Drei Stunden später brach sie zusammen

Allergie auf Fleisch nach Zeckenbiss: Antikörper gegen einen Zucker des Blutsaugers können einen lebensgefährlichen Schock ­auslösen.

Steak: Eine Fleischallergie wird nicht durch ­Fleischgenuss ausgelöst, sondern in der Schweiz etwa durch den Gemeinen Holzbock. Foto: Getty Images

Steak: Eine Fleischallergie wird nicht durch ­Fleischgenuss ausgelöst, sondern in der Schweiz etwa durch den Gemeinen Holzbock. Foto: Getty Images

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Sandra V.* wird den 11. August 1989 nie vergessen. Die damals 40-Jährige fuhr mit dem Auto auf dem Highway, als der Juckreiz begann: Hände, Finger, Füsse, Leisten, überall. Binnen Minuten schwoll ihr Körper so an, dass sie beinahe aussah wie das «Michelin»­Männchen. Ihre Augen waren fast zugeschwollen. Auch ihre Kehle wurde eng. Irgendjemand rief die Rettungssanitäter, V. bekam antiallergische Medikamente.

Danach ging etwa einen Monat lang alles gut – bis zur nächsten Attacke. V. ging zum Allergologen, er machte Tests und kam zum Schluss, dass sie auf etwa acht Dinge allergisch war, zum Beispiel auf Erbsen. Doch mit nichts davon war sie vor den Episoden in Kontakt gekommen. V. zweifelte an der Diagnose, mied die verdächtigen Lebensmittel aber.

Trotzdem hörten die Allergieschübe nicht auf: 21 schwere, sogenannte anaphylaktische Reak­tio­nen erlebte sie im Abstand von jeweils drei bis vier Wochen. Mehrmals fürchtete die Mutter zweier Töchter zu sterben, weil sie nicht genügend Luft bekam. Sie trug stets Notfallmedikamente bei sich und ­getraute sich nicht mehr, auswärts zu essen. V. führte nun Buch darüber, was sie ass. Es schien ihr, als hingen die Anfälle mit dem Verzehr von Fleisch zusammen. Vor der allerersten Attacke hatte sie mittags eine Bratwurst verspeist.

Fleisch verursache keine Allergien, erklärte ihr der Allergie­spezialist. Schuld sei allenfalls etwas, mit dem das Fleisch, vielleicht beim Zubereiten, behandelt wurde. Der Arzt riet zur Eliminationsdiät: fünf Tage lang nur Reis und dann alle zwei bis drei Tage ein weiteres Lebensmittel einführen. Nicht einmal bei Erbsen und den Dingen, gegen die V. angeblich allergisch war, passierte etwas.

Zur Feier ihres 43. Geburtstags wollte sie ganz sichergehen. Sie kaufte ein Biolamm und bereitete es ohne Würze zu. Drei Stunden nach der Mahlzeit brach sie bewusstlos zusammen – allergischer Schock. Sie überlebte. Dass sie kein Fleisch vertrug, stand für sie fest.

Ihre Geschichte sprach sich herum. Immer wieder meldeten sich nun Leute mit ähnlichen Beschwerden bei ihr: Sie erwachten mitten in der Nacht schweissgebadet, rangen nach Luft, weil ihnen die Kehle zuschwoll, sie bekamen am ganzen Körper einen Nesselausschlag und hatten von der massiven Schwellung völlig entstellte Gesichter.

Woher kam diese Allergie? V. war auf einer Rinderfarm aufgewachsen und hatte von klein auf Fleisch gegessen, ohne Probleme. Sie suchte nach besonderen Ereignissen im Sommer 1989. Über 100 Zeckenbisse hatte sie damals gehabt, es war eine richtige Plage. Nach dem ersten fühlte sie sich monatelang elend. Als sie ihren Verdacht mit anderen Betroffenen teilte, berichteten auch diese von ­Zeckenbissen. V. erzählte ihrem Allergologen davon, der der Allergologischen Gesellschaft im US-Bundesstaat Georgia wie auch der US-Gesundheitsbehörde CDC berichtete. Doch das Ganze versandete.

Ein Krebspatient starb nach der Behandlung innert 20 Minuten

Kein Wunder, denn ihre ­Hypothese schien mehr als abwegig: Erstens weil es offiziell keine Fleischallergie gab. Zweitens weil eine allergische Sofortreaktion auf ein Nahrungsmittel – wie der Name sagt – sofort abläuft, nicht erst mit drei bis acht Stunden Verzögerung. Drittens weil Nahrungsmittel­allergien sich meist schon im Kindesalter zeigen. Viertens weil die Hauttests auf Fleisch bei den Betroffenen keine Allergie anzeigten. Und fünftens weil es völlig abstrus ist, dass Zecken eine solche Allergie verursachen sollen – wie, bitte schön, soll das gehen?

