«Achtung, Lawine!» – doch der Ruf verhallt

Neue Erkenntnisse zum Unglück von 2015 am Vilan: Ein Teilnehmer der SAC-Skitour könnte die Lawine ausgelöst haben.

Lawinenunglück auf dem Vilan: Die Verunglückten lagen teilweise bis zu 45 Minuten lang unter dem Schnee. Bild:  Keystone

Lawinenunglück auf dem Vilan: Die Verunglückten lagen teilweise bis zu 45 Minuten lang unter dem Schnee. Bild: Keystone

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Der Samstag, 31. Januar 2015, ist einer dieser verhängnisvollen Tage. Nach einer Woche mit viel Neuschnee scheint auf einmal wieder die Sonne. Dann ist die Lawinengefahr in den Bergen jeweils gross. Und trotzdem zieht es die Skitourengänger scharenweise nach draussen.

Das weiss auch Urs Reber*, der seine Gruppe an jenem Samstag um 7.45 Uhr beim Reha-Zentrum in Seewis GR versammelt. Reber ist ehrenamtlicher Tourenleiter bei der Sektion Lägern des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) im Kanton Aargau. Ein erfahrener Mann, der schon mehr als hundert Touren geleitet hat. Acht Teilnehmer im Alter von 32 bis 68 Jahren aus Zürich und dem Aargau soll der 65-Jährige auf den Vilan (2376 m) führen. Die Tour auf die Schieferpyramide im Prättigau ist beliebt, und sie gilt als «wenig schwierig».Reber weiss, dass die Gefahr «erheblich» ist, Stufe 3 von 5. Lawinen können vor allem im lockeren Neuschnee oder im verfrachteten Triebschnee abgehen. Gefährlich wird es ab einer Höhe von 1800 Metern über Meer.

Mehr als ein Dutzend Spuren zeugen von früheren Abfahrten

Um 9 Uhr marschiert die SAC-Gruppe los, gegen 13 Uhr ist der Gipfel erreicht. Es ist immer noch klar, aber kalt. Die Skifahrer machen sich bereit für die Abfahrt, ziehen die Felle von den Ski und stellen die Schuhe auf Abfahrtsmodus ein. Das Ziel ist die Ochsenalp – dort wollen sie, geschützt vom Wind, zu Mittag essen.

«Als Bergretter habe ich einiges gesehen. Das hier war schlimmer als alles.»Rettungsschef Forti Niederer

Wie auf solchen Touren üblich, fährt der Leiter bei der Abfahrt voran. Nach dem Gipfelhang stoppt er ein erstes Mal – unter ihm der 170 Meter lange Osthang. Reber sieht mehr als ein Dutzend Abfahrtsspuren von Leuten, die gleichentags auf dem Vilan waren. Dann entscheidet er: Wir fahren. Doch er ordnet zwei gängige Vorsichtsmassnahmen an. Die Mitglieder der Gruppe sollen im Abstand von mindestens zehn Metern fahren, und der Bereich mit den bestehenden Spuren darf nicht verlassen werden. Mit solchen Mitteln reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, dass Lawinen ausgelöst werden: Denn gibt es viele Spuren in einem Hang, deutet das auf eine stabile Schneedecke hin. Und die Abstände mindern die Belastung auf die Schneedecke.

Als der SAC-Leiter im unteren Teil des Hangs fährt und die Ochsenalp ansteuert, sieht er nicht, was hinter ihm passiert. Er hört auch die Schreie nicht: Achtung, Lawine! Als er sich umdreht, weil er Schneestaub im Gesicht hat, sind die anderen Skifahrer verschwunden. Die Wucht der Lawine schleudert ihn weg. Doch er hat Glück –als Einziger wird er nicht erfasst. Das Lawinenunglück am Vilan ist eines der schwersten der letzten Jahrzehnte. Fünf Menschen sterben, sie werden bis 2,5 Meter tief verschüttet. Wenn eine Lawine flach ausläuft oder sich an einem Gegenhang staut, sind die Verschüttungstiefen im Normalfall viel grösser. So dauert es diesmal 45 Minuten, bis die letzte Person ausgegraben ist – obwohl am Schluss 30 Profi-Retter und Helfer am Vilan um das Leben der Skifahrer kämpfen.

Der Lawinenhang am Vilan 30 Minuten vor dem schweren Lawinenunglück. Bild: J. Wiedemann/WSL

Rettungschef Forti Niederer spricht danach von einem Horror. «Als Bergretter habe ich in 30 Jahren einiges gesehen. Das hier war schlimmer als alles.»

Nach dem Unglück eröffnet die Staatsanwaltschaft Graubünden ein Verfahren gegen den SAC-Leiter wegen fahrlässiger Tötung. Mehr als zwei Jahre später, am 7. Juni 2017, stellt sie es wieder ein. Doch gegen die Einstellung wehren sich die Hinterbliebenen mit einer Beschwerde. Im Frühling hat das Kantonsgericht Graubünden entschieden, dass das Verfahren nicht eingestellt werden dürfe. Es sei nicht klar, dass den SAC-Leiter keine Schuld treffe. Damit ist wieder die Staatsanwaltschaft am Zug. Sie kann Anklage erheben, und es gibt einen Prozess. Oder sie kann das Verfahren erneut einstellen.

Doch zu einer Verurteilung des SAC-Leiters wird es so oder so kaum kommen. Denn das Gerichtsurteil bringt auch neue Fakten zutage, die den Tourenleiter entlasten. Gesichert ist nämlich, dass sich einer der Teilnehmer nicht an Rebers Vorgabe gehalten hat – und den verspurten Korridor bei der Abfahrt verliess. Der Mann fuhr nach links, wo er in bis zu 40 Grad steiles Gelände geriet –und zwar direkt in jene Bergflanke, die später komplett abrutschte. Das haben Experten des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF mithilfe des GPS-Tracks des Mannes rekonstruiert. Es kann also sein, dass er die Lawine ausgelöst hat, der nur Sekunden später eine zweite folgte.

30 Retter gruben die Verschütteten aus bis zu 2,5 Meter Tiefe aus. Bild: SOS Jakobshorn

Das Kantonsgericht hält dazu fest: Ein «allfälliges Fehlverhalten» dieses Mannes und dessen Auswirkungen auf die strafrechtliche Verantwortlichkeit des SAC-Leiters sei zu thematisieren, sollte es zu einem Prozess kommen.

Fest steht für die Gutachter einzig: Die Lawine wurde von einer Einzelperson ausgelöst. Ob es nun der Skifahrer mit dem GPS-Tracker oder ein anderer Gruppenteilnehmer war, lässt sich laut dem SLF nicht mehr feststellen.

Die Parteien streben jetzt einen Vergleich an

So oder so dürfte die Frage zumindest strafrechtlich nicht mehr geklärt werden. Denn gemäss Recherchen streben die involvierten Parteien jetzt einen Vergleich an. Das Ziel: Die Hinterbliebenen werden von der Versicherung des Tourenleiters mit einer bestimmten Summe entschädigt. Gleichzeitig bekunden sie ihr Desinteresse an einer weiteren Strafverfolgung des SAC-Leiters.

In der Folge könnte die Staatsanwaltschaft das Verfahren abermals einstellen, und es würde sich niemand mehr wehren. Reber, der seit dem Unglück keine Tour mehr geleitet hat, wäre rehabilitiert.

Die Staatsanwaltschaft wollte sich zum Fall nicht äussern. Auch die anderen Parteien lehnten eine Stellungnahme ab.

Erstellt: 27.05.2018, 07:35 Uhr

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