Ärzte lassen Frühgeborene unnötig sterben

In der Schweiz wird bei Kindern, die vor Ende der 24. Woche zur Welt kommen, meist auf lebensrettende Massnahmen verzichtet – im Gegensatz zum Ausland.

Auch bei der Gesellschaft für Neonatologie ist man sich bewusst, dass die Vorgaben an die Ärzte nicht mehr zeitgemäss sind. Bild: Keystone

Auch bei der Gesellschaft für Neonatologie ist man sich bewusst, dass die Vorgaben an die Ärzte nicht mehr zeitgemäss sind. Bild: Keystone

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Die Schweiz hat eines der besten und teuersten Gesundheitssysteme der Welt. Trotzdem gibt es Menschen, die nicht die volle Unterstützung der Ärzte erhalten: extrem früh geborene Kinder. In den Richtlinien der Schweizerischen Gesellschaft für Neonatologie heisst es: Kinder, die ab der 23. Woche und vor dem Ende der 24. Woche zur Welt kommen, sollen «in der Regel» nur palliativ behandelt werden. Das heisst: Die Frühchen werden zwar behandelt, aber meist nur so, dass sie schmerzfrei sterben können.

Das bedeutet: Fast alle diese Kinder sterben, denn ohne Intensivmedizin haben sie keine Chance. Andere Länder handhaben dies anders: In Schweden zum Beispiel überleben teilweise mehr als die Hälfte dieser Extrem-Frühchen, wenn sie von Anfang an richtig behandelt werden.

Tanja Krones, die leitende Medizinethikerin der Universität Zürich, kritisiert diese Praxis in der Schweiz scharf. Die Professorin, die seit kurzem auch in der Nationalen Ethikkommission des Bundes sitzt, sagt im Interview: «Selbst Kinder, die ab der 22. Woche geboren werden, können überleben, einige davon sogar ohne schwere Beeinträchtigungen.» Laut Krones passt diese Haltung auch nicht zur Tatsache, dass in der Schweiz bei Patienten im hohen Alter «noch alles Mögliche» gemacht werde.


«Ich masse mir nicht an, darüber zu entscheiden» Das komplette Interview mit Tanja Krones über extreme Frühchen, seltene Krankheiten und die vier Millionen Franken teure Gentherapie von Novartis. (Abo+)


Auch bei der Gesellschaft für Neonatologie ist man sich bewusst, dass die Vorgaben an die Ärzte nicht mehr zeitgemäss sind. Mitglied Thomas M. Berger räumt ein, die Richtlinien seien «nicht unproblematisch». Medizinprofessor Berger ist gemeinsam mit einer Gruppe aus Ethikern, Hebammen und Ärzten daran, neue Richt­linien zu erarbeiten. Eines der Ziele: Die Grenze, ab wann in der Schweiz die Intensivmedizin bei Frühchen angewandt wird, soll nach unten verschoben werden. Berger sagt aber auch: In der Schweiz würden bei der Kosten-Nutzen-Analyse «nicht nur die Überlebenschance, sondern auch die individuelle Belastung und die zu erwartende Lebensqualität berücksichtigt». (SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.11.2018, 23:04 Uhr

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