Algorithmus des Zeitgeists

Warum «Relotius» an einen von Linguisten programmierten Algorithmus erinnert.

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Als ich gestern von einer Wanderung im ­Alpstein nach St. Gallen zurückkam, sprachen mich in der Bahnhofshalle zwei Damen an. Ich sei doch Mitglied beim «Literaturclub», welches denn 2018 mein Lieblingsbuch gewesen sei? Und was ich von der «Spiegel»-Affäre halten würde?

Bekanntlich hat der «Spiegel»-Reporter Claas Relotius über Jahre Protagonisten und Tatsachen erfunden: Trump-Wähler, Hinrichtungs-Junkies oder syrische Flüchtlingskinder: Relotius hat sie alle beschrieben, nur leider gab es sie meist nicht. Obwohl sich anhand dieses fast schon klassischen Falls vortrefflich über Fake News und undurchsichtige Machtstrukturen im Jour­nalismus philosophieren liesse, interessiert mich ­etwas anderes: die literarische Qualität von Relotius’ Reportagen.

Denn sein Kunstanspruch, das Schönschreiben, habe Relotius zum Wahrheitsverdreher gemacht, so der «Spiegel» in einem epischen Mea culpa vergangene Woche. Die Begründungen für die Preise hinwiederum, die er mit seinen Reportagen reihenweise abräumte, lesen sich wie Nobelpreis-Laudationes. Interessant ist es, sie im Wortlaut zu geniessen: Als «überraschend» und «authentisch» wird eine Reportage seltsamerweise gerade dann gefeiert, wenn Relotius alles genau so ausmalt, wie man es sich sowieso vorgestellt hat. Trump-Wähler tragen in seinen Texten haufenweise Nazi-Tattoos und hassen Mexikaner, Syrer hinwiederum gehen «geduckt, da sie sonst Kugeln treffen könnten», durch «völlig stille» ­Ruinenstädte. Man wird den Verdacht nicht los, «Relotius» sei in Wahrheit ein von Linguisten programmierter Algorithmus: So überraschungslos sind seine Texte – und passen deshalb immer wie die Faust aufs Auge der kollektiven Vorstellungskraft unserer Zeit.

«So unwahrscheinlich, unfassbar und ­zugleich so normal und alltäglich ist alles.»

Und hier liegt ihr literarisches Problem: Gerade weil diese Reportagen vom Zeitgeist selbst verfertigt sind, müssen sie literweise mit privater Erlebnis-Sauce übergossen werden. Relotius ist dafür natürlich nur ein Beispiel: Das Deprimierende am Magazinjournalismus sind ja nicht die Fakten, sondern die sogenannten Einstiege. In diesen nähern sich Herr Meier und Frau Müller in entnervender Zeitlupe ihrem Thema. Egal, ob es sich um das Haus eines Interviewpartners in einem Vorort oder ein kurdisches Kriegercamp handelt: Dem Leser werden in biederer Ordentlichkeit die Farbe von ­Tapeten und T-Shirts, das Mienenspiel irgend­welcher Nebenfiguren und die Gespräche mit ­Taxifahrern verabreicht. Was die Sache erst recht geistlos macht.

Womit wir bei der zweiten Frage der – übrigens nicht erfundenen, aber überflüssigen – zwei Damen aus dem Einstieg dieser Kolumne wären: nach meinem Lieblingsbuch des Jahres 2018. Nun, das ist einfach: Ich empfehle, wie schon dutzendfach, den «Widersacher» von ­Emmanuel Carrère. Es ist ein Faktenroman, eine grosse Reportage, eine Recherche. Aber keine Sekunde stellt sich die Frage, ob auch alle Fakten wahr sind, denn «wahr» ist dieser Text auf einer ganz anderen Ebene – so unwahrscheinlich, unfassbar und zugleich so normal und alltäglich ist alles, was Carrère beschreibt. Dieser Text sagt einfach, was ist – und lässt uns gerade deshalb in den Abgrund des Menschenschicksals blicken.

Erstellt: 30.12.2018, 00:58 Uhr

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