Achtung, Touristenfalle!

Manche Sehenswürdigkeiten sind einfach nur enttäuschend. Die schlimmsten Ferienerlebnisse unserer Redaktoren.

Illustration: Stephan Liechti

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Die grösste Blume der Welt, Malaysia

Bild: Riau Images / Barcroft Media

Luftfeuchtigkeit und Hitze sind unerträglich. Am liebsten hätten wir drei Arme mehr, um die Moskitos totzuschlagen. Gestrüpp peitscht uns ins Gesicht. Seit Stunden wandern wir. Doch wir wollen sie sehen. Die grösste Blume der Welt. Sie blüht genau einmal im Jahr. Irgendwo im Unterholz des malaysischen Urwalds, ein paar Stunden von Kuala Lumpur entfernt. Ich stelle mir vor, wie schön sie sein wird, mit ihren grossen, elegant fallenden Blütenblättern, wahrscheinlich in einer unglaublich betörenden Farbe, ein magischer Glanz wird sie umgeben im Grün, das sich um sie lichtet, um diese zwei, drei Meter hoch wachsende Schönheit. «Wir sind da.» Der Guide reisst uns aus der Träumerei. Er zeigt auf den Boden. «Hier!» Dort liegt fett und träge die grösste Blume der Welt: die Riesen­rafflesie. Mit einem riesigen Loch in der Mitte. Rötlich. Leicht gepunktet. Eher fahl. Etwa so gross, dass sie in einen Wäschekorb passen würde. Daneben etwas verfault aussehende ältere Exemplare. Dass die Blume ein Parasit auf einem Wirtsgewächs ist, erstickt noch den letzten Funken Poesie. (Aleksandra Hiltmann)

Angkor Wat, Kambodscha

Bild: Yongyuan Dai

Der Tuk-Tuk-Fahrer, der uns vom Busbahnhof bis ins Hotelzimmer gefolgt war, musste sich grad mal kurz hinsetzen. Auf unser Bett. Nur einen Tag für Angkor?! Unerhört! Zwei Tage seien das Allermindeste, um die sakrale Anlage auch nur annähernd zu erfassen. Morgen früh hole er uns ab. Und übermorgen auch. Good price, good price. Kurz nach sieben Uhr brachte er uns zum Gelände und sagte, er warte im Tuk-Tuk. Wir liefen den anderen Touristen nach, stiegen steile Stufen pyramidenförmiger Tempel hoch, musterten in Stein gemeisselte Skulpturen, erkundeten von Baumwurzeln umschlungene, moosüberwachsene Innenhöfe. Hier hatte doch Angelina Jolie alias Lara Croft einen Schatz gesucht! Genau hier! Keiner der Touristen schien beeindruckt. Vielleicht war der Drehort anderswo? Auf zum nächsten Tempel. Steile Stufen, Skulptur an Skulptur wie Dominosteine. In den nächsten moosüberwachsenen Innenhof. Der Lara-Croft-Spot? Nicht sicher. Zum nächsten Gebäude. Wieder Stufen. Wieder ein Innenhof. So viele Tempel. Stufen. Skulpturen. Und – natürlich – ein Innenhof. Moosüberwachsen. Das ist sie! Die Filmkulisse! Wir waren uns sofort einig. Es war kurz nach Mittag, und wir hatten genug. Der Tuk-Tuk-Fahrer war empört über seine frühzeitige Entlassung. (Denise Jeitziner)

Berliner Fernsehturm, Deutschland

Bild: Holger Bhm / EyeEm

Berlin in den Neunzigern. Weil ich den bestmöglichen Blick auf die wieder zusammenwachsende Stadt haben wollte, ging ich mit einem Freund zum Fernsehturm am Alexanderplatz, auch «Spargel» genannt. Ein Bier im Drehrestaurant auf 200 Metern war damals eines der grossen Highlights für viele beim Stadtbesuch, der nun auch wieder die frühere östliche Zone umfasste. Mit einem ziemlich staubigen Lift (oder täuscht mich hier die Erinnerung?) gings hinauf. Mein Begleiter bestellte zwei Weizenbier, während ich kurz die Toilette aufsuchte. Als ich so auf dem stillen Örtchen sass, war mir, als würde der «Spargel» schwanken. Mir wurde warm und kalt. Die Höhenangst war mir von weitem anzusehen, als ich mich zu meinem Kameraden setzte. «Schwankt das Gebäude?», fragte ich ihn. «Nein», log mein Begleiter mich an. Und trotzdem: Die aussergewöhnliche Aussicht zu geniessen, lag für mich nicht mehr drin. Ich kippte den halben Liter Bier in gefühlt fünfzehn Sekunden und nahm den Lift zurück auf ebenen Boden. Immerhin: Es ist bis heute mein am allerschnellsten getrunkenes Weizenbier geblieben. (Daniel Böniger)

