde ich meinen, dass mir die gleichen Aspekte, die mich vor bald 40 Jahren überzeugt hatten, in die Armee zu gehen, noch heute auffallen würden.

Esther Girsbergers Einsatz beim CISM-Frauenfeld fand vom 3. bis 13. Juni 1983 statt, wie man in der dritten Zeile sehen kann. Von 1996 bis 2006 war Girsberger Militärrichterin.

In meinem Dienstbüchlein ist der schriftmässig kleinste Eintrag von der Bedeutung her der gewichtigste: Das «CISM Fallschirmspringen Frauenfeld» von 1983 bescherte mir nicht nur mein erstes Parfum, sondern auch meinen ersten Kontakt zu Oman. Wie es dazu kam, dass ich seitens der Schweizer Armee angefragt wurde, ob ich als ‹Soldatin für alles› (keine offizielle Militärbezeichnung) beim ‹Conseil International du Sport Militaire› (CISM) einen Diensteinsatz leisten wolle, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls rückte ich im Juni 1983 beim Internationalen Militärsport-Verband in Frauenfeld ein, um das omanesische Fallschirmspringer-Team zu betreuen. Begleitet wurde das Team durch einen Gruppenleiter namens Mohammed Al Buseidi, dem ich aufgrund seines Auftretens sofort glaubte, dass er ein Scheich war.

Meine Aufgabe hatte wenig mit Militär zu tun, auch wenn ich selbstverständlich in Uniform anzutreten hatte. Ich verhandelte mit dem Küchenchef über das Halal-Essen, begleitete das Team zur JU 52, war gar beim Flug dabei, um allfällige Sprachschwierigkeiten aus dem Weg zu räumen und klärte die Gruppe über die schweizerischen Gepflogenheiten während eines militärischen Sportwettkampfes auf.

In stundenlangen Diskussionen, vor allem abends, ergaben sich Freundschaften, wobei nur die zum besagten Scheich noch Jahre später Bestand haben sollte. Als Dank für die geleisteten Dienste erhielt ich zum Abschied des zehntägigen Einsatzes vom omanesischen Team dann eben mein erstes Parfum – ich glaube, es nannte sich ‹Moschus›. Auch so etwas erlebt man als Angehörige der schweizerischen Armee.»

Esther Girsberger, Publizistin, heute Inhaberin einer Agentur für Rednerinnen und Moderatorinnen. Girsberger leistete von 1982 bis 2004 Dienst, zuletzt zehn Jahre als Militärrichterin.


Andreas Glarner, Politiker

«Mit meinem Dienstbüchlein (siehe oben) verbinde ich viele Erinnerungen an anstrengende, aber auch schöne geleistete Diensttage. Der Eintrag über die 118 Tage Rekrutenschule ist sicher typisch für die Schweiz – aber auch der Eintrag über die Abgabe der persönlichen Waffe – sie zeigt ein enormes Grundvertrauen des Staates in seine Bürger.

Alle für die Verteidigung unseres Landes wichtigen Aufgaben im Rahmen meiner Truppengattung (Festungstruppen) sowie Handlungsanweisungen etc. habe ich gelernt und trainiert. Damit verbunden waren gerade im Rahmen meiner Aufgabe (Maschinist) sehr viele interessante technische Aufgaben wie Bedienung von Notstromaggregaten, Lüftungs-, Entfeuchtungs-, Wasser- und Abwasseranlagen sowie der allgemeine Unterhalt der technischen Anlagen innerhalb einer Festung.

Im Militär habe ich nebst der Technik sehr Vieles fürs Leben gelernt: Ordnung, Disziplin, Kameradschaft, Vaterlandstreue und Geheimhaltung.

Leider erfüllt unsere Armee zur Zeit keineswegs mehr ihre Aufgabe. Mehrere Bundesräte (ja, leider auch unsere) haben die Armee an die Wand gefahren. Wir wären heute – trotz klarem Auftrag in der Verfassung – kaum mehr in der Lage, unser Land ernsthaft zu verteidigen.

Zu meiner aktiven Zeit war die Schweiz in der Lage, rund 600‘000 Mann innert 48 Stunden vollständig ausgerüstet zu mobilisieren. Von dieser für die Verteidigung auch wichtigen dissuasiven Wirkung sind wir weit entfernt. Würde die Armee heute für einen Aktivdienst aufgeboten, wären wohl kaum zwei Drittel des Bestandes willens und in der Lage, rechtzeitig einrücken – traurig, aber wahr!»

