«Im Moment herrscht Panik, was die Masern betrifft»

Welche Impfstoffe eindeutig etwas nützen und warum ein Impfzwang nicht hilft: Arzt Andreas Sönnichsen gibt Antworten.

Im Kindesalter ist die Komplikationsrate bei Masern geringer als bei Erwachsenen: MMR-Impfung bei einem Kleinkind. Foto: Damian Dovarganes, AP, Keystone

Im Kindesalter ist die Komplikationsrate bei Masern geringer als bei Erwachsenen: MMR-Impfung bei einem Kleinkind. Foto: Damian Dovarganes, AP, Keystone

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Professor Dr. med. Andreas Sönnichsen leitet die Abteilung für Allgemeine und Familienmedizin an der Universität Wien. Der gebürtige Deutsche hat den Vorsitz im Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (DNEbM), einer Fachgesellschaft mit über 1000 Mitgliedern, die sich dafür einsetzt, den Nutzen aller medizinischen Massnahmen nach wissenschaftlichen Kriterien kritisch zu prüfen. Seit 1997 ist Sönnichsen auch als Hausarzt tätig.

In neun europäischen Ländern ist die Masernimpfung obligatorisch. Auch in der Schweiz mehren sich die Stimmen für eine Impf-pflicht. Was halten Sie davon?
Davon sollte man Abstand nehmen. Erstens ist die Impfpflicht nicht durchsetzbar. Zweitens ist der Anteil geimpfter Personen in Ländern mit Impfzwang nicht höher als in Ländern ohne Impfpflicht. Es gibt immer Menschen, die durch die Maschen schlüpfen. Drittens ist die Durchimpfungsquote bei der Masernimpfung schon jetzt sehr gut.

Trotzdem haben wir so viele Fälle wie seit 2011 nicht mehr.
Im Moment herrscht Panikstimmung, was die Masern betrifft. Sie ist aber nicht angebracht, denn die Erkrankungszahlen gehen im Lauf der Jahre bei uns immer wieder ein bisschen rauf und wieder runter.

In der Schweiz sind dieses Jahr schon zwei Menschen an Masern gestorben.
Das Problem bei der Masernimpfung sind jetzt eher ältere Menschen, die keine oder nur eine Impfung hatten. Diese Lücken würde man durch eine Impfpflicht für Kinder nicht beheben. Zudem gibt es bei Impfungen immer ein Restrisiko, dass sie nicht anschlagen.

Vor der Einführung der Masern-impfung starben ein bis drei von 10'000 Erkrankten. Dieses Jahr sind schon zwei von 166 Masernkranken gestorben. Sind die Masern gefährlicher geworden?
In gewisser Hinsicht ja. Früher hat man die Masern als Kind durchgemacht. Im Kindesalter ist die Komplikationsrate deutlich geringer als bei Erwachsenen. Durch den «Herdenschutz» der flächendeckenden Impfung ist es heute wahrscheinlicher geworden, dass man die Erkrankung erst später im Leben bekommt, gerade wenn man nicht geimpft ist.

Was schlagen Sie vor?
Im Moment ist die Impfdebatte sehr emotional. Ängste zu schüren, ist aber der falsche Weg. Wir möchten wissenschaftlich fun­dierte Argumente einbringen. Man muss sachlich aufklären und informieren. Tatsache ist: Es gibt Impfungen mit unbestrittenem und solche mit unklarem Nutzen.

Die Impfungen sind offiziell empfohlen. Da müsste der Nutzen doch gesichert sein?
Die Studienlage ist bei manchen Impfstoffen dünn. Allein die Impfempfehlung gibt noch keinen Aufschluss über das langfristige Nutzen-Schaden-Verhältnis. Für viele Impfungen gibt es keine randomisiert kontrollierten Studien, weil diese ethisch gar nicht vertretbar wären. Bei diesen Studien teilt man Probanden per Los einer Gruppe zu. Eine Gruppe impft man, die andere erhält Placebo, und dann vergleicht man die Ergebnisse.