Taj Mahal, Indien

Bild: Philippe Stalder

«Challo, challo – here no sitting!», weist mich der Aufpasser brummig zurecht. Am Gurt seiner kolonialbraunen Uniform baumelt bedrohlich ein hölzerner Schlagstock. Bestimmt eine halbe Stunde lang habe ich mich durch Selfie-Sticks und Saris gekämpft, bis ich genau in der Mitte vor dem Taj Mahal stehe, so wie ich es mir vorgestellt habe. Schon immer hat mich die Ästhetik dieses indo-islamischen Weltwunders fasziniert. Doch aus meinem Plan, seine berückende Symmetrie bei einer indischen Beedi-Zigarette und einem Chai-Tee in Ruhe auf mich einwirken zu lassen, wird nichts: Die Hartnäckigkeit des Wärters gleicht der Beschaffenheit seines Schlagstocks. Also begebe ich mich zurück in den Pilgerstrom einer neuen indischen Mittelschicht, die gerade ihr kulturelles Erbe wiederentdeckt – und sich dabei ungeduldig auf den Füssen rumtrampelt. Der Taj Mahal wurde einst vom Grossmogul als Grabmahl für seine Geliebte erbaut, auf dass sie unter dem weissen Marmor ihre ewige Ruhe finde. Doch an Ruhe ist nicht zu denken. Rund 40'000 Besucher zieht das berühmte Mausoleum jeden Tag an – definitiv zu viel für mich. (Philippe Stalder)

Bariloche, Patagonien

Bild: Shutterstock

Auf die Lonely-Planet-Jünger habe ich immer verächtlich herabgeschaut. Backpacker nennen sie sich, dabei tingeln sie von Hostel zu Hostel, stehen sich vor Tempeln auf den Füssen rum und formulieren im Geiste schon das nächste Tripadvisor-Rating. Nein, ich war eine Abenteurerin von ganz anderem Schlag. War ohne Reiseführer, dafür mit geschliffenem Spanisch nach Buenos Aires geflogen und verliess mich auf meinem Südamerika-Trip einzig auf die Tipps der Einheimischen. Hatte Pinguinkolonien beobachtet und war mit Gauchos durchs Land geritten. Einen Ort empfahl mir jeder Argentinier: Bariloche. Das Schönste, das Wunderbarste, was Argentinien zu bieten habe. Maravilloso. Also ging ich. Und sah: Berge. Seen. Wälder. Einen Sessellift. Bernhardiner mit Fässchen um den Hals. Fonduechalets mit Schweizer Kantonswappen. Chocolaterien. Erst jetzt erfuhr ich, dass Bariloche auch die «Argentinische Schweiz» genannt wird. Einfach mit schlechtem Käse. Und dafür war ich stundenlang über holprige Strassen Bus gefahren? Oh, Lonely Planet, hättest du mich nur gewarnt. (Tina Huber)

Rütliwiese, Schweiz

Bild: AFP

Vor zwei Jahren dachte ich mir: Für eine eingebürgerte Schweizerin wie mich gehört das Rütli zum Basis-Integrationspaket. Also nichts wie hin. Von Brunnen SZ aus konnte ich einen ersten Blick auf die Wiege der Schweiz erhaschen – und war leicht besorgt: Das mickrige Räseli da drüben an der Bergflanke soll jener Ort sein, an dem der Legende nach die Schweiz entstand? Kann man auf so einer steilen Weide überhaupt aufrecht stehen, geschweige denn – so als Ureidgenosse – in erhabener Haltung schwören? Dort angekommen, war ich baff. Ein 50 mal 70 Meter grosser Allerweltsrasen. Das wars. Wie man auf diese Weide am 1. August jeweils rund 1400 Leute pfercht, ist mir bis heute ein Rätsel. Und wäre das Rütli nicht angeschrieben, ich wäre glatt daran vorbeigelaufen. Typisch Schweizer Understatement, dachte ich. Jede andere Nation hätte die Legende von der Geburtsstunde ihres Landes aufs Jungfraujoch verlegt, die Eidgenossen indes stapeln lieber tief. Wobei: Vielleicht ging es gar nicht um die Wiese, sondern um die Aussicht. Denn diese ist spektakulär – Postkarten-Schweiz, so weit das Auge reicht. (Lucie Machac)

* Dieser Artikel erschien am 4. November 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.11.2018, 15:57 Uhr

In Zahlen

43
Euro bezahlte ein Tourist kürzlich für zwei Espressi und zwei 0,25-Liter-Fläschchen Mineralwasser im Café Lavena am Markusplatz in Venedig.