Dann passierte im Jahr 2006 etwas, das scheinbar keinen Zusammenhang mit der Geschichte ­von V. hatte: In Arkansas starb ein Krebspatient innert 20 Minuten nach der ersten Behandlung mit dem Krebsmedikament Cetuximab an einer allergischen Reaktion. Es war völlig unverständlich. Denn damit eine Allergie entstehen kann, muss der Körper mindestens einmal zuvor mit der Substanz Kontakt gehabt haben. Das Mittel war aber völlig neu.

Als weitere schwere allergische Reaktionen bei anderen Patienten auftraten, wandte sich der Hersteller an Forscher der Universität Virginia. Komischerweise reagierte in den Staaten im Südosten der USA etwa jeder fünfte Patient allergisch auf Cetuximab. In Staaten wie New York, Boston oder Kalifornien dagegen passierte das nur rund einem von hundert.

Ein Jäger reagierte sogar auf Gummibärchen allergisch

Das Erste, was die Forscher entdeckten, war: Die allergisch reagierenden Patienten hatten im Blut alle Antikörper gegen einen Zucker namens Galactose-alpha-1,3-Galactose, kurz Alpha-Gal. Auch bis zu 20 Prozent der Bevölkerung im Südosten der USA hatten ­diese Antikörper. Cetuximab enthielt den Zucker ebenfalls, wenn der Wirkstoff von Mäusezellen produziert wurde.

Die zweite Erkenntnis: Die Wohnorte der Krebspatienten deckten sich etwa mit dem Vorkommen der Lone-Star-Zecken. Zudem konnten die Wissenschaftler beweisen, dass der Spiegel an Antikörpern gegen Alpha-Gal nach Zeckenbissen steigt. Probe­halber testeten sie auch das Blut von Patienten, die dachten, dass sie gegen Fleisch allergisch waren – und fanden Antikörper gegen Alpha-Gal.

Die dritte Erkenntnis: Bestimmte Zeckenarten haben Alpha-Gal im Verdauungstrakt und geben es beim Stich ab. Bei manchen Menschen bildet das Immunsystem daraufhin Antikörper dagegen. Da rotes Fleisch Alpha-Gal enthält, reagieren sie auch darauf. Geflügel und Fisch dagegen werden problemlos vertragen. Nun hatten die Ärzte endlich eine plausible Erklärung für Patienten wie Sandra V.

Die Fleischallergie warf vieles über den Haufen, was sie bis dahin zu wissen glaubten: Sie wird nicht durch Fleischgenuss verursacht, sondern vorwiegend durch Zeckenstiche, in der Schweiz durch den Gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus). Sie richtet sich nicht gegen ein Eiweiss, wie sonst üblich bei Nahrungsmittelallergien, sondern gegen den Zucker Alpha-Gal. Und sie läuft ab wie eine allergische Sofortreaktion, tritt aber erst Stunden nach der Mahlzeit auf, vermutlich weil erst dann das im Darm aufgenommene Alpha-Gal in die Blutbahn gelangt.

«In der Schweiz gibt es meh­rere Patienten mit dieser Fleisch­allergie. Sie wird vermehrt diagnostiziert, weil man sich des Zusammenhangs jetzt bewusst ist», sagt Arthur Helb­ling, Leiter der Allergologisch-Immunologischen Poliklinik am Inselspital Bern. Helbling schätzt, dass deutlich weniger als ein Prozent der Bevölkerung eine Fleischallergie hat – wobei die Häufigkeit auch davon abhängt, wie verbreitet die Zecken sind und wie oft jemand gebissen wird.

«Wir haben Förster und Jäger untersucht. Der wichtigste Risikofaktor, dass jemand Antikörper gegen Alpha-Gal bildet, die eine Fleischallergie auslösen, sind Zeckenbisse», sagt Tilo Biedermann, Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie an der TU München. Diese Antikörper gegen Alpha-Gal zu haben, heisse aber nicht automatisch, dass man allergisch auf rotes Fleisch reagiere. «Etwa 35 Prozent der Förster und Jäger haben diese Antikörper im Blut, 9 Prozent berichten auch von einer Fleischallergie.»

Im Extremfall ergeht es den Betroffenen wie dem Jäger, der sogar auf Gummibärchen allergisch reagierte. Der Grund: Die Gelatine enthält Alpha-Gal. Auch bestimmte Medikamente tierischen Ursprungs können in solchen Fällen zu schweren allergischen Reaktionen führen. «Hellhörig sollte man werden, wenn man dreimal pro Jahr nachts wegen einer Allergie erwacht», rät Biedermann. Selbst wenn sich eine Fleischallergie bestätige, sei es aber meist nicht nötig, Fleischprodukte gänzlich zu streichen. «Eine Scheibe Wurst auf dem Brot vertragen die meisten.»

Sandra V. indes verzichtet weiterhin auf Fleisch von Säugetieren. Seit ihrem 43. Geburtstag ­hatte sie nie wieder einen allergischen Anfall.

* Name der Redaktion bekannt (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.04.2018, 19:13 Uhr

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