Äpfel des Schreckens

Milo Rau über dämonische Essensgeräusche.

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Gestern postete ein Bekannter von mir auf ­Facebook eine Werbeanzeige der SBB. Die Anzeige ist, wie alle Werbungen der Schweizer Bundesbahnen, sehr simpel: Auf dem Klapp­tischchen vor einer Frau im Business-Kostüm liegt ein roter Apfel. Die Werbung fürs General­abonnement soll zweifellos Reiselust, Eleganz und Frische verströmen, und bei den meisten funktioniert das sicherlich auch. Aber mein ­Bekannter kommentierte: «Für Menschen, die unter Misofonie leiden, ist dieses Bild die pure Bedrohung.»

Misofonie ist, wie ich in dem Post lernte, ein «neurotischer Fokus auf Essensgeräusche». Auch wer selbst kein Misofoniker ist, kennt das ­Problem. Seit neun Wochen ­drehe ich ­einen Jesusfilm in Süditalien und bin mehr oder ­weniger ständig mit Menschen ­zusammen. Die Drehorte sind auf mehrere Dutzend Orte verteilt, weshalb ich viele ­Stunden am Tag in einem ­engen Bus ­verbringe. Da sonst keine Zeit ist, isst jeder ­während der Fahrten. Und nach ein paar Tagen kennt man die ­Ess­gewohnheiten eines jeden besser, als einem lieb ist.

«Der Sound, den billige Sandwichs machen, wenn man sie auspackt: Dämonisch!»

Ein Teammitglied zum Beispiel hat die Eigenart, beim Trinken die Wasserflasche zu zer­drücken – vielleicht, damit es schneller geht. Zuerst fand ich das lustig und etwas eigenartig, beim ­zehnten Mal begann es mich zu stören. Aktuell warte ich, steige ich in den Bus, nur noch auf das quälende Geräusch, das eine gewürgte ­Plastikflasche macht. Das Gleiche gilt für den Sound, den ­billige Sandwichs ­machen, wenn sie ausgepackt werden: Dämonisch! Oder das Knistern von Chips­tüten. Und natürlich das nervtötende ­Knacken frischer ­Äpfel.

Natürlich gilt für die Misofonie, was für alle Neurosen gilt: Sie werden nur aktiviert, wenn andere sie triggern. Das Knacken eines ­Apfels im eigenen Mund ist, rein ­akustisch gesehen, von keinem fremd­gegessenen ­Apfel zu ­übertreffen. Aber die eigenen ­Essgeräusche blendet man natürlich aus. «Die Hölle sind die anderen», wie es bei Sartre so schön heisst. Was seltsam ist. Denn nichts müsste einen mehr nerven als die Gleichförmigkeit der ­persönlichen ­Ver­haltensweisen. Und auf nichts hat man gleichzeitig mehr Einfluss.

Die Frage des mitfühlenden Neurotikers lautet also: Was nervt an mir selbst? Die Grundregel scheint mir: Man sollte dort suchen, wo man seine besten Qualitäten vermutet. Ich beispielsweise trinke meistens aus den Flaschen anderer, weil ich «nichts verkommen lassen» will. Was diese anderen, die das für später zur Seite gestellt haben, natürlich irritiert. Von den zahllosen Äpfeln, die ich laut knackend esse, ganz abgesehen. Wie auch immer, all das ruiniert die Stimmung im Filmbus.

Was die SBB-Werbung angeht, so schlage ich vor, den Apfel einfach weg­zu­retuschieren. Oder wie mein Kameramann ­jeweils sagt, wenn mich etwas stört:

«Das mache ich in der Postproduktion weg. Ist zwar keine Lösung, beruhigt aber die Nerven.»



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Erstellt: 05.10.2019, 22:09 Uhr

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