Aktionärsvertreter kritisieren Doppelrollen von Topmanagern

Ruag-Präsident Remo Lütolf hat nebenbei noch vier weitere Verwaltungsratspräsidien inne. Er ist nicht der einzige, der Mandate anhäuft.

Anhäufung von Mandaten: Die Multi-Verwaltungsratspräsidenten Andreas Umbach, Remo Lütolf, Marco Gadola, Jens Alder (von links). Fotos: Keystone

Anhäufung von Mandaten: Die Multi-Verwaltungsratspräsidenten Andreas Umbach, Remo Lütolf, Marco Gadola, Jens Alder (von links). Fotos: Keystone

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Remo Lütolf hat derzeit alle Hände voll zu tun, müsste man meinen. Der von ihm seit knapp einem Jahr präsidierte staatliche Rüstungskonzern Ruag wird auf Befehl des Bundesrats Anfang kommenden Jahres in zwei Unternehmen aufgespalten. Das eine soll die Versorgung der Schweizer Armee garantieren und bleibt im Eigentum des Bundes. Das zweite wird privatisiert und soll sich zu einem internationalen Luft- und Raumfahrtkonzern entwickeln. Ebenfalls zum Verkauf steht die Munitionssparte.

Bei dieser Entflechtung ist politisches und wirtschaftliches Geschick gefragt. Und ein ausreichendes Zeitbudget. Lütolf sprach vor zwei Wochen von der grössten Transformation der Ruag in deren Geschichte.

Doch hat er dafür wirklich Zeit? Zweifel sind angebracht, denn der ehemalige Chef von ABB Schweiz ist nicht nur Präsident von Ruag, sondern hat vier weitere Verwaltungsratspräsidien inne: bei Energie Wasser Luzern, bei Erdgas Zentralschweiz, beim Aargauer Innovationspark Innovare und beim Risikokapital-Fonds Venture Incubator, der von grossen Unternehmen wie ABB, Credit Suisse, Nestlé, Novartis und Schindler gespiesen wird.

Damit nicht genug. Lütolf strebt auch noch das höchste Amt beim kriselnden Berner Solarzulieferer Meyer Burger an. Am Dienstag gab das Unternehmen bekannt, dass der 62-Jährige an der Generalversammlung vom 2. Mai als neuer Verwaltungsratspräsident vorgeschlagen ist.

Wenn Krisen auftreten, sind viele Mandate problematisch

Bei Aktionärsvertretern ist eine solche Machtballung nicht gern gesehen. Unter anderem, weil ein Multi-Verwaltungsratspräsident in einer Krisenphase zu wenig Zeit habe, um zum Rechten zu sehen. «Wir erachten es als problematisch, wenn jemand zu viele Mandate vereint», sagt Christophe Volonté von der Nachhaltigkeits-Ratingagentur Inrate. «Dies zeigt sich vor allem dann, wenn Unternehmenskrisen auftreten. Vielleicht läuft es momentan zu gut.» Dabei hatte man nach der Finanzkrise geglaubt, die Debatte um die Ämteranhäufung von Verwaltungsräten sei abgeschlossen. Doch weit gefehlt: Die Supermänner sind anscheinend zurück.

Die Ethos-Stiftung sieht es nicht gern, wenn sich ein Topmanager zu viel zutraut. Um sicherzustellen, dass Verwaltungsräte ausreichend verfügbar sind, hat sie in ihren Richtlinien zur Ausübung der Aktionärsstimmrechte eine Begrenzung der Höchstzahl von Mandaten festgelegt, die jemand ausüben kann. Danach soll eine Person ohne Führungsaufgabe in einem börsenkotierten Unternehmen höchstens fünf Verwaltungsratsmandate übernehmen. Dabei zählt Ethos die Funktion des Verwaltungsratspräsidiums doppelt. Nach diesen Kriterien sprengt Lütolf spätestens nach der Zuwahl bei Meyer Burger die Grenzen der Richtlinien. Die Stimme von Ethos hat Gewicht, da sie an Generalversammlungen 226 Pensionskassen und Stiftungen vertritt.

Lütolf selbst sieht kein Problem. Er sagt: «Ruag und Meyer Burger sind sicherlich zwei anspruchsvolle Aufgaben, doch angesichts der Pensen durchaus ohne negative Beeinträchtigung bewältigbar.» Nach seinen Angaben ist das ­Ruag-Pensum während der Entflechtungsphase bis Ende dieses Jahres mit 50 Prozent veranschlagt, ab Anfang nächsten Jahres wieder mit dem «Normalpensum» von 30 Prozent. Das Meyer-Burger-Pensum werde 30 Prozent betragen. «Zusammen werden dies zukünftig rund 60 Prozent sein, was genügend Raum auch für unerwartete Aufgaben lässt», sagt Lütolf. Er verweist darauf, er habe «als Generalstabsoffizier der Schweizer Armee gelernt, auch in kritischen Situationen und unter Zeitdruck effektiv und effizient zu arbeiten und qualitativ hochstehende Entscheidungen zu fällen». Immerhin kündigt er an: «Ich werde kein weiteres Mandat einer grösseren oder börsenkotierten Firma mehr anstreben.»