Bei Medikamenten sind solche Studien vor der Zulassung üblich. Sind Impfungen weniger erforscht?
In gewisser Weise schon. Das hat aber Gründe: Wenn wir eine Impfung für eine potenziell tödliche Erkrankung haben, ist es ethisch nicht vertretbar, sie einer Hälfte der Bevölkerung per Losentscheid vorzuenthalten. Denken Sie an Masern oder Pocken: Was würden Sie sagen, wenn Ihr Kind in der Placebogruppe landet? Aber es ist eine schwierige Entscheidung, wann eine randomisiert kontrollierte Studie noch vertretbar ist und wann nicht mehr.

Sönnichsen: «Schweinegrippe war ein Riesengeschäft». (Foto: PD)

Stellen Sie den Nutzen von Impfungen denn in Frage?
Man sollte nicht verallgemeinernd von «den Impfungen» sprechen. Wir können ja auch nicht behaupten, dass chirurgische Eingriffe generell nützlich oder abzulehnen sind, sondern analysieren jeden einzelnen für sich.

Bei welchen Impfungen ist der Nutzen eindeutig?
Zum Beispiel bei Pocken und Kinderlähmung. Da ist es klar, dass sie nützen, dass es definitiv unethisch wäre, solche Studien zu fordern. Das gilt weitestgehend auch für die Masernimpfung.

Aber es gibt immer wieder korrekt geimpfte Personen, die nach der Masernimpfung nachweislich Antikörper gebildet haben – und trotzdem erkranken sie an Masern.
Ja, leider beruhen alle medizinischen Erkenntnisse und Handlungen nur auf Wahrscheinlichkeiten. Wenn man bei einem Menschen Antikörper nachweisen kann, dann bedeutet das, dass er mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit Abwehrkräfte gegen die entsprechende Erkrankung hat. Kein diagnostischer Test ist aber 100-prozentig korrekt. Es gibt «falsch positive» Testresultate bei Menschen, bei denen zwar Antikörper festgestellt werden, die aber in Wirklichkeit gar keine haben, weil der Test beispielsweise auf einen anderen, ähnlichen Antikörper reagiert hat. Und genauso gibt es auch «falsch negative» Testergebnisse. Dann zeigt der Test die Antikörper nicht an, obwohl sie vorhanden sind.

Bei welchen Impfungen ist der Nutzen Ihrer Ansicht nach unklar?
Denken Sie an die spitzen Blattern. Sie waren früher in Deutschland eine typische Kinderkrankheit, die lebenslangen Infektionsschutz und Nestschutz für Neugeborene gewährte. Dann gab die «Ständige Impfkommission» in Deutschland die Empfehlung heraus, Kleinkinder gegen die Windpocken zu impfen.

Was ist daran problematisch?
Der Schutz durch die anfangs einmalige Impfung erwies sich als nicht anhaltend. Die Folge ist, dass diese Krankheit heute zunehmend im Erwachsenenalter auftritt. Windpocken in der Schwangerschaft sind jedoch gefürchtet. Sie erhöhen das Risiko für embryonale und fetale Fehlbildungen. So kann ein Impfverfahren unerwartet neue Probleme schaffen.

In der Schweiz wird die Windpockenimpfung erst bei Adoleszenten empfohlen, die noch keine Windpocken hatten.
Ja, dieses Beispiel zeigt auch, dass die Impfpläne zwischen den Ländern höchst variabel sind. Das ist ein deutlicher Hinweis dafür, dass die Beweislage zumindest für manche Impfungen unzureichend ist oder einen relativ breiten Interpretationsspielraum bietet.

Wie gut ist der Nutzen der Grippeimpfung belegt?
Die wissenschaftlichen Beweise dafür sind insgesamt recht bescheiden. In den letzten 15 Jahren betrug ihre Schutzwirkung nur zwischen 10 und 60 Prozent.

Das heisst, von zehn geimpften Personen bekommen vier bis neun trotz Impfung die Grippe?
Ja, und diesen bescheidenen Nutzen muss man mit den Nachteilen der Grippeimpfung aufwiegen. Dazu zählen beispielsweise die leichte «Impfgrippe», lokale Reaktionen an der Einstichstelle und extrem selten ernsthafte Schäden wie zum Beispiel schwere allergische Reaktionen.