SVP-Nationalrat Andreas Glarner (56), Gefreiter, im Sport «genügend».

Friedrich Dürrenmatt, Schriftsteller

Im Kugelstossen war er Spitze: Autor Friedrich Dürrenmatt (Foto: Schweizerisches Literaturarchiv, Bern)

Friedrich Dürrenmatt beschreibt sich – in seinen «Stoffen» – «als linkischer Rekrut, unfähig, an der Kletterstange mehr als zwei Meter hoch zu kommen, selbst das ‹Helmabnehmen› machte mir Mühe, so dass ich zur Strafe nur mit Turnhose und Helm bekleidet Sport treiben musste. Die Ausbildung war blödsinnig, Drill, Gebrüll und eine endlose Schuhputzerei vor dem Hauptverlesen.» Aus Dürrenmatts Dienstbüchlein kann man entnehmen, dass er gar nicht so schlecht im Sport war, wie er vorgab. Zumindest nicht im Kugelstossen, wo er die Bestnote erreichte.

Vom verhassten Militärdienst befreien konnte sich Dürrenmatt – so zumindest seine eigene Darstellung –, indem er auf dem Kasernenhof Briefträger statt Offiziere grüsste, worauf er in den Hilfsdienst versetzt wurde, seiner Augen wegen. «In Wirklichkeit war die Armee wohl froh, mich loszuwerden, im Hilfsdienst konnte ich ihr moralisch weniger schaden.» Bevor sich Dürrenmatt von der Armee verabschieden konnte, musste er noch ins Büro des Kommandanten. «Ich gab ihm mein Dienstbüchlein. Er brüllte, wenn Hitler dann komme, sei es meine Schuld. Endlich hatte ich seine Unterschrift, er murmelte noch etwas vor sich hin, ein alter Mann ohne jede Chance zum Heldentum, wie das Land, das er vertrat.»

Josef Lang, GSoA-Vorstand

Josef Lang verweigerte 1994 die Teilnahme an einem Ergänzungskurs, um die Einführung des Zivildienstes zu beschleunigen. Die darauf folgende Verurteilung durch das Militärgericht ist in seinem Dienstbüchlein vermerkt.

«Seit meinem 17. Altersjahr bin ich Antimilitarist. Ich ging 1974 in die RS unter dem Eindruck des Militärputsches in Chile ein Jahr zuvor. Chile galt als sehr europäisch. Wir hatten daraus die Lehre gezogen, dass es wichtig ist, Soldaten unabhängig von der Hierarchie zu organisieren. Um dies zu tun, ging zur Verfügung der Militärjustiz aus der RS - aber nicht aus der Armee! - ausgeschlossen; im Juni 1975 wurde ich zu vier Monaten bedingt auf vier Jahre verurteilt.

Als Delikt wurde mir die «Aufforderung zur Verletzung von Dienstvorschriften» vorgehalten. Tatsächlich hatte ich in der Rekrutenzeitung in einem Artikel mit dem Titel «Die demokratischen Rechte in der Armee» den lakonischen, historisch-empirischen Satz geschrieben: «Die demokratischen Rechte erkämpft man sich, indem man sie anwendet.»

Mit meinem Grossvater und Vater, die gute Soldaten, aber alles andere als Militärköpfe waren, hatte ich deswegen keine Probleme. Sie machten sich bloss Sorgen um meine berufliche Zukunft. Tatsächlich hat 1980 der Zürcher Erziehungsdirektor Alfred Gilgen gegen meine Anstellung bei meinem Doktorvater Rudolf von Albertini das Veto eingelegt. Vergeblich!

1994 verweigerte ich einen Einzug zu einem Ergänzungskurs, um die Einführung des Zivildienstes zu beschleunigen. Dafür wurde ich zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 45 Tagen verurteilt.

Insgesamt habe ich 51 Wochen Militärdienst geleistet. Ich habe dabei mir unbekannte Gegenden kennen gelernt. Ich erinnere mich an einen WK in Moutier im März 1983, während dem wir im Ausgang immer ein Café der Rauraque der separatistischen Jugend aufsuchten. So lernte ich die Jura-Bewegung kennen. Und die jungen Jurassier machten Bekanntschaft mit Deutschschweizer Soldaten, die mit ihnen sympathisierten.

