Ärzteverband leitet Verfahren gegen Psychiater ein

Nach der Enthüllung, dass ein Therapeut Sex mit einem Missbrauchsopfer hatte, reagieren die Behörden – in den letzten Jahren gab es im Kanton schon ähnliche Fälle.

Sie stehen für das, was sie durchmachte: Ruth Meiers  Puppen. Foto: Kostas Maros 

Sie stehen für das, was sie durchmachte: Ruth Meiers Puppen. Foto: Kostas Maros 

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jahrelang hörte ihr niemand zu. Jetzt plötzlich erhält Ruth Meier* hohen Besuch. Am letzten Donnerstag kommt es zur Aussprache mit der Aargauer Gesundheitsdirektorin Franziska Roth (SVP). «Ich schätze es sehr, endlich ernst genommen zu werden. Und meine Seite der Geschichte zu erzählen, was mir immer verwehrt blieb», sagt Meier. «Man konnte spüren, dass die Regierungsrätin unter Druck steht.» 

Vor einer Woche machte die SonntagsZeitung den langen Leidensweg Ruth Meiers publik. Drei Personen hatten sie sexuell missbraucht, als sie ein Kind war. Um dies zu verarbeiten, vertraute sie sich Psychiater Ralf Ganz* an. Er behandelte sie in einer Aargauer Klinik und gab an, zur Therapie gehörten auch Körperkontakte. Diese steigerten sich über die Jahre, bis es immer wieder zum Geschlechtsverkehr kam. 

Sex mit der Assistentin und mit einem Gefängnisinsassen

Kantonsarzt Martin Roth wurde über das Verhalten informiert, später auch das Aargauer Gesundheitsdepartement. Beide verzichteten jedoch auf Massnahmen. Erst das Bezirksgericht Aarau verurteilte den Mann wegen mehrfacher Ausnützung einer Notlage. Es verhängte ein Behandlungsverbot – befristet auf zwei Jahre und nur für weibliche Personen.

«Für mich völlig unverständlich», sagte Nationalrätin Natalie Rickli (SVP) nach Lektüre des Artikels. «Verurteilte Sexualstraftäter dürfen grundsätzlich nicht mehr mit Patienten arbeiten», fordert sie. Arbeitgeber sollen im medizinischen Bereich das Strafregister von Angestellten kontrollieren. Ratskollegin Bea Heim (SP) schloss sich diesem Vorschlag an. Sie sprach von einer «krassen Verletzung der beruflichen Pflichten».

Tatsächlich ist dies nicht der erste Fall im Aargau. Zwei Ärzte flogen in den letzten Jahren auf, weil sie im Rahmen ihrer Tätigkeit Sex hatten. Auch sie durften weiterarbeiten. Im Herbst 2012 berichtete der «Blick» über einen «Aargauer Sex-Arzt». Über Monate habe er mit der Praxisassistentin geschlafen, bis zu dreimal pro Woche. Er habe angegeben, der Geschlechtsverkehr sei Teil ihrer ­Bulimie-Therapie. Das Bezirksgericht Lenzburg hatte den Mann bereits 2003 verurteilt und informierte den Kantonsarzt, schon damals Martin Roth. Wie im aktuellen Fall verzichtete er auf Massnahmen.

Geständnis nach Selbstanzeige

Nach der Berichterstattung geriet der Regierungsrat damals unter Druck und musste aufgrund einer Interpellation über die Bücher. Schliesslich erschien ein Communiqué mit dem Titel: «Kanton hat Aufsicht über die Ärzteschaft verstärkt.» Die Vergehen des Arztes würden lange zurückliegen, hiess es darin. «Eine heutige Beurteilung würde nach klar strengerem Massstab vorgenommen und ergäbe mit Sicherheit ein anderes Resultat.»

Keine zwei Wochen vergingen. Dann folgte im «Blick» die nächste Schlagzeile über einen Aargauer Mediziner: «Sex im Knast!» Es ging dabei um einen Arzt, der im Bezirksgefängnis einen Asylsuchenden untersuchen sollte. Und stattdessen sexuelle Handlungen mit ihm vollzog, wie der Doktor nach einer Selbstanzeige gestand. In der Folge durfte er keine Häftlinge mehr behandeln. Aber weiterhin als Hausarzt tätig sein.