«Hauptberuflich als Konzernchef oder Geschäftsleitungsmitglied tätige Personen können nicht zusätzlich mehr als ein Verwaltungsratspräsidium bekleiden.»Silvan Felder, Geschäftsführer VR Management

Mit seiner Machtballung ist ­Lütolf nicht allein. In jüngster Zeit haben mehrere Topmanager mit einer Anhäufung von Mandaten Schlagzeilen gemacht. Allen voran Marco Gadola. Anfang März wurde der Chef des weltgrössten Zahnimplantateherstellers Straumann als neuer Verwaltungsratspräsident der Wäsche- und Sportbekleidungsgruppe Calida vorgeschlagen. Ab nächstem Jahr soll er auch Verwaltungsratspräsident des Handelskonzerns DKSH werden. Zudem wurde er für den Verwaltungsrat des soeben an die Börse gegangenen Tessiner Implantateherstellers Medacta nominiert, ebenso für den Verwaltungsrat des Präzisionswaagenherstellers Mettler Toledo. Im kommenden Jahr soll er ausserdem in den Verwaltungsrat von Straumann gewählt werden. Bereits sitzt Gadola im Verwaltungsrat der kriselnden Messebetreiberin MCH-Gruppe und in einer Verwaltungsgesellschaft, welche die Basler Privatbank Baumann & Cie kontrolliert. Gadola sieht in dieser Anhäufung trotz heftiger Kritik von Aktionärsvertretern kein Problem.

Auf die öffentliche Meinung pfeift auch der ehemalige Swisscom-Chef Jens Alder. Er hat viel Kritik auf sich gezogen, weil er beim Stromkonzern Alpiq Verwaltungsratspräsident und operativer Chef in Personalunion ist – und das mit einem Teilzeitmandat. Jetzt will er auch noch Präsident beim problembeladenen Stahlriesen Schmolz + Bickenbach werden. Hauptaktionär Viktor Vekselberg steht unter dem Sanktionsregime der USA, was auch den Verwaltungsrat beschäftigt.

Auf die Frage, ob er angesichts der Kritik von Aktionärsvertretern an seiner Dreifachrolle keinen Rufschaden befürchte, sagte Alder kürzlich im Interview mit der SonntagsZeitung: «Ach wissen Sie, über mich ist so viel geschrieben worden. Ich bin klar der Meinung, dass man sich nicht zu sehr nach der öffentlichen Meinung richten sollte.» Kritischer sieht es Silvan Felder, Inhaber und Geschäftsführer der Firma VR Management, die Verwaltungsräte für Unternehmen sucht und berät. Er sagt: «Hauptberuflich als Konzernchef oder Geschäftsleitungsmitglied tätige Personen können nicht zusätzlich mehr als ein Verwaltungsratspräsidium bekleiden. Darunter leiden alle entsprechenden Engagements, insbesondere in Zeiten einer Krisensituation.»

Fachleute haben den Begriff «Overboarding» erfunden

Zudem besteht die Gefahr von ­Interessenkonflikten – gerade auch bei Jens Alder. Denn Alpiq ist einer der Stromlieferanten von Schmolz + Bickenbach, wenn auch nicht einer der grössten. Beide Unternehmen betonen, sie hätten klare Ausstandsregeln. Zudem sei die Beschaffung von Strom nicht ­Sache des Verwaltungsrats, sondern der Geschäftsleitung, heisst es bei Schmolz + Bickenbach.

Einer, der ebenfalls bei zwei Unternehmen als Verwaltungsratspräsident amtet, ist Andreas Umbach. Er wurde im September Präsident des Getränkekartonherstellers SIG Combibloc, der damals an die Börse ging. Und er steht an der Spitze des Verwaltungsrats von Landis+Gyr, die 2017 an die Börse zurückkehrte. Dabei liegt beim Zuger Unternehmen vieles im Argen. Für die Anleger war der Börsengang ein Misserfolg. Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete Landis + Gyr in allen Regionen ausser Amerika einen Verlust. Bereits gibt es einen Begriff für Multi-Verwaltungsräte, die sich zu viel aufladen. Fachleute sprechen von «Overboarding». Dieses stelle ein konkretes Risiko dar, sagt Barbara Heller, Chefin des Aktionärsberaters Swipra. Betroffene Verwaltungsräte könnten aufgrund vieler Verpflichtungen oder latenter Interessenkonflikte ihre Aufgaben im Verwaltungsrat nicht immer ausreichend wahrnehmen. Dies sei insbesondere dann der Fall, wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten gerät, sich strategisch neu ausrichtet oder einen grossen Zukauf tätigt – aber auch im Courant normal, wenn es darum gehe, das Unternehmen auf mögliche Risiken abzuklopfen.

Erstellt: 07.04.2019, 12:09 Uhr

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