In manchen Spitälern und Heimen gibt es Druck auf die Mitarbeitenden, sich gegen Grippe impfen zu lassen. Lässt sich das wissenschaftlich rechtfertigen?
Da begibt man sich auf dünnes Eis. Eine Analyse der unabhängigen Cochrane-Vereinigung hat zu diesem Thema jedenfalls kein eindeutig positives Ergebnis erbracht. Gute Händehygiene bringt wahrscheinlich mehr.

Die Schutzwirkung dieser Impfung hängt massgeblich von der Prognose ab, welche Grippeviren im nächsten Winter zirkulieren werden. Sind die Vorhersagen der Fachleute im Lauf der Jahre besser geworden?
Nein, da ist kein Trend zu besserer Treffsicherheit erkennbar. Das Grippe-Virus spielt uns jedes Jahr aufs Neue einen Streich, indem es sich immunologisch wandelt. Und diese Wandlungen sind nicht vorhersehbar.

Vor rund zehn Jahren erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Schweinegrippe zur bedrohlichen Pandemie. Sie war jedoch viel harmloser als befürchtet. Wie konnte das passieren?
Wenn Sie mich fragen: Da waren Strategen mit Verbindung zur Pharmaindustrie am Werk, die leider auch in der WHO mitreden. Die Schweinegrippe war ein Riesengeschäft für die Impfstoffhersteller und die Hersteller von Grippemedikamenten wie etwa Tamiflu. Diese Pandemie auszurufen, war übereilt. Das Schweinegrippe-Jahr war eines der Jahre mit den wenigsten Grippetoten.

Aber alle nationalen Behörden haben damals mitgezogen.
Sie konnten nicht anders. Die WHO hat den Takt vorgegeben. In diesem Fall kann man auch den Politikern ausnahmsweise keinen Vorwurf machen. Kein Politiker hätte es sich damals leisten können, auf den Kauf von Pandemie-Grippeimpfstoff und von anti-viralen Medikamenten zu verzichten – obwohl es wenig wissenschaftliche Belege gab, dass beides nützt.

Der Schweinegrippe-Impfstoff geriet später in Verruf, weil er bei einigen schwere Nebenwirkungen verursachte. Ein Wirkverstärker wurde als Ursache vermutet. Wie gut sind die Wirkverstärker erforscht?
Das versuchen Wissenschaftler der Cochrane-Vereinigung gerade zu ermitteln. Trotz breiter und jahrelanger Anwendung ist offenbar nach wie vor unklar, ob be­stimmte Zusatzstoffe unerwünschte Immunreaktionen begünstigen.

Also haben die Impfkritiker recht, die vor den Zusätzen in Impfstoffen warnen?
Die Argumente der Impfgegner sind oft an den Haaren herbeigezogen. Da wird sehr viel Unsinn verbreitet. Man muss sich die Studien schon genau anschauen.

Aber es kommt zu Schäden?
Impfen ist nicht völlig risikolos. Wir nehmen dabei in Kauf, dass es in sehr seltenen Fällen zu Schäden kommen kann, damit die grosse Mehrheit der Geimpften geschützt wird. Die Pockenimpfung beispielsweise hat Schäden verursacht. Trotzdem war es offensichtlich, dass sie der Bevölkerung insgesamt nützt. Wir müssen in der Medizin ständig abwägen, ob die Risiken kleiner sind als der zu erwartende Nutzen. Bei den Standardimpfungen gibt es aber keine Hinweise dafür, dass es durch sie zu Schäden kommt, die im Verhältnis zum Nutzen relevant sind.

Was raten Sie?
Genau wie die Wirkung sollte man auch unerwünschte Nebenwirkungen von Impfungen sachlich-kritisch analysieren und Unsicherheiten offenlegen. Kampagnen sind nicht geeignet, die Bevölkerung zu informieren, weder vonseiten der Industrie noch durch die sogenannten Impfgegner.

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Erstellt: 23.06.2019, 09:48 Uhr

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