Affen mit gehobener Esskultur

Im Kongo leben ­Schimpansen, die mehr und ­andere ­Werkzeuge verwenden als Artgenossen und Delikatessen wie Riesenschnecken fressen.

In der Gruppe braucht es immer ein Tier, das bereit ist, Neues auszuprobieren: Bei Schimpansen ist dies am besten untersucht. Foto: Getty Images

In der Gruppe braucht es immer ein Tier, das bereit ist, Neues auszuprobieren: Bei Schimpansen ist dies am besten untersucht. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie eigen zu nennen, dürfte noch eine Untertreibung sein. Die Schimpansen in der Region Bili-Uéré im Norden der Demokratischen Republik Kongo tun einiges, um sich von ihren Artgenossen im Rest des afrikanischen Kontinents abzusetzen. Das zeigt sich vor ­allem in der Art und Weise ihrer Futteraufnahme und der Auswahl ihres Speiseplans. Wie auch beim Menschen ist die Nahrung ein Bereich, in dem sich grosse Unterschiede zwischen Gruppen entwickeln können. Mit anderen Worten: Auch Schimpansen haben eine Esskultur – und die der Tiere in Bili-Uéré ist offenbar besonders speziell ausgeprägt.

In dem mindestens 50'000 Quadratkilometer grossen Gebiet nutzen die Schimpansen eine womöglich einmalige Vielfalt an Werkzeugen, um sich verschiedene Nahrungsquellen zu erschliessen. Auch in dem, was die Affen überhaupt als Nahrung ansehen, weichen sie zum Teil stark von den Fressgewohnheiten ihrer Artgenossen ab. Das haben ­Langzeitbeobachtungen von Forschern des Max-Planck-­Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Universität Warschau ergeben.

Je nachdem, aus welcher Ameisenart ihre Mahlzeit zum Beispiel bestehen sollte, nutzten die Affen lange, kurze oder besonders filigrane Stöcke, um die Insekten zu sammeln. Stand Honig auf dem Speiseplan, verwendeten die Schimpansen auch dafür verschieden geformtes Werkzeug: Mit kurzen Stecken holten sie die süsse Nahrung aus Nestern, die manche Bienen in Bäumen anlegten. Um an den Honig zu kommen, den ­andere Bienen in ihren unterirdischen Nestern horten, nutzten die Affen dagegen besonders stabile Stöcke.

Die Schimpansen in Bili-Uéré bauen ihre Nester am Boden

Ausserdem schlugen sie gegen die Bauten bestimmter Termiten – die Autoren schreiben von einer «Percussion-Technik» – um an die Insekten zu kommen. Bislang hatten Forscher anhand von Beobachtungen anderer Schimpansengruppen vermutet, dass diese speziellen Termiten überhaupt nicht zum Nahrungsspektrum der Affen gehören. Die Wissenschaftler haben zudem Hinweise darauf gefunden, dass die untersuchten Primaten womöglich sogar Schildkröten und afrikanische Riesenschnecken fressen – etwas, das von anderen Schimpansen nicht bekannt ist. Zu guter Letzt pflegten die Affen im Bili-Uéré-Gebiet ihre besonderen Vorlieben auch im Schlaf. Dazu bauten sie sich oft Nester auf dem Boden statt, wie bei ihren Artgenossen üblich, auf Bäumen.

All diese Eigenheiten der Schimpansengruppe herauszufinden, hat die Wissenschaftler zwölf Jahre gekostet. In dieser Zeit untersuchte das Team um Hauptautor Thurston C. Hicks von der Universität Warschau nicht nur die als Werkzeug verwendeten Stöcke, sondern auch Kot, Futterreste und die Schlafstätten der Tiere. Das Ergebnis ist so etwas wie ein Kulturprofil dieser Schimpansenpopulation.

Längst hat es nichts Merkwürdiges mehr an sich, auch bei Tieren kulturelle Entwicklungen zu untersuchen. Gemeint sind damit Verhaltensweisen, die sich nicht allein durch ökologische oder geografische Besonderheiten erklären lassen. Zum Beispiel suchen sich Schimpansen im Taï-Nationalpark in der Elfenbeinküste meist Werkzeuge, um mit Hammer und Amboss Nüsse zu knacken. Im Gombe-Nationalpark in Tansania liegt ebenfalls genug Werkzeug herum, das sich zum Nüsseknacken eignen würde – doch die Schimpansen dort lassen es links liegen.

Tiergruppen entwickeln spezielle Kulturen

Wie und warum es zu solchen kulturellen Unterschieden kommt, ist in den meisten Fällen unbekannt. In jedem Fall braucht es den Impuls, etwas Neues auszuprobieren. Vermutlich geht dies häufiger von jüngeren oder rangniederen Individuen aus. Sie haben es nötiger, neue Wege zu gehen, um ihren Anteil an Futter oder anderen Ressourcen zu erhalten. Ahmt dann ein Tier den «Erfinder» nach, kann eine Kettenreaktion einsetzen, an deren Ende die ganze Gruppe das neue Verhalten übernimmt.

Am weitesten verbreitet – oder zumindest am besten untersucht – ist dieser Mechanismus bei Schimpansen. So hat ein Team um Andrew Whiten von der University of St. Andrews in Schottland vor einigen ­Jahren in einer Langzeitstudie das Verhaltensrepertoire von sieben Schimpansengruppen ausgewertet und ist dabei auf immerhin 39 kulturell bedingte Verhaltensweisen gestossen. Doch auch andere Primaten, Wale, Rabenvögel und Elefanten entwickeln in ihren Gruppen jeweils spezielle Kulturen.

Beim Artenschutz muss der Kultur Sorge getragen werden

Das Wissen darum könnte nicht nur helfen, den Ursprung menschlicher Kulturtechniken besser zu verstehen. Wie eine Gruppe von Forschern im Magazin «Science» schreibt, müssten die kulturellen Eigenarten einer Population auch beim Artenschutz berücksichtigt werden. «So wie wir die genetische Diversität bewahren wollen, so müssen wir auch bemüht sein, die kulturelle Vielfalt von Tierpopulationen zu erhalten», sagt Studienleiterin Philippa Brakes von der University of Exeter.

Konkret bedeute dies etwa, innerhalb einer Gruppe jene Tiere zu identifizieren, die besonders wichtig sind für die Weitergabe einer bestimmten Kultur, die also eine Art Lehrerfunktion übernehmen. Wer anderen zeigt, welcher Stock sich für welche Ameisenart eignet, der besitzt einen grossen Wissensschatz zum Wohle der gesamten Gruppe.

Erstellt: 09.03.2019, 19:06 Uhr

Artikel zum Thema

Fragile Freiheit für einen Affen

Porträt Das Orang-Utan-Weibchen Alba ist das einzig bekannte Albino-Tier seiner Art. Heute kehrt es in den Dschungel zurück. Mehr...

Uni Freiburg macht Affen süchtig nach Kokain

Abgas-Versuche an Affen sorgten weltweit für einen Skandal. Aber auch in der Schweiz wird an Primaten geforscht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Geldblog Vifor bleibt eine Wachstumsgeschichte

Von Kopf bis Fuss Hoch mit dem Hintern!

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...