91'250'000
Menschen besuchen jedes Jahr den Grossen Basar in Istanbul. Damit zählt er zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Welt, wie das «Travel + Leisure»-Magazin schreibt.

20
Franken kostet eine Partynacht in Mexiko-Stadt – günstiger können Touristen nirgends feiern. Am teuersten ist: Zürich. Hier kosten ein Big Mac, ein Clubeintritt, zwei Drinks und eine Taxifahrt 90 Franken.

18:45
Stunden dauert der längste Nonstop-Linienflug der Welt. Vor kurzem hat die Fluggesellschaft Singapore Airlines die Strecke zwischen Singapur und New York in Betrieb genommen.

2,5
Stunden müssen Touristen für das London Eye, das höchste Riesenrad Europas, durchschnittlich anstehen – Rekord. Das ergab eine Auswertung von Tripadvisor.

11 Monate
Auf so lange Zeit hinaus ist eines der besten Restaurants der Welt, das El Celler de Can Roca im spanischen Girona, schon ausgebucht. Gourmetrestaurants sind die neuen Reise-Hotspots.

Besser als das Original

Wir haben den Reiseanbieter Globetrotter nach Alternativen zu den Touristenmagneten gefragt.

Statt den Taj Mahal ...
... besser den Königspalast in der Stadt Fatehpur Sikri ansehen – dort kann man seinen Chai-Tee in Ruhe trinken.

Statt nach Prag ...
... besser nach Danzig oder Krakau. Die polnischen Städte sind nicht so überfüllt mit Touristen wie die tschechische Hauptstadt und bieten ebenso viel Geschichte und schmucke Stadtkerne.

Statt des Kolosseums in Rom ...
... besser das Museo Nazionale Romano beim Hauptbahnhof Roma Termini besuchen: wunderbare archäologische Schätze – ohne Anstehen. Oder im Park der Villa Doria Pamphilj der Hektik Roms entfliehen. Die Spazierwege, die vom Tiber hinaufführen, sind malerisch.

Statt nach Machu Picchu ...
... besser zur riesigen Festung Kuelap des Andenvolks Chachapoya in Nordperu. Oder die Ruinen von Ciudad Perdida in Kolumbien besuchen: neben Machu Picchu eine der grössten präkolumbianischen Städte Südamerikas – aber weniger überlaufen, da nur nach drei bis vier Tagen Trekking erreichbar. Erst ein kleiner Teil der Tempelanlage ist ausgegraben, sodass sich ihr Ausmass nur erahnen lässt.

Statt auf den Zuckerhut ...
... besser auf den Granitfelsen ­Morro Dois Irmãos in Rio de Janeiro wandern. Auf dem Zwei-Brüder-Felsen hat man eine genauso schöne Aussicht, ohne anstehen zu müssen.

Statt den Perito Moreno ...
... besser den Nationalpark Laguna San Rafael in Chile bestaunen. Seine Hauptattraktion – nur per Schiff erreichbar – ist eine ebenso imposante Gletscherfront wie der berühmte Perito Moreno.

Statt nach Cartagena ...
... besser nach Mompós in Kolumbien: Das kleine Dörfchen am Río Magdalena ist ein koloniales Bijou, der Stadtkern gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Und fürs Amazonas-Feeling: Das kolumbianische Dschungelstädtchen Leticia empfiehlt sich als Alternative zur brasilianischen Millionenstadt Manaus.

Statt das Empire State Building ...
... besser in Manhattan das Rockefeller Center besuchen. Weniger Menschen, mehr Platz, um auch mal ein Foto ohne andere Touristen zu machen. Es ist etwas günstiger und bietet Aussicht auf ganz New York City – auch das Empire State Building.

Statt in den Jardin Majorelle ...
... besser in den Anima Garden ausserhalb von Marrakesch. Die Symbiose aus Natur und Kunst des österreichischen Universalkünstlers André Heller ist die magische ­Alternative zum bekannten botanischen Garten der marokkanischen Stadt.

Tina Huber

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