Das Sinnvollste, was ich im Dienst gemacht habe, war das Aufräumen nach Überschwemmungen. Aber dafür brauchte es das nicht, was eine Armee ausmacht: Waffen! Sinnvoller ist der Ausbau der zivilen Katastrophenhilfe.

Es gibt für die Armee drei Fronten:

a) Traditionelle Grenzverteidigung. Die ist überholt!
b) Innere Einsätze. Die sind grundsätzlich abzulehnen.
c) Auslandeinsätze: Die sind nach dem Nein zum Somalia-Einsatz vor zehn Jahren (an dem ich aktiv beteiligt war) für Jahrzehnte undenkbar.

Es gibt daher keine sinnvolle Aufgabe für die Armee, die nicht auch Zivile erledigen könnten. Was den Luftraum betrifft, ist dieser vor allem durch die Klimaerwärmung gefährdet. In diesem Zusammenhang sind Kampfjets ein Teil des Problems und nicht der Lösung. Einverstanden bin ich mit der Luftpolizei. Aber dafür reichen acht Flieger und das müssen nicht zwingend Kampfjets sein. Ohne Armee liesse sich diese Aufgabe auch zivil erledigen.»

Alt Nationalrat und GSoA-Vorstand Josef Lang. Sein Dienstbüchlein – wie das seines Vaters und dasjenige seines Grossvaters – ist vom 30. August 2019 im Solothurner Museum Altes Zeughaus im Rahmen der Ausstellung «P-26 – Geheime Widerstandsvorbereitungen im Kalten Krieg» ausgestellt (bis 13. April 2020).

Text und Konzept: Andreas Tobler
Grafische Gestaltung: Raphael Diethelm



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Erstellt: 27.07.2019, 23:07 Uhr

Erste Hilfe für Soldaten

Armeesprecher Daniel Reist beantwortet vier Fragen.
1. Ich habe mein Dienstbüchlein verloren, was muss ich tun?
In diesem Fall müssen Sie beim Sektionschef oder Kreiskommando ein Duplikat anfordern. Die Kosten dafür variieren von Kanton zu Kanton. Die Verordnung auf Bundesebene sieht – abhängig vom Aufwand – eine Gebühr von maximal 300 Franken vor. Im Kanton Zürich beträgt sie fix 100 Franken.

2. Darf ich meiner Freundin mein Dienstbüchlein zeigen?
Streng genommen nicht: Die Einsichtnahme in das Dienstbüchlein und die Bekanntgabe von Daten daraus sind gemäss Gesetz nur für dienstliche Zwecke zulässig.

3. Mein Grossvater hat im Zweiten Weltkrieg Aktivdienst geleistet. Nun finden wir sein Büchlein nicht mehr. Lässt sich rekonstruieren, was er an Dienst leistete?
Da müssten Sie Glück haben: Die Armee bewahrt Personendaten nicht auf. Allenfalls könnten Sie beim Bundesarchiv fündig werden.

4. Darf ich das Büchlein fortwerfen, wenn ich nicht mehr ins Militär muss? Wie muss ich es entsorgen?
Das ist im Gesetz nicht geregelt. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich meines mit dem Hausmüll entsorgt. (atob)

«Wauti, da wot eine use»



Autor Jonas Lüscher erlebt die Armee als Feier der Dummheit und Ignoranz. Heute ist er ihr dennoch dankbar

Lange habe ich mein Dienstbüchlein nicht mehr in den Händen gehalten, lebe ich doch nun seit bald 20 Jahren im Ausland. Meine liebste Armeeanekdote, mit der ich gelegentlich deutsche Freunde erheitere, hat genau mit diesem Auswandern zu tun. Im Frühjahr 2000 habe ich das Kreiskommando Bern aufgesucht, um die Schweizer Armee von meinem anstehenden Umzug nach Deutschland in Kenntnis zu setzten.

Es wurde mir dort von einem Beamten schnell klar gemacht, dass ich nicht in Kenntnis zu setzen, sondern zu ersuchen hätte; und überhaupt, wie lange ich denn vorhabe, ins Ausland zu gehen? Ich wüsste es noch nicht, gab ich zur Antwort, eventuell für immer. Daraufhin griff der Mann wortlos zum Telefon – in meiner Erinnerung ist es ein ochsenblutrotes Wählscheibentelefon – und sprach, als die Verbindung zustande kam, folgenden unvergesslichen Satz: «Wauti, da wot eine use.»

