Aischylos in Mosul

Niemand berichtet mehr über die Stadt – der IS ist ja offiziell besiegt. Was es nun braucht.

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Vergangene Woche war ich in Mosul, um mit belgischen und irakischen Schauspielern an einer Adaption der «Orestie» von Aischylos zu arbeiten, der ältesten griechischen Tragödientrilogie. Mosul liegt im Nordirak, 2014 wurde die Stadt welberühmt, als der selbst ernannte «Kalif» Abu Bakr al-Baghdadi, Anführer der Terrororganisation Islamischer Staat, in einer der grössten Moscheen der 3-Millionen-Stadt ein «Kalifat» ausrief.

Von der Kanzel, von der Baghdadi sprach, ist nichts mehr übrig. Die Al-Nuri-Moschee wurde, wie die Altstadt von Mosul, bei der Rückeroberung durch die irakische Armee komplett zerstört. Der schiefe Gebetsturm, der sich gemäss der Überlieferung vor dem Propheten bei seiner Himmelfahrt verneigte, war da bereits von den IS-Terroristen – von denen viele aus Europa stammten – gesprengt worden. Der Turm war zu formverliebt, um in ihrer engherzigen Auslegung des Korans Platz zu haben.

Als ich im Jahr 2016 zum letzten Mal in der Region war, um an meinem Stück «Empire» zu arbeiten, hatte der Kampf um Mosul gerade begonnen. Es sollte fast ein Jahr dauern, bis der IS endlich besiegt war – um den Preis der völligen Zerstörung einiger der bedeutendsten Stätten der menschlichen Kulturgeschichte.

Als es losging mit den Kleidervorschriften, machte das kaum jemanden nervös.

Denn Mosul war schon eine Weltstadt, als das Athen des Aischylos noch ein Hirtendorf war. Die Geschichte Zürichs etwa würde auf einen ­Bewohner Mosuls anekdotisch wirken – so wie auf einen Schweizer die «Geschichte» einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Geradezu Hunderten von fremden Herrschern musste sich Mosul in den letzten 3000 Jahren beugen, und als deshalb der IS ab 2010 sich in der Region zu etablieren begann, als es losging mit den Kleidervorschriften, machte das kaum jemanden nervös.

Erst 2014 zeigte sich das wahre Gesicht der selbst ernannten Sittenwächter: Die summarischen Hinrichtungen ­«Ungläubiger» begannen. Homosexuelle etwa wurden ermordet, indem man sie vom Dach eines Kaufhauses im Zentrum der Stadt stiess. Läuft man durch Mosul, trifft man immer wieder auf Menschen, denen die rechte Hand fehlt. Einer beispielsweise – ein junger ­Student, der in unserer irakisch-europäischen «Orestie» mitspielen wird – hatte aus dem Haus seiner Familie ein paar Bücher mitgenommen. Nur war das Haus kurz zuvor vom IS enteignet worden, was ihn in ihren Augen zum «Dieb» machte. Die Strafe dafür war das Abhacken der Hand.

Mosul ist medial uninteressant geworden

Wohl jedem, der diesen Text liest, ist der Name «Mosul» geläufig. Aber obwohl die Altstadt noch vermint ist und wöchentlich Autobomben hochgehen: Niemand berichtet mehr über die Stadt – der IS ist ja offiziell besiegt, Mosul ist medial uninteressant geworden. Umso wichtiger sind Kulturprojekte, denke ich. Ob es ein Problem sei, fragte ich den Leiter der Mosuler Schauspielakademie, dass die europäischen Mitglieder des «Orestie»-Ensembles kein Arabisch sprechen würden?

«Die letzten Belgier, die hier waren und Arabisch mit uns sprachen, haben unsere Familien ermordet», antwortete er. «Sprecht Englisch, Französisch, was immer ihr wollt. Wichtig ist das, was wir gemeinsam tun!»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.12.2018, 11:18 Uhr

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