Roth hatte zur Beurteilung ein Gutachten in Auftrag gegeben. In diesem hiess es: «Das Risiko weiterer Grenzverletzungen wird als gering eingeschätzt.» Auch gegen Psychiater Ganz liess der Kantonsarzt ein Gutachten erstellen. Es kommt wortwörtlich zum gleichen Schluss wie damals beim Gefängnisarzt: «Das Risiko weiterer Grenzverletzungen wird als gering eingeschätzt.»

«Es gilt Nulltoleranz», schreibt die Gesellschaft für Psychiatrie 

Wie im Frühling 2013 verspricht das Gesundheitsdepartement auch jetzt eine Reaktion. Am Freitag teilte es mit, Regierungsrätin Roth habe eine interne Untersuchung der Abläufe und Entscheidungsprozesse angeordnet. «Um bei der departementsinternen Behandlung des Falls erkannte Schwachstellen verbessern zu können», heisst es. «Dies mit dem Ziel, dass sich ein solcher Fall im Departement nicht wiederholen kann.»

Aktiv geworden ist auch der Aargauische Ärzteverband (AAV). Denn Psychiater Ganz ist nach wie vor als Mitglied der Schweizer Ärztevereinigung FMH registriert. «Der AAV hat ein Verfahren wegen Verletzung der Standesordnung eingeleitet», sagt Präsident Jürg Lareida auf Anfrage. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie schaltet heute auf ihrer Website eine Mitteilung zu sexuellen Kontakten in der Therapie auf. «Es gilt Nulltoleranz», steht darin.

?«Ich hätte nicht mehr damit gerechnet, dass doch noch etwas passiert in diesem Fall», sagt Ruth Meier. «Hoffentlich macht das anderen Opfern Mut.» Beim Treffen mit Regierungsrätin Roth habe sie am Ende alle Kraft zusammen genommen und gefragt: «Finden Sie, dass der Kantonsarzt noch tragbar ist?» Sie habe nicht geantwortet und auf die interne Untersuchung verwiesen. Meier: «Es war ein gutes Gespräch. Aber jetzt müssen Taten folgen.»

*Namen geändert 

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.02.2019, 21:31 Uhr

Bussen bis 50'000 Franken – aber nur für Mitglieder

Unabhängig von den offiziellen Straf- und Gesundheitsbehörden können kantonale Ärzteverbände sogenannte Standesverfahren einleiten. Diese funktionieren wie ein Gerichtsverfahren: Beide Seiten werden angehört, anschliessend wird ein Urteil gefällt. Die Sanktionen reichen von einem Verweis bis hin zu Bussen von 50 000 Franken. Allerdings können nur Verbandsärzte belangt werden – wer nicht Mitglied ist, der schwimmt quasi unter dem Radar. Eine Problematik, die zunehmend an Brisanz gewinnt, wie Daten der Schweizer Ärztevereinigung FMH zeigen. Die Gesamtzahl der Mitglieder hat zwischen 2010 und 2017 zwar um 5000 zugenommen. Der Anteil aller praktizierenden Ärzte, die im Verband sind, sank jedoch in der gleichen Periode kontinuierlich von 95 auf 91 Prozent. Das kann laut der FMH daran liegen, dass einerseits junge Assistenzärzte noch nicht Mitglied sind und anderseits zunehmend ältere Ärzte pensioniert werden, wie es auf Anfrage heisst. Die rechtliche Aufsicht über Ärzte leide nicht. Sie obliege dem Kanton, nicht der FMH.

Artikel zum Thema

Psychiater hat in der Klinik Sex mit Missbrauchsopfer

Über Jahre nützte ein Therapeut im Aargau die Notlage seiner Patientin aus – Behörden verzichteten darauf, Massnahmen zu ergreifen. Mehr...

Psychologen wollen nicht länger Angestellte der Psychiater sein

In mehreren Städten sammeln Psychologen Unterschriften, um den Zugang zu ihren Therapien zu erleichtern. Mehr...

Hitze setzt der Psyche mehr zu als Dunkelheit

Der Psychiater Thomas Müller hat die Eintritte in eine Berner Klinik von 1973 bis 2017 mit dem Klima abgeglichen und kam zu einem verblüffenden Ergebnis. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Schlangenfrauen: Kontorsionistinnen während einer Aufführung im Cirque de Soleil in Auckland. (14. Februar 2019)
(Bild: Hannah Peters/Getty Images) Mehr...