Jener Wauti hat mir dann kulanterweise, nach erfolgter Vorauszahlung von zwei Jahren Militärersatzpflicht, die Genehmigung zum Auslandsurlaub erteilt – so stehts in meinem Dienstbüchlein. Die Dauer hat er, mit einem Federstrich, auf unbestimmt markiert.

Die Anwesenheit einer Rekrutin war eine tägliche Provokation

Meine 9 Diensttage als waffenloser Truppenkoch in einem unterirdischen Militärspital in Moudon hab ich da in weit weniger heiteren Erinnerung. Ich hatte eben das Lehrerseminar abgeschlossen, ein Ort, an dem wir viel darüber nachgedacht hatten, wie man am besten mit jungen Menschen umging, welche Umgangsformen wünschenswert waren und welche Verhaltensweisen für Gruppen oder die Gesellschaft im Allgemeinen problematisch seien. Eine Art nachzudenken, von der man in Moudon nicht viel hielt.

Überhaupt schien mir, dass man auf dem Waffenplatz wenig vom Nachdenken hielt, und die Umgangsformen widersprachen all meinen Idealen, nach denen ich geplant hatte, mein vor mir liegendes Berufsleben zu gestalten. Der Küchenchef spielte in der Küche Neonazi-Rock und wusste, als ich ihn bat, das auszumachen, offensichtlich gar nicht, wo das Problem lag. Eine Rekrutin – schon ihre blosse Anwesenheit war mir eine tägliche Provokation, schliesslich war sie freiwillig an diesem Ort – war ganz eifrig dabei, den Rekruten das Tenü zu richten.

Unser Vorgesetzter – war es ein Zugführer? –, im Zivilleben Apotheker, war so offensichtlich und so in jeder Hinsicht weit davon entfernt, eine Führungsfigur zu sein, und man wurde den bösen Verdacht nicht los, dass er seinen Rang dazu nutzte, die täglichen Kränkungen, die ihm im Privatleben widerfuhren, zu kompensieren. Kurz, es war eine unerträgliche Stimmung, eine scheussliche Art des Zwischenmenschlichen, eine Feier der Dummheit, der Ignoranz und des schlechten Charakters.

Ich gebe zu, dass ich mein Leiden am Armeeleben bei meinen täglichen Besuchen beim Waffenplatzpsychiater eventuell etwas übertrieben habe, dies aber im Bewusstsein, dass ich, sollte mir nicht bald der Absprung gelingen, bald nicht mehr zu übertreiben brauchte. Der Mann hatte nach 9 Tagen ein Einsehen und schickte mich nach Hause. Einige Monate später entschied eine Kommission, dass es für alle Beteiligten besser sei, wenn man mich nicht mehr aufbieten würde, und vermerkte diesen Entscheid mit dem Befund «2680 NM» in meinem Büchlein.

Das NM steht dabei für Nosologia Militaris, der Code 2680 für «psychosomatischer Fall». Ich bin bis heute dankbar, dass die Mitglieder der Kommission, die über meinen Fall zu entscheiden hatten, ganz offensichtlich nie Joseph Hellers Roman «Catch 22» gelesen hatten, wird doch dort dem amerikanischen Bomberpiloten Yossarián die von ihm beantragte Fluguntauglichkeit wegen Wahnsinns mit der Begründung verwehrt, es sei doch angesichts des Kriegsgeschehens wahnsinnig, nicht wahnsinnig zu werden, er also, der sich selber als wahnsinnig bezeichne und tatsächlich Symptome von Wahnsinn zeige, völlig normal und ergo vollkommen diensttauglich.

Zwei Dinge haben mich beim Blick in mein Dienstbüchlein erstaunt. Zum einen die Berufsbezeichnung «Werber», die mich an ein Intermezzo in einer Herrenschwandener Agentur erinnert hat. Zum anderen der Vermerk, dass ich bei meiner Aushebung nur 64 Kilo gewogen haben soll.

Nein, man kann nicht behaupten, dass ich gute Erinnerungen habe, aber für eines bin ich der Armee dankbar: Sie hat mich politisiert. Oder vielmehr der Versuch ihrer Abschaffung. Die GSoA-Initiative hat mich als Dreizehnjähriger zum ersten Mal für die direkte Demokratie begeistert, und zum ersten Mal hatte ich mich, obwohl noch ohne Stimmrecht, für ein politisches Anliegen eingesetzt.

Der Schweizer Buchpreisträger Jonas Lüscher, 42, wurde als Truppenkoch ausgehoben

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